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Immer mehr Nachtlandungen am Münchner Flughafen: „Will, dass in der Nacht a Ruah is“

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Von: Dirk Walter

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Der Flughafen München befindet sich wieder im Aufwind: Lufthansa-Airbus in der Dämmerung
Der Flughafen München befindet sich wieder im Aufwind: Lufthansa-Airbus in der Dämmerung. © IMAGO/Rolf Poss

Der Flughafen München boomt wieder – das merken auch die Anwohner. Mit Sorge blicken sie auf die nächtlichen Frachtflüge, die die Zukunft des Airports sichern sollen.

Freising – „Wenn die Flieger kommen, ist es die Hölle“, sagt Andrea Speckmaier. Letztens sei sie um 1.18 Uhr wach geworden – ein Überflug tief in der Nacht, sagt Cornelia Beyerer aus Langenbach. „Ich will einfach, dass in der Nacht a Ruah is“, sagt Irmgard Stiller aus Au in der Hallertau.

Fünf Flughafen-Anwohner treffen sich am Donnerstag in einem Wirtshaus in der Freisinger Innenstadt. Es geht um Austausch und Vernetzung, die Flughafen-Kritiker sortieren sich gerade neu. „Wir müssen wachrütteln“, sagt Stefan Neumann. Er hat die Runde initiiert. Er wohnt in Thalham bei Attenkirchen. Die Gemeinde liegt zehn Kilometer nördlich des Münchner Flughafens, aber Fluglärm, sagt Stefan Neumann, den gibt es dort auch. Natürlich nicht so viel wie über den direkten Flughafen-Nachbarn Attaching, Pulling oder Berglern – aber schon spürbar. So empfinden es die Anwohner.

Flughafen München bald wieder so wie vor Corona? Für Viele „Horrorvorstellung“

Neumann war früher in der örtlichen Bürgerinitiative aktiv, er engagiert sich im Bürgerverein Freising, der die Schadstoff-Belastung durch den Flughafen misst, und er ist Gegner der dritten Startbahn – aber um die geht es jetzt erst mal nicht. Vielmehr macht ihm der nach der Corona-Flaute wieder zunehmende Flugverkehr Sorgen.

2019 meldete der Flughafen 417.000 Flüge, aus Sicht des Unternehmens die beste Bilanz seit langem. Dann jedoch kam Corona – und die Zahl der Flüge rasselte nach unten. 2020 waren es nur noch 147.000, 2021 dann 153.000. Während das Unternehmen mit Kurzarbeit und Abfindungen versuchte, über die Runden zu kommen, atmeten die Anwohner auf: Es wurde ruhiger. Sie empfanden keine Schadenfreude, jeder Arbeitsplatz sei wichtig – aber das subjektive Wohlergehen, das zähle doch auch.

So in etwa war die Stimmungslage unter den Anliegern, die sich nun gerade ändert. Der Flughafen boomt plötzlich wieder, schneller als erwartet sogar. Von Januar bis Oktober dieses Jahres wurden 224.000 Flüge gezählt – weit mehr als im Gesamtjahr 2021. Bis Jahresende rechnet der Flughafen mit 270.000 bis 280.000 Flügen. 2024, so hat Flughafen-Chef Jost Lammers mehrmals betont, werde der Flughafen zur alten Stärke zurückgefunden haben: Heißt: Es gibt wieder so viele Flüge wie vor Corona. Für die Anwohner ist das eine Horrorvorstellung.

Demos, Infoabende, Reden mit der Politik – die Bürgerinitiativen müssten wieder aktiv werden, fordert Neumann. Bei ihrem Treffen am Donnerstag diskutieren die fünf Flughafen-Kritiker über Fluglärm und Flugrouten. Neumann hat sogar ein Messgerät zuhause. Ein Ansatzpunkt: die Fluglärmkommission, ein Gremium, in dem Kommunalpolitiker, Flughafen-Vertreter und die Deutsche Flugsicherung sitzen.

Die Kommission unter Vorsitz des Landrats sei völlig inaktiv und undurchschaubar, kritisiert Florian Gränzer aus Attenkirchen. Er wollte die Protokolle und die Satzung ansehen – die überraschende Antwort aus dem Landratsamt via E-Mail zeigt er der Runde auf seinem Handy: Die Papiere seien „nicht öffentlich zugänglich“. Gränzer will nachhaken. Es sei doch wichtig, die Flugrouten zu kennen, etwaige Beschwerden darüber und die Beratungen des Gremiums.

Flughafen: Zunehmende Frachtflüge sind Anwohnern ein Dorn im Auge

Auch über eine neue Entwicklung am Flughafen ist die Runde alarmiert: Frachtflüge.

Die Zahl der reinen Frachtflüge ist für sich genommen zwar nicht sehr hoch – zwischen Januar und Oktober 3320 Flüge, 1,5 Prozent des Gesamtaufkommens. Die meiste Fracht ist sogenannte Beiladung, wird also in Passagierfliegern mittransportiert. Eine Statistik des Flughafens, die unsere Zeitung auf Anfrage erhielt, zeigt aber, dass die reinen Frachtflüge vor allem frühmorgens oder in der Nacht stattfinden. Über 1400 der 3320 Frachtflüge starteten oder landeten zwischen 22 und 0 Uhr, weitere knapp 1000 zwischen 5 und 7 Uhr.

„Wir müssen wachrütteln“, sagt Stefan Neumann (Mitte, roter Pulli), der die Mitstreiter zusammengetrommelt hat
„Wir müssen wachrütteln“, sagt Stefan Neumann (Mitte, roter Pulli), der die Mitstreiter zusammengetrommelt hat. © Lehmann

Flughafen München erhält neues Frachtzentrum - geht es dann erst richtig los?

Anwohner fürchten, dass das nur der Anfang ist. Sie verweisen darauf, dass Flughafenchef Jost Lammers vor seinem München-Engagement den Flughafen Budapest geführt hat und dort das Frachtgeschäft stark ausgebaut hat. Im August war auf dem Münchner Flughafen-Gelände Spatenstich für ein neues Verteilzentrum von DHL („Eilfracht-Umschlagzentrum“). Derzeit gibt es zehn DHL-Frachtflüge in der Woche nach Leipzig und Großbritannien. Die Zahl werde, wenn das Frachtzentrum 2024 einmal fertig ist, mit Sicherheit steigen, meint Stefan Neumann.

Argumentationshilfe erhofft er sich auch von der Bundesvereinigung gegen Fluglärm. Auf deren Forderungskatalog steht eine jährliche Slot-Reduzierung der Flughäfen um drei Prozent.

Gerade jetzt – wo der Flughafen doch wieder im Aufwind ist? Ja, sagt Neumann. Viele Flüge, etwa innerdeutsch, seien überflüssig. Daran habe sich auch nach Corona nichts geändert.

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