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Kein Feuerwerksverkauf wegen Corona: Pyrotechniker ist verärgert - und gibt bittere Prognose

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Von: Peter Borchers

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Bild aus vergangenen Tagen: Pyrotechniker Enrico Enzmann (hier mit seiner Frau Silke) hat seine Lizenz abgegeben. Ein generelles Verbot von Feuerwerk hält der Königsdorfer aber für absolut überzogen.
Bild aus vergangenen Tagen: Pyrotechniker Enrico Enzmann (hier mit seiner Frau Silke) hat seine Lizenz abgegeben. Ein generelles Verbot von Feuerwerk hält der Königsdorfer aber für absolut überzogen. © sh/Archiv

Wegen der Pandemie ist der Verkauf von Feuerwerk auch in diesem Jahr verboten. Enrico Enzmann, ausgebildeter Pyrotechniker, ist das Verbot nicht differenziert genug.

Königsdorf/Geretsried – Die vierte Corona-Welle umklammert Deutschland. Das wirkt sich auf das Jahresfinale aus: Feuerwerk und Böller dürfen hierzulande auch heuer nicht verkauft werden. Am Himmel werden zu Silvester also allenfalls Restbestände aus dem heimischen Keller zu sehen sein, denn verboten ist die Knallerei nicht. Dies allerdings fordern Umwelt- und Tierschützer seit Jahren. Enrico Enzmann sieht diese Entwicklung kritisch, und das, obwohl der ausgebildete Pyrotechniker seine Zulassung für Großfeuerwerke nicht mehr verlängert hat. Redakteur Peter Borchers sprach mit dem Geretsrieder Unternehmer, der in Königsdorf zuhause ist.

Feuerwerksverbot in Bayern: „Entspricht dem Zeitgeist - aber teilweise fadenscheinige Begründungen“

Herr Enzmann, um im Bild zu bleiben: Das Feuerwerk fliegt Pyrotechnikern wie auch seinen Fans derzeit um die Ohren. Die Lunte gelegt haben das ökologische Lager und die Pandemie.

Es entspricht dem Zeitgeist, Feuerwerk zu verbieten. Grüne und die Deutsche Umwelthilfe fordern es seit Jahren – das aber teilweise mit fadenscheinigen Begründungen. Ich greife mal zwei auf: zum einen die Verletzungsgefahr, mit der argumentiert wird, zum anderen die Thematik Feinstaub.

Ist die Möglichkeit von Verletzungen nicht mit Corona im Zusammenhang – zu sehen – Stichwort: überlastete Krankenhäuser?

Ja, das wird aktuell gerne thematisiert. Fakt ist aber: Zu Verletzungen durch Feuerwerke gibt es bundesweit keine gesicherten Zahlen. Fakt ist ebenfalls, dass die Grünen 2019 im Landtag eine Anfrage zu diesem Thema gestellt haben. Die Antwort: Im gesamten Freistaat gab’s in der Silvesternacht 2018/19 25 Verletzte im Zusammenhang mit Feuerwerk – bei 13 Millionen Einwohnern. In aller Regel waren das kleinere Verbrennungen oder Schnittverletzungen. Hochgerechnet wären das etwa 200 bis 250 Verletzte bundesweit. Ich frage mich schon, ob solche Zahlen relevant sind, wenn in einer Silvesternacht exponentiell mehr Leute wegen Alkohol, Schlägereien oder Sonstigem in der Notaufnahme landen? Für mich ist das ein vorgeschobenes Argument.

Kein Feuerwerksverkauf wegen Corona: „Für mich ein vorgeschobenes Argument“

Wie sieht es beim Thema Feinstaub aus? Davon wird doch jede Menge in die Luft geblasen. Von 5000 Tonnen ist allein in Deutschland die Rede.

Die Umwelthilfe kommuniziert hier Zahlen, die völlig aus der Luft gegriffen sind. Unabhängige Studien haben das nachgewiesen. Hier spricht man von 1850 Tonnen.

Das ist immer noch eine Menge.

Oberflächlich betrachtet ja, aber man muss ins Detail gehen. Feinstaub durch Feuerwerk ist hygroskopisch, das heißt, er wird durch Luftfeuchtigkeit gebunden und ist innerhalb weniger Stunden verschwunden.

Verschwunden? Irgendwo muss das Zeug doch bleiben?

Schon, aber der Staub enthält kaum giftige Substanzen. Wenn wir über Feinstaub reden, dann von viel gefährlicheren Sachen wie den Abrieb von Bremsbelägen oder Reifen. Dieser Staub ist nicht hygroskopisch. Er wird immer und immer wieder aufgewirbelt, vor allem in Trockenzeiten. Außerdem sind diese Partikel so winzig, dass sie Zellbarrieren durchdringen und das menschliche Immunsystem schädigen können. Auch sollte man die Relationen beachten. Der Vulkan auf La Palma, der monatelang Unmengen an Staub und Schadstoffen in die Atmosphäre gepustet und der unser Ferienhaus zerstört hat, stieß, schätze ich, stündlich mehr Schadstoffe aus, als deutschlandweit durch den Abschuss aller Silvesterfeuerwerkskörper entstehen.

Feuerwerksverbot: „Hersteller werden pleite und Arbeitsplätze verloren gehen“

Aus den Gründen, die Sie genannt haben, ist ein Feuerwerksverbot für Sie nicht nachvollziehbar?

Generell stellt sich die Frage, was man noch alles verbieten will beziehungsweise wo es sinnvoll ist, etwas zu untersagen. Zur Klarstellung: Ich habe kein Problem damit, etwas zu verbieten, wenn es Sinn macht. In diesem Kontext stellt sich für mich zum Beispiel die Frage: Wie viel Feinstaub entsteht beim Rauchen? In Deutschland sterben jährlich etwa 125 000 Menschen nur durchs Rauchen. Was ich damit sagen möchte: In Deutschland darf der normale Bürger nur einmal im Jahr für zwei Stunden Feuerwerk abschießen, Rauchen darf jeder jederzeit. Nun soll Feuerwerk verboten, das Kiffen aber legalisiert werden. Das passt für mich irgendwie nicht zusammen, obwohl ich, das möchte ich betonen, nicht grundsätzlich gegen die Freigabe von Cannabis bin. Und man darf noch eins nicht vergessen: Mit dem Verkaufsverbot werden die Hersteller von Feuerwerk pleite und Arbeitsplätze verloren gehen. 90 Prozent von deren Jahresgeschäft läuft über Silvester. Fallen die weg, kann man das mit staatlichen Hilfen vielleicht ein Jahr überbrücken, aber kein zweites. Dann ist die Pyrotechnik-Branche hier in Deutschland tot. Dann werden chinesische Hersteller für einen Appel und ein Ei diese Firmen aufkaufen, was ja in anderen Bereichen schon gang und gäbe ist.

Es erscheint doch sinnvoll, in einer Zeit, in der das Coronavirus so heftig wütet, große Menschenansammlungen zu vermeiden.

Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Auch ich bin dafür, in dicht besiedelten und bebauten Innenstädten Feuerwerk zu verbieten. Nicht jeder Ort ist dafür geeignet. Wenn viele Menschen zusammenstehen, ist es nicht sicher genug. Das betrifft den Schutz vor Ansteckung ebenso wie den Schutz vor Bränden. Bad Tölz mit dem Verbot in der historischen Marktstraße und die Stadt Wolfratshausen mit dem Ober- und Untermarkt haben das absolut richtig gelöst. Aber bitte kein grundsätzliches Verbot. Der Gesetzgeber agiert hier, als ob ganz Deutschland eine Großstadt ist. Ich wünsche mir einfach, dass die Sachlage differenzierter betrachtet wird.

Feuerwerksverbot: „Gefahr, dass sich Freaks Raketen und Kracher aus Tschechien und Polen besorgen“

Fürchten Sie, dass sich durch das Verkaufsverbot die Menschen illegal Feuerwerkskörper besorgen?

Es werden nur wenige Leute legale übrig haben vom vorletzten Silvester. Die Gefahr besteht durchaus, dass sich die Freaks Raketen und Kracher aus Tschechien und Polen besorgen. Die sind nicht geprüft und besitzen keine CE-Kennzeichnung. Die Leute denken: „Das ist doch nur eine Cakebox mit 30 Millimeter Kaliber, die können wir schon abschießen.“ Nur bedenken sie nicht, dass die ganz andere chemische Bestandteile enthält, die in Deutschland nur einem Profi vorbehalten sind, weil sie eben so gefährlich sind. Da ist mal schnell die halbe Hand weg. Wenn man mit Verboten arbeitet, darf man den Reiz des Verbotenen nicht außer Acht lassen. Wir werden durch illegale Böller möglicherweise mehr Menschen in den Notaufnahmen haben.

Video: Dieser Mann hätte durch selbstgebastelte Pyrotechnik fast sein Leben verloren

Kein Feuerwerksverkauf wegen Corona: „Eigentlich müsste man sogar mehr schießen als üblich“

Sie haben Ihre Konzession als professioneller Pyrotechniker nicht verlängert. Geschah das aus Frust über die Stimmungsmache?

Ja und nein. Das Alter spielt auch eine Rolle. Ich habe bald einen Sechser davor. Ein Großfeuerwerk zu installieren, ist eine Menge Arbeit und setzt auch körperliche Fitness voraus. Ich hab’s ein bisschen im Rücken. Aber ich würde lügen, wenn mich die aktuelle Entwicklung, was die Regelungen, ein Feuerwerk anzumelden betrifft, nicht ärgern würde. Früher haben die meisten Leute ein Feuerwerk gerne gesehen. Heute muss sich ein Pyrotechniker oft dafür rechtfertigen. Eigentlich ist es schade: Feuerwerk hat eine lange Tradition. Der Gedanke dahinter ist ja, damit die bösen Geister des alten Jahres zu vertreiben. Und davon gibt es in der jetzigen Covid-Krise doch reichlich. Eigentlich müsste man sogar mehr schießen als üblich. Ein bisschen Spaß sollte in dieser schwierigen Zeit doch noch erlaubt sein. peb

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