Falsch behandelt: Grafinger (50) wird impotent

Kreisklinik: Hier wurde der Grafinger behandelt.

Ebersberg - Die Ärzte in der Kreisklinik Ebersberg hatten eine Blinddarmentzündung erst nicht erkannt. Und zu spät behandelt. Deshalb kämpft ein Grafinger seit Jahren mit den Folgeschäden. Nun forderte er vor Gericht Schadensersatz für sein Leid.

Seine Tragödie begann mit Bauchschmerzen. Franz T. (Name von der Redaktion geändert) suchte die Notaufnahme der Kreisklinik auf. In der Eile diagnostizierten die Ärzte dort eine entzündliche Darmerkrankung. Sechs Tage lag der heute 50-Jährige im September 2006 auf Station, schluckte Medikamente, krümmte sich vor Schmerzen - bis die Symptome nicht mehr zu übersehen waren. Dann war es fast zu spät. Dieser Vorfall hatte nun ein juristisches Nachspiel vor dem Landgericht München II. In einem Zivilprozess wegen Arzthaftung forderte der Patient Schadensersatz.

Als die Ärzte die eigentlich eindeutigen Symptome endlich richtig deuteten und ihn in den Operationssaal schoben, hatte der Patient bereits einen Blinddarm- und einen Gallenblasendurchbruch erlitten. Dann begann eine Odyssee: „Nach dem großen Eingriff war alles im Bauchbereich verschwollen, es war wie eine riesige Haube“, sagte Franz T. nun. Er saß mit kleinen schmerzverzerrten Augen im Sitzungssaal. „Seitdem schleppe ich mich von Arzt zu Arzt und von Klinik zu Klinik.“ Eine Reihe an Nachbehandlungen folgten. Aber es half alles nichts. Das Schlimmste waren die brennenden Schmerzen im Bauch. Im März 2009 brach er unter der Last der jahrelangen Schmerzen zusammen: „Damals hat es mich einfach umgehauen“, sagte der Grafinger. Doch damit nicht genug: Er verlor seine Gallenblase, bekam Schwindelattacken, Depressionen, Sehstörungen, wurde impotent. Der 50-Jährige kann keinen Beruf mehr ausüben. Zuvor, sagte er am Rande der Verhandlung, habe er immer nur körperlich gearbeitet. „Das geht jetzt nicht mehr.“

Das Gericht ließ den Fall von einem medizinischen Gutachter prüfen. Dieser bestätigte, dass die Ärzte eine falsche Diagnose gestellt hatten, die bis zur Not-Operation nicht mehr überprüft wurde. Bereits durch Abtasten der Bauchregion hätten sie das Leiden erkennen müssen: „In 90 Prozent der Fälle genügt das“, erklärte er. Zwar konnte der Gutachter nicht eindeutig feststellen, dass ein organischer Zusammenhang zwischen dem verspäteten Eingriff und den Folgeschäden besteht. Angesichts der psychischen Störungen, die der Patient seitdem mit sich herum trägt, seien jedoch psychosomatische Hintergründe denkbar. Das Gericht stufte den Vorfall als „Befunderhebungsfehler“ ein, der dieselben Auswirkungen hat wie ein grober Behandlungsfehler. Da ein außergerichtlicher Vergleich gescheitert war, schlug das Gericht eine Wiedergutmachungssumme von 150 000 Euro vor. Der Kläger hatte 400 000 Euro angepeilt, die der Beklagte entschlossen abblockte. Schließlich einigten sich beide Parteien auf einen gerichtlichen „Vergleich auf Wideruf“. Das heißt, sie akzeptierten den gerichtlichen Vorschlag - wenn auch mürrisch. Bei Bedarf können sie ihn fristgerecht widerrufen. Oder endlich Ruhe finden.

Von Marlene Kadach

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