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Fahrverbot am Kesselberg: Biker erzürnt, Anwohner hoffnungsvoll

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Von: Andreas Steppan

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Mit einer Motorraddemo protestierten im April 2021 hunderte Motorradfahrer gegen das Fahrverbot am Kesselberg. Dass dieses jetzt sogar noch ausgeweitet werden soll, stößt erwartungsgemäß auf wenig Begeisterung.
Mit einer Motorraddemo protestierten im April 2021 hunderte Motorradfahrer gegen das Fahrverbot am Kesselberg. Dass dieses jetzt sogar noch ausgeweitet werden soll, stößt erwartungsgemäß auf wenig Begeisterung. © Patrick Staar

„Dem einen zu viel, dem anderen zu wenig“: So lassen sich die ersten Reaktionen auf das angekündigte erweiterte Fahrverbot für Motorradfahrer am Kesselberg zusammenfassen.

Kochel am See – Die Ankündigung, dass ab Frühjahr 2023 der Kesselberg für bergauffahrende Motorräder täglich von 15 bis 22 Uhr gesperrt wird, schlägt hohe Wellen. Auf wenig Begeisterung stößt die Maßnahme erwartungsgemäß beim Verein „Blue Peers“, der 2021 eine große Motorrad-Demo gegen Streckensperrungen veranstaltet hat. Ein von Motorradlärm betroffener Anwohner dagegen setzt Hoffnungen in das neue Fahrverbot.

Die bekloppten Motorradfahrer werden dann eben anderswo unterwegs sein.

Gabor Kovács, Vorsitzender des Vereins „Blue Peers“

Kesselberg: „Man hat über Motorradfahrer entschieden, ohne mit den Betroffenen zu reden“

„Man hat hier wieder einmal über Motorradfahrer entschieden, ohne mit den Betroffenen zu reden“: Das ist ein Kritikpunkt, den Gabor Kovács, Vorsitzender der „Blue Peers“, anführt. Dabei gebe es ihm zufolge neben seiner eigenen Gruppierung noch genügend andere Verbände, die die Sichtweise von Motorradfahrern einbringen könnten. Die „Blue Peers“ setzen sich für Unfallprävention und eine sichere Fahrweise ein. Dass mit dem angekündigten Fahrverbot nun auch die Mehrzahl der vernünftigen Motorradfahrer eingeschränkt werde, „das ist, als ob sich im Restaurant einer daneben benimmt, und ich bekomme als Unbeteiligter Hausverbot“, argumentiert er. Zudem glaubt der Münchner, dass ein Fahrverbot die Probleme nicht löse, sondern nur verlagere. „Die bekloppten Motorradfahrer werden dann eben anderswo unterwegs sein.“

Sinnvoller wäre es aus seiner Sicht, „diese Klientel zum Nachdenken zu bringen“. Nach Kovács’ Meinung wäre das mit einer noch höheren Polizeipräsenz und Infoständen möglich. Zudem plädiert er für ellipsenförmige Fahrbahnmarkierungen, wie es sie in Österreich gibt. „Die bremsen Raser aus und helfen Anfängern, eine saubere Linie zu fahren.“

Kesselberg-Sperrung ist aus Sicht der Verkehrsbehörde verhältnismäßig

Die Unfallkommission – bestehend aus Vertretern von Polizei, Verkehrsbehörde im Landratsamt und Staatlichem Bauamt – war dagegen wie berichtet zu dem Schluss gelangt, dass alle anderen Maßnahmen auf der Serpentinenstrecke ausgeschöpft seien. Dass es Kritik geben würde, sei klar gewesen, sagt Georg Fischhaber vom Landratsamt. „Den einen wird es zu wenig sein, den anderen zu viel“, sagt er. Er betont aber, dass für die Unfallkommission ausschließlich Fakten maßgeblich gewesen seien „und nicht Gefühle“.

Mit Fakten meint er die Analyse des Unfallgeschehens der vergangenen fünf Jahre. Trotz aller ergriffenen Maßnahmen habe „die Zahl der Unfälle nicht deutlich abgenommen, und auch die Schwere der Unfälle ist noch da“. 78 Prozent der Unfälle mit Motorrädern hätten sich zwischen 15 und 22 Uhr ereignet. Vor diesem Hintergrund sei die angepeilte Regelung „für jeden nachvollziehbar“ – und auch „verhältnismäßig“, so der Chef der Verkehrsbehörde. Natürlich sei es ein großer Schritt, den Gemeingebrauch einer Bundesstraße einzuschränken. „Aber sollen wir einfach die Augen verschließen und der Dinge harren?“

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Befahren des Kesselbergs am Wochenende jetzt wieder bis 15 Uhr möglich

Genau die Verhältnismäßigkeit zweifelt Kovács an. Zumindest aber hätte er sich gewünscht, dass, wenn man schon unter der Woche von 15 bis 22 Uhr sperrt, im Gegenzug den Kesselberg an den Wochenenden komplett freigibt. Bekanntlich gilt schon seit 1978 an Samstagen sowie Sonn- und Feiertagen ein Fahrverbot für Motorräder in Richtung von Kochel nach Walchensee. Nach Kovács’ Lesart ist das bezogen auf die Unfallhäufigkeit nicht gerechtfertigt, da man am Wochenende im dichten Ausflugsverkehr ohnehin nur sehr langsam fahren könne.

Dem hält Fischhaber entgegen, dass sich die Unfallzahlen eben wegen der Wochenend-Sperrung nicht vergleichen ließen. Zudem strebe man eine „einheitliche und klare Regelung“ an jedem Wochentag an. Die beinhaltet übrigens auch, dass Motorradfahrer, die über den Kesselberg in Richtung Walchensee, Innsbruck oder Italien fahren wollen, das nun auch am Wochenende legal bis 15 Uhr tun können.

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Das wiederum weckt Bedenken bei einem 41-jährigen Bichler, der nach eigenen Angaben als Anwohner stark unter dem Motorradlärm schon auf der Anfahrtsstrecke zum Kesselberg leidet. Auf die Auswirkungen des künftigen Fahrverbots sei er „sehr gespannt“, sagt der Familienvater, der namentlich nicht in der Zeitung stehen will. Für die Nachmittags- und Abendstunden erhofft er sich „auf jeden Fall eine Besserung“. Offen ist für ihn aber, ob die Motorradfahrer stattdessen um 10.30 Uhr vorbeiknattern. Eine zeitliche Verlagerung des Verkehrs und damit des Unfallgeschehens sei „nicht auszuschließen“ und müsse während der zweijährigen Testphase bis Herbst 2024 beobachtet werde, bestätigt Fischhaber.

Den Anwohner treibt zudem die Frage um, wie das Verbot überwacht wird. Das werde der Fall sein, kündigt Steffen Wiedemann, Chef der Polizeistation Kochel an. „Dazu werden Kollegen von andren Dienstellen hinzugezogen.“ Die Polizei werde sich so organisieren, dass Motorradfahrer zu jeder Zeit zwischen 15 und 22 Uhr damit rechnen müssen, kontrolliert zu werden. Wer gegen die Regel verstößt, müsse mit 50 Euro Bußgeld rechnen. Und beim zweiten Mal werde eine Ordnungswidrigkeitenanzeige fällig. Mit Gebühren und Auslagen komme man auf knapp 130 Euro.

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