Vor dem Spatenstich waren die Hindernisse

Der Tag, als der Flughafen ins Erdinger Moos kam

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Ende 1990 beginnt der Bau des neuen Flughafens, hier der Zentralbereich des Terminals 1 mit dem Vorfeld West im Hintergrund

Der 5. August 1969 ist für die Region Erding-Freising ein historischer Tag: Vor 50 Jahren beschloss die Staatsregierung unter Ministerpräsident Alfons Goppel, den neuen Flughafen München als Ersatz für Riem im Erdinger Moos zu bauen. Dabei hatten Experten diesen Standort schon abgeschrieben.

Erding – Es war Bayerns größte Baustelle und das mit Abstand umfangreichste, aber auch umstrittenste Infrastrukturprojekt in den 80er-Jahren: der Bau des neuen Flughafens München. Die Überlegungen hatten bereits 1963 begonnen. Heute haben sich die Menschen in der Region mit dem Flughafen abgefunden. Er beschert wirtschaftlichen Erfolg, aber auch enormen Siedlungsdruck. Fundiert zusammengetragen hat dieses Kapitel Wirtschaftsgeschichte der Autor Ingo Anspach in seinem 1999 erschienenen Buch „Wie im Flug – Die 50-jährige Geschichte der Flughafen München GmbH“.

München: Mehr Passagiere als Einwohner - eine neuer Flughafen muss her

Für den Flugverkehr von und nach München steht lange der Name Riem. Der Airport ist nach dem Krieg wieder instand gesetzt worden, erweist sich jedoch bereits Ende der 50er-Jahre als zu klein. Im März 1963 tagt zum ersten Mal eine Planungskommission, die der Freistaat und die Landeshauptstadt München mit Vertretern des Landtags, der Regierung von Oberbayern und der Bundesanstalt für Flugsicherung einberufen hat. Ihr Ziel: Standortsuche für einen neuen Großflughafen. Zu dieser Zeit werden erstmals mehr Passagiere als Einwohner Münchens gezählt – 1,2 Millionen, ein Plus von 18 Prozent.

70 Mal in eineinhalb Jahren tagt die nach dem Vorsitzenden, Arbeitsminister Richard Oechsle, benannte Oechsle-Kommission. 20 Standorte rund um München werden begutachtet, drei bleiben am Ende über: Hörlkofen südöstlich von Erding, Sulzemoos (Kreis Dachau) direkt an der A 8 und der Hofoldinger Forst (Kreis München). Das Erdinger Moos – offiziell ist die Rede vom Standort Erding-Nord – ist anfangs gar nicht in der engeren Wahl. Die meteorologischen Verhältnisse der nebligen Region sowie den intensiven militärischen Flugbetrieb am nur wenige Kilometer entfernten Fliegerhorst Erding sieht die Oechsle-Kommission als problematisch an.

Ihr Plan ist, in einer ersten, maximal acht Jahre dauernden Bauzeit zumindest eine Startbahn und eine erste Bodenorganisation zu bauen, um Riem zu entlasten. Die Situation dort spitzt sich zu. Die Maschinen werden größer, die Landebahn ist mit 2600 Metern fürs aufkommende Jumbo-Zeitalter zu kurz. An neuen Standort sind es 4000 Meter.

Flughafen: Stadt München beteiligt sich an den Baukosten 

Trotz hoher Schulden erklärt sich die Stadt München im November 1965 bereit, maximal ein Drittel der Baukosten zu übernehmen, auch der Bund macht eine Investitionszusage. 1973 wird er dritter Eigentümer. Zu dieser Zeit gründet sich eine Behördenkommission, die Standortsuche und Planung vorantreiben soll. Sie steht unter Druck, denn am 25. April 1966 entscheidet das IOC, die Olympischen Spiele 1972 nach München zu vergeben.

1966 läuft immer mehr auf den Standort Hofoldinger Forst hinaus. Am 28. Juli verkündet die Behördenkommission genau diese Entscheidung. Nur drei Monate später wird das Raumordnungsverfahren eingeleitet.

Umgehend formiert sich Protest: Im April 1967 steht die Schutzgemeinschaft Hofoldinger Forst, der sich 41 Gemeinden aus drei Landkreisen anschließen. Aber auch in Riem wächst der Zorn, dass am alten Standort nichts vorangeht.

Im Rahmen des Raumordnungsverfahrens werden die Alternativstandorte noch einmal untersucht. Das Bundesverteidigungsministerium deutet an, für den Großflughafen den militärischen Flugbetrieb in Erding entweder einschränken oder ganz aufgeben zu können. Und der Deutsche Wetterdienst meint, an bis zu 60 Tagen im Jahr könnte wegen des Nebels im Erdinger Moos der Luftverkehr zum Erliegen kommen. Dennoch sei das Vorhaben machbar, schließlich würde ein solches Projekt hektarweise Moorflächen austrocknen. Die Situation sei witterungsmäßig mit der in Riem vergleichbar.

Das treibt die Erdinger auf die Barrikaden. Im Dezember 1967 gründet sich die Schutzgemeinschaft Erdinger Moos – unter dem Vorsitz des Oberdinger Bürgermeisters Franz Schwaiger. Zu einer ersten Demo am 22. März 1968 kommen 5000 Teilnehmer.

Erdinger Moos wird neuer Flughafen-Standort

Ungeachtet dieses Widerstandes fällt die Bezirksregierung am 6. November 1968 eine Vorentscheidung: Erding erhält den Vorzug vor Hofolding. Sie erntet wütenden Protest: 500 Moosbauern blockieren Ende November mit 150 Traktoren stundenlang die Erdinger Innenstadt.

Vergebens. In ihrer letzten Sitzung vor der Sommerpause beschließt die Staatsregierung am 5. August 1969: Der neue Münchner Flughafen wird im Erdinger Moos gebaut. Ein Argument: der Standort Erding sei 314 Millionen Mark billiger als Hofolding. Ministerpräsident Goppel spricht von einer „schwierigen Entscheidung“. Die FMG macht keine Ferien, nur neun Tage später beantragt sie die luftrechtliche Genehmigung für einen neuen Großflughafen. 1970 gibt die Betreibergesellschaft einen Masterplan in Auftrag. Sechs flughafenerfahrene Arbeitsgemeinschaften deutscher und internationaler Planungsbüros sollen einen Flughafen entwerfen.

Zwei Prämissen werden ihnen mit auf den Weg gegeben: Alle Verkehrsträger, also auch Straße und Schiene, sollen optimal angebunden werden, die Erschließung müsse leistungsfähig sein. Das ist bis heute nur zum Teil erfüllt. Ein Fernbahnanschluss wie in Frankfurt fehlt, die Erschließung von Osten führt über die hoffnungslos überlastete und unfallträchtige Flughafentangente. Und die Schienenverbindung vom Moos-Airport nach Erding existiert nach wie vor nur auf, mittlerweile allerdings konkreten, Plänen.

Die FMG steht vor einer Herkulesaufgabe, sie muss den chronisch überlasteten Riemer Flughafen am Leben erhalten und gleichzeitig einen Airport bauen, der hinter Frankfurt die deutsche Nummer zwei werden soll.

Im April 1971 erhalten dann die Architektengemeinschaften Becher-Kivett & Myers, Dorsch-Gerlach-Weidle sowie die Projektgemeinschaft für Flughafenplanung den Zuschlag, einen Geländenutzungs- und Funktionsplan zu entwerfen. Der sieht anfangs sogar vier Start- und Landebahnen vor – mit den Gebäuden in der Mitte. Am 9. Mai 1974 liegt die luftrechtliche Genehmigung für „MUC II“ vor. Den Architektenwettbewerb gewinnt die Gemeinschaft Busse & Partner-Blees-Büch-Kampmann.

Im März 1976 beginnt das öffentliche Anhörungsverfahren – mit einer Veranstaltung in Haimhausen (Kreis Dachau). Viele weitere folgen, ehe die Regierung von Oberbayern am 8. Juli 1979 den Planfeststellungsbeschluss verkündet – neun Jahre und elf Monate nach der Standortentscheidung.

Proteste von Nachbarn und Naturschutzbund gegen den Flughafen scheitern

Doch die künftigen Nachbarn geben sich nicht geschlagen. Es besänftigt sie auch nicht, dass von den vier geplanten Start- und Landebahnen nur drei übrig geblieben sind. Fast 6000 Klagen reichen sie ein – die Justiz ist überfordert. Am Ende werden 40 Musterkläger ausgewählt. Im März 1980 scheitert gegen diese Entscheidung eine Verfassungsbeschwerde des Bund Naturschutz. Die Gerichte ebnen dem Bau den Weg.

Am 3. November 1980, einem eiskalten Tag, ist Spatenstich. Die FMG will den Moos-Airport 1986 in Betrieb nehmen. Doch dazu soll es nicht kommen. Nur fünf Monate später verhängt der Bayerische Verwaltungsgerichtshof einen Baustopp, der ganze vier Jahre währt. Den Richtern scheint der Flughafen überdimensioniert. Auch die dritte Bahn wird gestrichen,

Erst nach dem 8. März 1985 darf weitergebaut werden. Am 11. Mai 1992 eröffnet Ministerpräsident Max Streibl den neuen Flughafen, der bereits 1990 den Namen Franz Josef Strauß erhalten hat, vor 2000 Gästen. Am 17. Mai geht „MUC II“ in Betrieb – nach einem Rekord: Der komplette Flughafen zieht binnen einer Nacht ins Erdinger Moos um.

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Lesen Sie auch: Flughafen München bekommt neuen Chef - Vorgänger geht nach 17 Jahren in Ruhestand

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