Im Forst bei Grünwald

Hier lebt seit zwei Jahren ein Einsiedler

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Die Welt von Michael B. (30) spielt sich unter Plastikplanen ab, mit einem kleinen Grillplatz und einem Schlaflager mitten im Forst bei Grünwald.

Grünwald - Die Welt von Michael B. (30) spielt sich unter Plastikplanen ab, mit einem kleinen Grillplatz und einem Schlaflager mitten im Forst bei Grünwald. Er hat nicht vor, in ein konventionelles Leben zurückzukehren. B. plant er den Bau einer eigenen Kapelle.

Die Einsamkeit hat Michael B. bewusst im Forst gesucht. „Ich kann mich hier allein in Ruhe auf Gott konzentrieren.“

Versteckt, im dichten Gehölz, hat Michael B. sein Lager aufgeschlagen. Aus langen, dünnen Baumstämmen, Seilen und Plastikplanen hat er sich eine Art Unterstand gebaut. Darunter finden sich eine Sitzgelegenheit, ein kleines Bücherregal und ein Grill. Daneben steht ein provisorisches Zelt, das als Schlafplatz dient. Ein schmaler Weg aus Erde und Kies umzäunt das kleine Reich, das der 30-Jährige stolz „mein Zuhause“ nennt. Besuch bekommt Michael B. hier draußen selten. Zufällig verirrt sich niemand hierhin. Überrascht schaut er deshalb aus seinem Unterschlupf hervor. Bis auf ein paar Laubblätter in den blonden, schulterlangen Haaren mag man kaum glauben, dass der 30-Jährige schon seit knapp zwei Jahren hier mitten im Wald lebt. Seine Jeans und sein T-Shirt sind sauber, die Schuhe geputzt. Um den Hals trägt er eine goldene Kette mit Kruzifix. Auf ein gepflegtes Äußeres legt Michael B. viel Wert. „Ich bin nicht so einer“, wehrt er sofort mit einem energischen Kopfschütteln ab. Jeden Tag fährt der tiefgläubige Aussteiger nach München in das Benediktinerkloster St. Bonifaz.

Hier hat er auch seine Postadresse. „Da wasche ich mich und meine Sachen und esse“, erzählt er in fließendem Deutsch mit leicht osteuropäischem Akzent. Vor fünf Jahren ist der gebürtige Slowake nach Bayern gekommen. Davor, sagt er, habe er verschiedene Klöster in Italien und Wien besucht. Damals habe Gott ihm diesen Weg auferlegt. „Ich habe mir das nicht ausgesucht, Gott hat mich auserwählt“, davon ist der Chemielaborant mit Fachabitur überzeugt. Mutter und Bruder ließ er in der Slowakei zurück. Auch sein Hab und Gut schenkte er seinem Bruder. „Ich brauche nichts, Geld oder Besitz sind mir nicht wichtig.“ Früher, da habe er sich mal Kinder, ein Haus, eben eine richtige Familie gewünscht. Aber heute weiß er: „Mein Weg ist ora et labora – beten und arbeiten.“ Der heilige Franziskus ist sein Vorbild. Der habe auch unter einfachsten Bedingungen im Einklang mit der Natur gelebt.

Diese Zeichnung (l.) hat Michael B. bei den Bayerischen Staatsforsten eingereicht. So stellt er sich seine Kapelle einmal vor.

Die Einsamkeit hat Michael B. deshalb bewusst im Forst gesucht. „Ich kann mich hier allein in Ruhe auf Gott konzentrieren.“ Damit das auch so bleibt, möchte er sich nicht fotografieren lassen. Zu groß ist seine Sorge, die Menschen könnten nach ihm suchen und ihm sein heiliges Fleckchen Freiheit zerstören. Hier fühlt er sich angekommen. „Das ist der Ort, an dem ich mal sterben möchte“, sagt er, und seine hellblauen Augen strahlen vor aufrichtigem Glück. Dabei hat er selbst schon mehrmals durch laute Schreie während seines Gebets die Aufmerksamkeit von Spaziergängern auf sich gezogen, die aus Sorge, jemand könnte ernsthaft in Gefahr sein, die Polizei verständigten. Erst dadurch ist es überhaupt ans Tageslicht gekommen, dass hier jemand im Forst lebt. Da war Michael B. schon über ein Jahr da. Und auch sein großes Projekt blieb kein Geheimnis mehr: Neben seinem Unterstand will der 30-Jährige nämlich für sich selbst eine Kapelle bauen. „Das ist mein Lebenswunsch.“ Eine zwei Meter tiefe Grube hat er bereits über mehrere Monate hinweg eigenhändig ausgehoben. Die Steine aus dem Untergrund sind sorgsam zu einem Wall aufgeschüttet. „Aus diesen Steinen will ich meine Kapelle bauen, so wie im Mittelalter, mit einfachsten Materialien.“ Bei den Bayerischen Staatsforsten, die für den Freistaat Bayern den Wald bewirtschaften, hat B. sogar eine Zeichnung seiner Kapelle, sozusagen als Bauplan, eingereicht. „Ein Kuriosum“, findet Alfred Strauch, stellvertretender Forstbetriebsleiter. So etwas habe er vorher noch nie gesehen.

Zwar schreibt Michael B. in seinem Antrag, dass es sich um ein fünf mal zehn Meter großes Gebäude handeln würde. Seine aufwändige Zeichnung allerdings lässt anderes vermuten. Mit vielen kleinen Erkern, Giebeln und Stockwerken erinnert das Bauwerk eher an eine stattliche Mittelalter-Burg als an eine bescheidene Kapelle. Wüsste Alfred Strauch nicht, dass es Michael B. ernst ist mit seinem Bauprojekt, er würde es glatt als Scherz abtun. Stellvertretend für die Behörde sagt Strauch ganz klar: „Wir lehnen das ab.“

Letztlich liegt die Entscheidung, ob es eine Baugenehmigung gibt, beim Landratsamt, aber dort ist bisher kein Antrag eingegangen, und Strauch glaubt auch da nicht daran, dass Michael B. Erfolg haben wird. Der Kapellen-Bau habe schon allein deshalb keine Chance, weil er einen Präzedenzfall schaffen würde: „Wenn wir das einem erlauben, öffnen wir Tür und Tor für andere.“ Ebenso problematisch sei es, dass Michael B. überhaupt im Wald lebt. „Das ist einfach mal verboten“, sagt Strauch. Der 30-Jährige habe auf fremdem Grund und Boden ein Waldlager errichtet. Für „höchst bedenklich“ hält es der Forstbetriebsleiter auch, dass B. dort grillt. Nicht auszudenken, was passieren könnte, sollte Feuer auf Holz und Geäst übergreifen. „Außerdem fühlen sich Spaziergänger von ihm bedroht.

Und er hat Waldboden zerstört. Dadurch ist uns bereits ein erheblicher wirtschaftlicher Schaden entstanden.“ Eigentlich hat Alfred Strauch dem selbsternannten Eremiten bis Mitte Dezember 2012 eine Frist gesetzt, das Lager zu räumen. Doch die hat Michael B. stillschweigend verstreichen lassen. „Im schlimmsten Fall drohen ihm die Zwangsräumung und ein Platzverweis“, sagt Strauch. Davon will Michael B. nichts hören. Er ist überzeugt, dass sein Wunsch sich erfüllen wird. Gott will das schließlich so. „Wenn es um Kirche geht, ist immer alles schwierig“, glaubt er. Unbeeindruckt schaufelt er weiter Tag für Tag in seiner Baugrube. Etwas Geld hat er noch, um den ersten Zement zu kaufen. Schon bald will er mit dem Fundament beginnen – egal, was die Behörden sagen. „Mein Auftrag kommt von viel weiter oben.“

Patricia Kania

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