Das Lager der 5000

So läuft es in der größten Flüchtlingsunterkunft Bayerns

1 von 5
tz-Redakteur Armin Geier vor dem Lager in Feldkirchen – das offiziell Warteraum genannt wird
2 von 5
Ohne Heizung müssen hier derzeit meist drei Personen in einem Zelt schlafen.
3 von 5
Vor dem Tor warten viele Flüchtlinge auf ein Taxi. Da Feldkirchen ein Übergangslager ist, brechen viele selber zur Weiterreise auf.
4 von 5
Das Familienzelt.
5 von 5
An diesem Platz werden die Flüchtlinge schnell registriert.

Feldkirchen - Ein rostiges Metalltor, daneben Stacheldraht-Zaun. Auf dem Boden liegen Decken des Roten Kreuzes, leere Wasserflaschen. Das ist der Zugang zum größten Flüchtlingslager Bayerns. tz-Redakteur Armin Geier besucht es.

„Wo ist das Camp“, frage ich mich und blicke durch die Metallstäbe über eine riesige Wiese. Hinter einem Waldstück entdecke ich eine Reihe Zelte. Versteckt, von keiner Straße einsehbar. „Das muss es sein“, denke ich.

„Die Presse hat hier keinen Zugang“, höre ich plötzlich einen Sicherheitsmann sagen. „Außer Sie haben eine Sondererlaubnis“, fügt er an. Die habe ich nicht – aber ich will da trotzdem rein! Feldkirchen in Niederbayern: Der kleine Ort (1855 Einwohner) nahe Straubing ist in den letzten Tagen zum Inbegriff der Flüchtlingsmassen geworden. Unglaubliche 5000 Menschen sollen hier in den nächsten Wochen direkt neben der Gäuboden-Kaserne untergebracht werden. Später will man das Ganze dann – wenn nötig – gar auf 10.000 Flüchtlinge aufstocken. Dimensionen, die man bisher nur von Lagern im Libanon oder aus Jordanien kannte.

Wie soll das gehen? Genau das will ich wissen: Doch besonders das Innenministerium in Berlin scheint etwas dagegen zu haben, dass sich hier ein Münchner Redakteur umsieht. „Keine Zugangserlaubnis“, wird mir von der Security wieder mitgeteilt. Satte zwei Stunden warte ich vor dem Tor. Erst als sich dankenswerterweise die Chefetage des Bayerischen Roten Kreuzes in München einschaltet, bekomme ich Zutritt. Über die riesige Wiese marschiere ich also Richtung Zeltlager. Dabei kommen mir immer wieder Flüchtlinge entgegen – ganze Familien mit Koffern, Gepäck. „

Die verlassen auf eigene Faust das Lager und wir dürfen sie nicht aufhalten“, wird mir später eine Helferin des Roten Kreuzes erklären. „Sie sind ja freie Menschen, dürfen sich frei bewegen.“ Klingt logisch – sonst wäre das Camp ja eine Art Gefängnis. Nur: Theoretisch müssten die Menschen wieder zurückkehren, da sie im Lager registriert wurden.

Dennoch fehlen jede Nacht rund 200 Personen. „Abgängig“, nennt man das hier. Was die Flüchtlinge tun? Sie reisen per Taxi oder Zug zu Verwandten – oder wollen weiter in andere Länder. Im Lager selbst ist die Stimmung ruhig. Vielleicht auch weil derzeit „nur“ gut 800 Asylbewerber hier leben – doch es werden jede Stunde mehr. Fast alle kommen per Bus aus Passau, weil dort alles aus den Nähten platzt. Und so reiht sich zwischen den Waldbäumen auch eine Zelt-Reihe neben der anderen.

Im Inneren ist nur Platz für drei Klappliegen – das war’s. „Und nachts wird es nun halt auch empfindlich kalt – ohne Heizung“, erklärt Dr. Thomas Moch vom Roten Kreuz. „Lange geht das nicht mehr.“ Daher wird nun auch ein großes isoliertes Winterzelt errichtet. Im Minutentakt kommen Laster mit Kies und Baumaterial an. Dr. Thomas Moch ist im Camp so eine Art Mädchen für alles – im positiven Sinne. Seine größte Sorge ist derzeit, alles zum Laufen zu bringen. „Wir sind ja erst seit letztem Wochenende hier.“

Flüchtlinge werden im "Krankenzelt" auf Bierbank untersucht

Bald werde hier alles voller Menschen sein. Dass bis dahin noch einiges getan werden muss, zeigt ein Blick ins „Krankenzelt“. Hier werden die Ankömmlinge untersucht – auf einer Bierbank. Daneben stehen ein paar Hygienetücher, ein Spray. Sonst nichts. Auch das Registrierungszelt ist eher spartanisch eingerichtet: Per Laptop und Standkamera werden die Flüchtlinge hier schnell registriert. „Viele von ihnen bekommen da erst wirklich mit, in welchem Land sie sind“, erzählt Dr. Moch lächelnd. Ein Freudenschrei oder auch mal ein paar Tränen seien da keine Seltenheit.

Ein Zelt weiter versorgt Mark Münkel (36) Mütter und Familien mit Babysachen und Waschzeug. Der Däne ist seit gut vier Jahren beim Roten Kreuz, war schon mehrfach im Süd-Sudan im Einsatz: „Dass ich mal in Deutschland in einem riesigen Lager Menschen helfe, hätte ich nie gedacht“, sagt er nun. „Das ist schon irgendwie merkwürdig.“ Ja, merkwürdig ist auch das Gefühl, das einen beschleicht, wenn man mitten im Zeltlager steht.

Über 5000 Menschen sollen hier versorgt werden? Was ist, wenn der Winter richtig hart wird? Mit Schnee, Eis? Die Helfer des Roten Kreuzes, die Freiwilligen des THW – sie sehen hier alle müde und geschafft aus. Eins ist klar: Sie tun alles, was in ihrer Macht steht, damit den Menschen geholfen wird. Respekt dafür! Aber: Es wird in Zukunft noch mehr Helfer brauchen. Das weiß hier jeder – auch wenn es keiner sagt. Als ich später zum Tor zurückgehe, schlägt mir plötzlich ein Flüchtling von hinten auf die Schulter. „Danke“, sagt er zu mir. An der Hand hält er Tochter Ayla. „Für was?“, frage ich. Dann deutet er auf das Lager der 5000: „Für das hier!“

Armin Geier

Das könnte Sie auch interessieren: Die Bundespolizei versucht offenbar, die wahre Zahl der täglich ankommenden Flüchtlinge zu verschleiern.

auch interessant

Meistgesehen

Fernseher implodiert: Massiver Brand in Mehrfamilienhaus in Bruck
Fernseher implodiert: Massiver Brand in Mehrfamilienhaus in Bruck
Mega-Stau: Lastwagen außer Kontrolle auf der A8
Mega-Stau: Lastwagen außer Kontrolle auf der A8
Dachauerin (28) stirbt bei Zusammenstoß mit Lkw
Dachauerin (28) stirbt bei Zusammenstoß mit Lkw
Gas statt Bremse: 75-Jährige rast gegen Raiffeisen-Schild
Gas statt Bremse: 75-Jährige rast gegen Raiffeisen-Schild

Kommentare