Wie die Retter mit Tragödien umgehen

Feuerwehr-Kommandant erzählt von schlimmsten Einsätzen: “Man hört nächtelang noch die Schreie“

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Kommandant Friedrich Moser hat 30 Jahre Feuerwehr-Erfahrung, weiß aber, dass man nicht auf jeden Einsatz vorbereitet werden kann. Für Emotionen ist aber erst Platz, wenn der Einsatz abgeschlossen ist.

Ein Mensch stirbt bei einem Verkehrsunfall. Die Trauer der Hinterbliebenen, die Folgen eines solchen Schicksals – all das kann ein Außenstehender nur erahnen. Doch wie fühlen sich die Menschen, die so eine Unfallstelle als Erste erreichen?

Allershausen Das Leben nach einem Einsatz geht für die Rettungskräfte weiter. Oft ist es gerade das, was die schlimmen Bilder eines Einsatzes lange nicht verblassen lassen: die abrupte Rückkehr in den Alltag. „Du fährst in der Nacht zu einem Unfall raus, ein Mensch ist gestorben. Du bist fünf Stunden und länger da draußen, dir ist bewusst, ein Mensch wurde mitten aus dem Leben mit seiner Familie gerissen. Dann fährst du heim, am nächsten Morgen in die Arbeit – und die Welt dreht sich einfach weiter.“

Friedrich Moser ist seit 30 Jahren bei der Feuerwehr, seit acht Jahren ist er Kommandant in der Feuerwehr Allershausen. Er hat schon viel gesehen, viel Leid hautnah miterlebt. Doch ein Einsatz wie der vor einigen Wochen, als ein Mann bei einem Unfall auf der A9 aus dem Auto geschleudert und mitgeschleift wurde, geht ihm immer noch unter die Haut (merkur.de berichtete). „Dafür gibt es keine Ausbildung“, sagt er auf die Frage, wie die Einsatzkräfte auf so etwas vorbereitet werden. Und nach so einem Einsatz könne man eigentlich nur von denen Verständnis für das eigene Befinden erwarten, die so etwas selbst schon erlebt haben.

Die ersten Rettungskräfte finden ein leeres Auto vor

Was die Freiwilligen an der Unfallstelle erwartet, können die Rettungskräfte nicht mit letzter Sicherheit vorhersagen, betont Moser. Oft lasse die Meldung, die die Feuerwehrleute auch per SMS bekommen, freilich Rückschlüsse zu. Heißt es zum Beispiel „Person unter Fahrzeug eingeklemmt“, fährt man, wie Moser sagt, schon ganz anders zur Unfallstelle als bei der Meldung „Verkehrsunfall, Technische Hilfeleistung klein“.

Eine Tragödie ereignete sich vor einigen Wochen auf der A 9: Der Fahrer war zunächst nicht auffindbar – bis sich herausstellte, dass er von einem anderen Fahrzeug erfasst und mitgeschleift worden war.

Bei jenem Unfall hieß es zwar: Person eingeklemmt. Vor Ort bot sich den Rettungskräften aber zunächst ein absolut harmloses Bild. Der Pkw des vermeintlichen Unfallverursachers stand rechts an der Betonleitwand. Ein weiteres, auf den ersten Blick unbeteiligtes Fahrzeug stand etwa 200 Meter vom Unfallwagen entfernt. Der Pkw des Unfallfahrers war leer. Dass einer unter Schock steht und die Unfallstelle einfach verlässt, kommt öfter mal vor, sagt Moser. In dem Fall jedoch war es anders: „Der Rettungsdienst war vor uns da, stand am vermeintlich unbeteiligten Fahrzeug.“ In den kommenden Augenblicken fügen sich die einzelnen Informationen wie Mosaiksteinchen zu einem schrecklichen Bild zusammen: Der Fahrer hat sich nicht von der Unfallstelle entfernt, sondern wurde aus dem Wagen geschleudert, von einem anderen Pkw erfasst und 200 Meter mitgeschleift.

Moser und sein erfahrener Feuerwehrkollege, der Vorsitzende des FFW-Vereins, handeln geistesgegenwärtig, sehen zu, dass keiner der drei Feuerwehrkollegen, die an dem Tag mit im Einsatz sind, und noch keine Erfahrung mit einem Toten an einer Unfallstelle haben, zu nah an den Verstorbenen herankommt.

Schlaflose Nächte nach grauenhaften Unfalleinsätzen

Doch wie schafft man es – erfahren oder nicht – mit seinen Emotionen nach so einem Erlebnis umzugehen? „Früher hat man da einfach gar nichts gemacht“, sagt Moser. „Da galt es, keine Schwäche zu zeigen.“ Zwar gab es in der Grundausbildung schon immer das Thema „psychodramatische Notfälle“. Aber jeder Einsatz sei anders. Und auch die Folgen für die Retter wären nicht immer dieselben. „Manchmal macht es dir gar nichts aus. Ein andermal liegst du nächtelang wach und hörst noch immer die Schreie des eingeklemmten Opfers.“ Was sich der einzelne bei einem Einsatz zutraut, sei auch nicht immer gleich. Oft müsse beispielsweise die Leiche für den Gutachter umgedreht werden. „Dem fühlt sich nicht jeder gewachsen.“

Es gibt ein Feuerwehr-Gesetz

Bei der Feuerwehr in Allershausen gibt es ein ungeschriebenes Gesetz: Nach einem Einsatz geht keiner sofort nach Hause. „Wir sitzen hier zusammen“, sagt Moser und macht mit der Hand eine ausladende Bewegung durch den großen Aufenthaltsraum der FFW. In Mosers Augen ist das das Einzige, was nach traumatischen Erlebnissen wirklich hilft. „Vor allem ist es für die Jungen wichtig zu sehen, dass es selbst noch den erfahrenen Kameraden an die Nieren geht, wenn ein Mensch bei einem Unfall ums Leben gekommen ist.“ Auch an besagtem Tag haben sich die Kameraden nach dem sechsstündigen Einsatz Zeit für ein gemeinsames Frühstück und Gespräche im Feuerwehrhaus genommen.

Die schlimmsten Einsätze für Moser

Was geht Moser besonders nahe? „Alles, was mit Kindern zu tun hat“, gesteht er. Er erinnert sich an einen Unfall vor ein paar Jahren. Eine junge Mutter kam dabei ums Leben. Mit im Wagen: der zehnjährige Sohn, unverletzt. Der Bub mit seinen blonden Haaren erinnerte Moser an seinen eigenen Sohn in dem Alter. „Und dann fragt er mich, wo seine Mama ist. Ich wusste, sie hat mit dem Tod gerungen, sie hat verloren. Das hat mich fertig gemacht.“ 

Konzentration ist das oberste Gebot an der Unfallstelle. Egal, wie schrecklich das Bild ist, das sich den Einsatzkräften bietet, es gilt, einen klaren Kopf zu bewahren.

Auch für Rettungskräfte ist in solchen Fällen das Kriseninterventionsteam Ansprechpartner. Das nahm man in Anspruch, als die Mannschaft vor Jahren zu einem schweren Unfall ausrückte, bei dem ein junger Feuerwehrkamerad ums Leben kam. „Dafür gibt es keine Worte“, sagt Moser mit gebrochener Stimme und deutet auf das Foto neben dem Eingang des Aufenthaltsraums. Ein junger Mann lacht von der Wand – der junge Feuerwehrkamerad, der bei dem Unfall gestorben ist.

Autos brettern an der Leiche vorbei

Moser ist es ein wichtiges Anliegen, bei aller Hektik, bei aller Konzentration, die bei so einem Einsatz auf der vielbefahrenen Autobahn nötig sind, die Würde der Opfer nicht aus den Augen zu verlieren. Moser hatte ein Schlüsselerlebnis. Auch damals kam ein Mensch auf der Autobahn ums Leben. Der Tote lag am Fahrbahnrand, „abgedeckt wie ein Stück Vieh“, die Autos bretterten vorbei. „Ich dachte mir damals, was sagst du den Angehörigen, wenn die wissen wollen, wie das an der Unfallstelle abgelaufen ist.“ Seither ist in jedem Einsatzfahrzeug ein Büchlein mit Gebeten und verschiedene Utensilien, mit denen man das würdevoller gestalten kann. Der evangelische Pfarrer Heinz Winkler war den Freiwilligen bis zu seinem Ruhestand eine wichtige Stütze. „Den konnten wir in solchen Fällen auch mitten in der Nacht anrufen, und er ist ins Feuerwehrhaus gekommen, um uns beizustehen.“

Appell an die Gaffer: „Die Menschen haben einfach nur Angst“

Was der Kommandant oft persönlich nimmt, ist Kritik an der Feuerwehr. „Da hört man schon öfter mal ,Jetzt brauchen die schon wieder ein neues Fahrzeug’.“ Da würde er sich schon wünschen, dass die Menschen sich mehr für die Arbeit der Rettungskräfte interessieren. „Aus Rücksicht auf die Menschen am Ort fahren wir in der Nacht ohne Martinshorn zu den Einsätzen raus, damit keiner aufwacht, es gibt keine Sirene mehr, weil wir über Funk benachrichtigt werden – was dann zur Folge hat, dass keiner mehr mitkriegt, wie oft wir im Einsatz sind.“

Einen Appell richtet Friedrich Moser speziell an die Gaffer: „Wenn die das nächste Mal im Schritttempo an der Unfallstelle vorbeifahren oder gar stehenbleiben, um das menschliche Drama auch noch zu filmen, sollen sie sich bitte Folgendes durch den Kopf gehen lassen: Da sind Menschen, zum Teil schwer verletzt, die einfach nur Angst haben – egal ob junges Mädchen oder gestandenes Mannsbild. Die Menschen sind umgeben von Fremden, die ihnen helfen und ihnen ihre Angst nehmen wollen. Die Gaffer sollen sich einfach vorstellen, sie selbst oder ein Angehöriger sei in dieser Situation.“

Für sich und seine 72 Kameraden wünscht er sich einfach, nie wieder zu einem tödlichen Verkehrsunfall gerufen zu werden. Doch das wird wohl ein Wunsch bleiben...

Und dann ist man noch der „Depp“

Retten, bergen, löschen – und das während der Verkehr nur wenige Zentimeter entfernt vorbeidonnert. Die Belastung für die Retter ist groß und dann ist man noch der „Depp“. Matthias Rötsch, Kommandant der Graßlfinger Feuerwehr bei Olching, erzählt auf merkur.de von seinen Einsätzen an der Autobahn und wie undankbar manche Autofahrer mit ihnen umgehen

Das THW Freising war auf einer Fahrt zu einem Einsatz auf der A92 ganz erstaunt - aus gutem Grund: „Das haben wir noch nie gesehen“. Das Hilfswerk THW Freising postete daraufhin ein Video darüber auf Facebook, wie merkur.de berichtete.

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