Alleinerziehender schlägt Alarm

Wohnungsnot: Seit Monaten mit vier Kindern auf zehn Quadratmetern - verzweifelter Vater mit Hilferuf

Freising: Alleinerziehender Vater mit vier Kindern in Wohnungsnot
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Das Zimmer, in dem die Familie seit Monaten lebt. Einen Herd, gar eine Küche, gibt es nicht.

Weil ein Freisinger einen Mietvertrag platzen lässt, gerät ein alleinerziehender Vater mit vier Kindern in höchste Not. Die fünf „wohnen“ auf zehn Quadratmetern Fläche.

  • Ein alleinerziehender Vater lebt seit August mit seinen vier Kindern auf zehn Quadratmetern.
  • Diese Geschichte spielt sich mitten in Freising ab.
  • Nun geht er mit einem verzweifelten Hilferuf an die Öffentlichkeit.

Freising – Die Augen der Kinder sind vor Müdigkeit rot umrandet. Eng auf eng liegen sie in dem kleinen Raum, der seit Monaten ihre Bleibe darstellt, und versuchen, etwas Schlaf zu finden. Erholung, die ihnen nachts verwehrt wird. Denn: Wie sollen ein Vater und vier heranwachsende Kinder nachts für längere Zeit die Augen zumachen, wenn sie auf zehn Quadratmeter zusammengepfercht sind?

Abdel (Name geändert) ist verzweifelt, deshalb erzählt der 51-Jährige dem FT, was ihm und seinen Kindern widerfahren ist. Seinen richtigen Namen möchte er in der Zeitung lieber nicht stehen haben – zu groß ist die Angst, dass die drei Mädchen und der Bub im Alter von 10 bis 14 Jahren im Schulalltag stigmatisiert werden könnten. Zu tragisch ist seine Geschichte, zu beschämend die Lebenssituation. „Ich habe einen Fehler gemacht“, sagt er. „Aber deswegen sollen meine Kinder nicht mehr leiden, als sie es schon tun.“

Video: Wie teuer sind Wohnungen in München?

Der Krieg überschattet das Familienglück von Abdel

2002 landeten Abdel und seine Frau in Freising – ein jung verheiratetes Paar aus dem Nahen Osten, das sein Glück in Deutschland findet – zumindest zunächst. Abdel, der in der Heimat als Lehrer gearbeitet hat, wird von der IHK zum Fachlageristen umgeschult. Das Paar kann sich die Miete einer schönen Wohnung nahe der Plantage leisten, 80 Quadratmeter und ein Balkon. Auch die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten die beiden. Das Schönste aber: Hier in Freising kommen ihre vier Kinder zur Welt.

Doch dann überschattet der Krieg in der Heimat das Familienglück. Die Mutter reist zu den Verwandten in den Nahen Osten. Als sie Monate später unter großen Strapazen nach Freising zurückkommt, ist sie nicht mehr dieselbe. Die blutigen Bilder, die sie gesehen hat, haben sich in ihrem Kopf eingebrannt. Sie ist so traumatisiert, dass sie ihre Rolle als Mutter nicht mehr ausfüllen kann. Die Ehe zerbricht.

Familienvater verlässt sich auf mündliche Vereinbarung - fatal

Abdel kümmert sich fortan allein um die Kinder. 2016 zieht er mit ihnen nach Kiel. Dort lebt Verwandtschaft. Der Vater hofft, hier Unterstützung zu erhalten. Doch keiner der fünf fühlt sich im Norden Deutschlands wohl. „Da hat einfach eine andere Mentalität geherrscht, die uns nicht gefallen hat“, berichtet Abdel. „Außerdem haben die Kinder ihre Freunde und ihre alte Schule vermisst. Freising ist einfach ihre Heimat.“

Die Treppen, die zum Loch führen - das ganze Gebäude ist sanierungsbedürftig.

Dem 51-Jährigen scheint das Unmögliche zu gelingen: eine Wohnung in Freising zu finden, die groß genug ist für die ganze Familie. Weil es für den alleinerziehenden Vater schwierig ist, mal eben die 850 Kilometer von Kiel nach Freising zu fahren, um einen Mietvertrag zu unterschreiben, einigt er sich mit dem neuen Vermieter via Telefon auf einen Einzug am 1. August. Er verlässt sich auf die mündliche Vereinbarung. Fatal für ihn.

Abdel lebt mit den vier Kindern auf zehn Quadratmetern

Die Wohnung in Kiel hat er bereits gekündigt, als sich der Freisinger Bauherr wenige Tage vor dem geplanten Umzug bei ihm meldet. Er könne Abdel die Wohnung erst in zwei Monaten anbieten. „Daraufhin habe ich ein ganz schlechtes Gefühl bekommen“, sagt Abdel. „Aber die Kündigung in Kiel konnte ich nicht mehr zurücknehmen, die Wohnung war bereits weitervermietet.“ Sein Gefühl hat Abdel nicht getrogen: Inzwischen hat sich das Wohnungsangebot ganz zerschlagen. „Eigentlich mache ich keine Dummheiten“, sagt er. Vielleicht sei er etwas naiv gewesen. Aber: „Für mich ist ein Wort ein Vertrag.“

Aus der Not heraus nimmt er das Angebot eines Bekannten an, der ihm ein Zehn-Quadratmeter-Zimmer in einem Haus offeriert, das von oben bis unten sanierungsbedürftig ist. Dort lebt der 51-Jährige seit August mit den vier Kindern. Sie schlafen auf Matratzen, die sie tagsüber an die Wand lehnen, um überhaupt etwas Platz in dem Raum zu finden. Eine Küche gibt es nicht. Seit mehr als vier Monaten ernährt sich die Familie von Döner und Fast Food. Hin und wieder gibt es ein Käsebrot. Denn zumindest einen Kühlschrank hat die Familie.

„Gibt doch nichts Schlimmeres als meine Situation“

Um eine Wohnung zu finden, wandert Abdel im Rathaus von Büro zu Büro. Doch die Behördengänge enden frustrierend. So schicken ihn Mitarbeiter vom Amt für soziale Angelegenheiten etwa zu Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher. Denn nur der könne die „politische Entscheidung“ treffen, ihm sofort eine Wohnung zu vermitteln. Doch das Gespräch mit dem OB endet ohne Ergebnis. Am Ende wird ihm mitgeteilt, dass derzeit keine Wohnung zur Verfügung steht: „Warum schicken die mich zum Oberbürgermeister, wenn sie von Anfang an wissen, dass sie keine Wohnung haben?“, klagt Abdel – und kämpft weiter.

Der 51-Jährige füllt einen Fragebogen aus, der die Dringlichkeit seines Anliegens bewerten soll. Ergebnis: Er erhält 90 von möglichen 100 Punkten. „Mir wurde gesagt, dass es viele Menschen gibt, die noch mehr Punkte erreicht haben“, berichtet er. „Dabei gibt es doch gar nichts Schlimmeres mehr als meine Situation.“

OB: Es gibt noch mehr prekäre Fälle, die länger warten

Von den Beamten fühlt er sich herablassend behandelt. Immer wieder wird er mit der Frage konfrontiert, warum er denn ohne Mietvertrag gekommen sei. „Dabei ist es doch kein Verbrechen, dass ich wieder nach Freising ziehen möchte.“ Auch die Diakonie, an die sich der 51-Jährige gewandt hat, kann ihm bis dato nicht helfen.

Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher stellt auf FT-Nachfrage klar, dass die Vermittlung von Wohnungen im Gegensatz zur Obdachlosen-Unterbringung keine Pflichtaufgabe der Kommune sei, sondern eine freiwillige Zusatzleistung. Dennoch fühle er selbstverständlich mit Abdel. Das sei keine Situation, die man einer Familie mit vier Kindern wünsche. „Wir haben aber mehrere Fälle, die sich seit einem Jahr oder mehr in prekären Situationen befinden“, betont er. „Denen ist es schwer zu vermitteln, dass sie von jemandem anderen auf der Warteliste überholt werden, der in Kiel seine Zelte abgebrochen hat, ohne einen Mietvertrag in der Tasche zu haben.“

Für Vater wird die finanzielle Lage immer härter

Freilich würde Abdel nicht ganz unten auf der Dringlichkeitsliste eingereiht werden, wo man schätzungsweise sieben Jahre auf eine Wohnung warten müsse. „Allein schon wegen der Kinder nicht.“ Einstweilen verweist der OB darauf, dass Abdel Anspruch auf Sozialleistungen habe.

Eine heruntergekommene Toilette steht der Familie zur Verfügung - und erhöht die Warmmiete offenbar drastisch.

Tatsächlich wird die Lage für Abdel auch finanziell immer schwieriger. Als alleinerziehender Vater konnte er die vergangenen Wochen nicht Vollzeit arbeiten. Inzwischen hat er seinen Job aufgegeben – nicht nur, weil er seine ganze Energie auf die Wohnungssuche verwenden möchte, sondern auch aus der Not heraus. Denn die Kinder sind in Anbetracht der Situation völlig verängstigt. Ohne ihren Vater an der Seite trauen sie sich außerhalb der Schulzeit gar nicht aus dem Haus.

Vermieter verlangt laut Abdel 600 Euro Miete für das Loch

Dabei benötigt Abdel dringend Geld. Ohne eigene Küche kostet es viel mehr, die Kinder zu ernähren. Und obwohl die Familie letztlich in einem Loch wohnt, verlangt der Vermieter doch viel Miete. Sehr viel Miete. 600 Euro warm, berichtet Abdel. Für zehn Quadratmeter und eine heruntergekommene Toilette. „So geht es nicht weiter“, betont Abdel. „Deutschland ist ein Sozialstaat. Irgendwie muss sich das Problem doch lösen lassen.“

Gut zu wissen

Wer Abdel unterstützen möchte, finanziell oder mit einer Wohnung, wird gebeten, sich an das Freisinger Tagblatt zu wenden – Tel. (0 81 61) 1 86 24 oder per E-Mail an manuel.eser@freisinger-tagblatt.de.

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