Hilflos im Baustellen-Labyrinth

Wegen Umbau: Blinder findet sich nicht mehr zurecht - Behörden lassen ihn bislang im Stich

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Ohne Orientierung: Norbert Müller aus Freising ist blind. Die Baustellen auf seinem Arbeitsweg sind eine enorme Herausforderung für den 53-Jährigen.

Norbert Müller geht gern zur Arbeit. Doch der 53-Jährige ist blind und die vielen Baustellen in Freising erschweren ihm den Arbeitsweg derzeit beträchtlich. Hilfe aber bekommt er keine.

Freising – Wenn sich Norbert Müller auf den Weg in die Arbeit macht, bekommt er Panik. Sein rechter Arm verkrampft von der Schulter bis zu den Fingern, so fest umklammert er seinen weißen Stock. Ohne diesen Kontakt zu seiner Umgebung geht gar nichts, denn der 53-jährige Freisinger ist blind. Normalerweise findet er sich in seiner Stadt gut zurecht. Doch jetzt, wo das Freisinger Zentrum immer mehr zur Großbaustelle wird, kann er seinen Alltag nur mit größter Anstrengung bewältigen. „Ich bin absolut hilflos“, sagt Müller. „Ich habe richtig Angst, wenn ich das Haus verlasse.“

„Bin absolut hilflos“: Keine Chance für Blinde in Freising

Diese Angst kommt nicht von ungefähr: Im vergangenen Jahr habe eine Firma bei Reinigungsarbeiten in der Innenstadt einen Hausschacht nicht richtig gesichert. „In dieses Loch bin ich reingefallen.“ Er schluckt. „Ich habe wortwörtlich den Boden unter den Füßen verloren.“ Die Zerrung im Innenband ist zwar verheilt, doch an den psychischen Folgen leidet er noch heute – und sie werden zunehmend schlimmer.

Freising: Gang zur Arbeit eine Tortour - Blinder findet sich nicht mehr zurecht

Der Gang zur Arbeit ist für Müller mittlerweile eine wahre Tortur. Im Zuge der Innenstadtsanierung sind etliche Straßen gesperrt, an allen Ecken und Enden wird gearbeitet. Für den etwa dreieinhalb Kilometer langen Weg von seiner Wohnung am Oberen Graben im Zentrum der Stadt bis zu seiner Arbeitsstelle im Gewerbegebiet Clemensänger im Süden der Stadt braucht der Physiotherapeut normalerweise eineinhalb Stunden. „Jetzt gehe ich noch früher los, weil ich nicht weiß, was auf mich zukommt.“

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Streckenverlauf komplett geändert: Freisinger Innenstadt ist eine Großbaustelle

Müllers größtes Problem: die Arbeiten rund um den Domberg, die noch mehrere Jahre andauern sollen. „Hier wurde der komplette Streckenverlauf geändert. Ich kenne mich überhaupt nicht mehr aus – ich seh’s ja nicht.“ Am Fürstendamm im Herzen der Stadt sei er kürzlich direkt in die Baustelle gelaufen. „Eine Passantin hat mir zum Glück herausgeholfen und erklärt, was da um mich rum los ist“, erzählt Müller. Sie habe ihn auch davor bewahrt, mitten in den von Reifenfurchen und Regen verursachten Matsch zu laufen und ihn sicher von dem Schotterweg zur nächsten Straßenkreuzung geführt. „Ein einfaches Brett würde mir schon reichen, an dem ich mich entlangtasten kann.“

Behörden ignorieren Hilferuf: Norbert Müller kämpft alleine

Bevor er sich an unsere Zeitung gewendet hat, habe er bereits die Stadt, die Bauleitung und die Polizei kontaktiert – bis dahin ohne Erfolg. „Ich weiß wirklich nicht, wie ich mir jetzt noch helfen kann.“ Müller fühlt sich im Stich gelassen.

Die Stadt Freising verspricht nun allerdings Hilfe. Wie Sprecherin Christl Steinhart auf Nachfrage mitteilt, laufen bereits Planungen, um das Areal am Freisinger Fürstendamm barrierefrei zu gestalten.

Barrierefreie Gestaltung in Planung: Endlich Hilfe für Norbert Müller?

„In Abstimmung mit dem Behindertenbeauftragten der Stadt soll dabei eigens auch ein Element vorgesehen werden, das ein sicheres und komfortables Passieren ermöglicht.“ Geplant sei ein taktiles Bodenleitsystem, das es sehbehinderten und blinden Bürgern ermöglichen soll, sich sicher entlang der Baustelle am Fürstendamm zu bewegen. Steinhart betont: „Die zeitnahe Anlage eines Blindenleitsystems hat dabei hohe Priorität.“

Norbert Müller hofft nun darauf, dass den Worten Taten folgen. „Der Weg an sich ist schon anspruchsvoll genug, wenn man nichts sieht. Da verzichte ich gern auf zusätzliche Hürden.“ Er überlegt einen Moment. „Für den Verkehr werden auch Umleitungen eingerichtet. Ich bin doch genauso wichtig wie ein Auto – oder?“

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