Franz Samuel stibitzte einen Funken

Hier brennt noch heute das Olympische Feuer von 1972

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Franz Samuel hütet das Olympische Feuer von 1972 wie einen Schatz.

Hohenschäftlarn - Einen Tag vor der Eröffnung der Olympischen Spiele 1972 gelang es Franz Samuel einen Funken der Fackel einzufangen. Bis heute brennt sie bei ihm zu Hause.

Als der Gesangsverein sein Ständchen vorträgt, schlägt Franz Samuel zu. Er schlängelt sich zwischen den jubelnden Menschen hindurch, gerade zu auf eine der Pylonen, in der das Olympische Feuer flackert. Während die Ebenhausener (Kreis München) die Fackelübergabe feiern, stibitzt Franz Samuel mit einem Stökchen einen Funken der Flamme. „Hat keiner gemerkt“, sagt er mit einem schelmischen Lächeln …

Als er danach mit seinem Sohn zurück ins heimische Hohenschäftlarn spaziert, wartet seine Frau Inge schon auf ihn. „Ich habe die Haustür aufgemacht und beide haben gestrahlt. Wie die Flamme selbst.“ Da wusste sie: Der Plan ihres Mannes ist aufgegangen.

Passiert ist der Coup am 25. August 1972. Einen Tag, bevor in München die zwanzigsten Olympischen Spiele eröffnet wurden. Es war der Tag, an dem die olympische Flamme nach Hohenschäftlarn kam. Und da brennt sie seit 42 Jahren. Im Hausflur von Franz Samuel.

Seit 42 Jahren flackert das Licht.

„Normales Licht hätten wir natürlich auch im Gang, aber so ist es doch viel schöner“, sagt der mittlerweile 83-Jährige dem Münchner Merkur. Sein Blick wandert in die Flurecke. Dort steht die unscheinbare Glasvase. Halb voll mit „Ewiglichtöl“, das sonst häufig für Kirchenlichter verwendet wird. „Mit Kerzen habe ich mich schon immer ausgekannt“, sagt Samuel. Selbstverständlich, als erfahrener Messner macht ihm kein Docht was vor.

Samuel nimmt das Küchensieb von der Vase. „Das hab’ ich, damit keine Falter in die Flamme fliegen.“ Kein Licht brennt einfach so 42 Jahre lang, ohne gewisse Vorsichtsmaßnahmen. Da ist Franz Samuel gründlich. Hand anlegen darf auch nur er. „Ich traue mich da nicht ran“, sagt Inge und lacht.

Das Ersatzlicht: Teilweise brennt das Feuer auch unter einer Marienfigur.

Ihr Mann nimmt eine Kerze und entzündet sie an dem Feuer. Damit geht er in die Küche. Und übergibt das Feuer an zwei Kerzen im Herrgottswinkel auf der Eckbank. Die Samuels lieben das Kerzenlicht. Olympia lieben sie auch. Deshalb hat sich Franz Samuel damals vorgenommen, die beiden Leidenschaften zu verbinden. Und so landete das Olympische Feuer in seinem Flur. Aber jetzt, Herr Samuel, Hand aufs Herz: Ist Ihnen die Flamme wirklich noch nie ausgegangen? „Nie.“ Punkt. Dass das Licht so lange brennt, war nicht geplant. „Eigentlich dachten wir, dass wir es nach den Spielen 72 einfach ausgehen lassen.“ Aber dann hat Samuel die Vase doch immer wieder nachgefüllt. Alle elf Tage. Bis heute. Und wenn die Flamme nun doch mal erlischt, wäre das schlimm? „Ach ja“, sagt Franz Samuel und winkt ab. „Doch“, wirft Inge ein, „für meinen Mann bestimmt.“

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Als die Flamme nach München kam

Günter Zahn eröffnete am 26. August 1972 die Spiele.

Dieses Bild vom 26. August 1972 ging um die Welt: Günter Zahn, damals 18 Jahre alt, läuft 300 Meter durch das Olympiastadion, nimmt eine Treppe mit 200 Stufen nach oben. In der Hand die Fackel mit dem Olympischen Feuer – er entzündet die Flamme und 85.000 Zuschauer jubeln. Bis heute ist das Gesicht dieses Modellathleten mit dem größten Sportspektakel, das unsere Stadt je erlebt hat, verbunden. Tatsächlich war sein eleganter Laufstil der Grund, dass er diese Rolle bekommen hat. Zahn wurde 1972 deutscher Jugendmeister über 1500 Meter. Die anwesenden Mitglieder des Olympischen Komitees waren von der Art, wie er sich bewegte, noch mehr angetan als von seiner Zeit. Zahn, der in Obernzell bei Passau geboren wurde, bekam die Rolle seines Lebens.

Eine eigene Karriere als aktiver Olympionike blieb ihm leider verwehrt: 1984 schaffte er die Norm über die Marathon-Distanz als Dritter bei der Deutschen Meisterschaft. Der Verband entschied aber, diesmal nur zwei Athleten nach Los Angeles zu entsenden.

Heute ist Zahn 61 Jahre alt und erfolgreicher Trainer bei der LG Passau.

Dominik Göttler

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