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Kita-Kräften reicht es endgültig: „Wir können und wollen so nicht mehr arbeiten“

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Von: Felix Herz

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Auf großes Interesse stieß die Online-Veranstaltung von MdL Johannes Becher. Teilgenommen haben über 60 Interessierte.
Auf großes Interesse stieß die Online-Veranstaltung von MdL Johannes Becher. Teilgenommen haben über 60 Interessierte. © Lorenz

Die Personalnöte an Kindertagesstätten werden immer größer. Ein neuer Vorschlag der Familienministerin hat jetzt das Fass zum Überlaufen gebracht.

Freising – Die Gesamtsituation in Kindertagesstätten ist angespannt, das dürfte bekannt sein. Es war aber ein Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales an die Kommunen, das mehr oder weniger das Fass zum Überlaufen gebracht und das im Nachgang für zahlreiche Diskussionen gesorgt hat.

In dieser „Experimentierklausel“ ist unter anderem die Rede von einer Betreuung von mehr Kindern mit weniger Personal. Der grüne Landtagsabgeordnete Johannes Becher wollte diesbezüglich mal bei Fachkräften, Eltern und Vertretern der Fachbehörden, wie auch Gewerkschaften nachfragen, wie es eigentlich an der Basis aktuell wirklich ausschaut – und ob das Papier aus München für Erleichterung sorgen könnte.

Auch Grund- und Mittelschulen leiden – kürzlich wurde ein Brandbrief geschrieben.

Abgeordneter macht sich Sorgen um die Betreuungsqualität

Wobei: Becher kennt eigentlich die Situation in Kindertageseinrichtungen allzu gut, da er sich einmal im Monat für einen ganzen Tag solche Stätten anschaut, weshalb ihm auch relativ schnell klar gewesen war, dass die Ausnutzung der Experimentierklausel des Kinderbildungs- und Bildungsgesetzes so nicht funktionieren könne.

Einführend klärte Becher nochmal auf, was die Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU) mit diesem Schreiben eigentlich unter anderem fordere: größere Gruppen in Großtagespflegen und Mini-Kitas und neue Einstiegsgruppen, womit „auch die Oma“ demnächst die Kleinen betreuen könnte. Im Klartext bedeutet das: deutliche Aufweichungen der Gruppengrößen und der Personaldeckung, was schnell mit dem Verlust von Betreuungsqualität einhergehen dürfte.

Kita musste Gruppen schließen, weil Fachkräfte aufgaben

Was für Becher allerdings am wichtigsten ist: „Wir müssen in die Qualität investieren – das ist seit Jahren bekannt.“ Begeistert von Scharfs Ideen war dann in Folge der Online-Diskussion keiner – auch nicht Christian Huber, Leiter einer Integrativen Kita in Fürstenfeldbruck. Seine Meinung: „Qualität hat nicht den Stellenwert, den sie haben sollte. Das ist alles Irrsinn – der Bedarf steigt und wir können dem nicht mehr gerecht werden.“

Ein weiteres Problem, das Claudia Morgenstern von der Arbeiterwohlfahrt schilderte: „Wir mussten Gruppen schließen, weil uns Fachkräfte verlassen. Mitarbeiter, die seit zehn Jahren bei uns gearbeitet haben, sagen: Wir können und wollen so nicht mehr arbeiten.“

„Sind nicht am Limit, sondern längst drüber“

„Wir sind nicht am Limit, sondern längst drüber“, so auch das Resümee Veronika Lindners vom Verband der Kita-Fachkräfte. Warum? Die Antwort lieferte Erzieherin Rita Raab aus Oberfranken: „Kleinere Gruppen und ein besserer Personalschlüssel wurden uns schon lange versprochen – aber nix ist passiert.“

Ähnliches wusste auch Mario Schwandt von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zu berichten: „Das alles steht schon auf Gewerkschaftsflyern aus 2015.“ Er wünscht sich, wie auch die meisten anderen Gäste, eine zügige Novellierung des Bayerischen Kinderbildungs- und Betreuungsgesetzes, kurz BaykiBiG – auch, damit Kinder, die aufgrund des Bedarfs sehr früh eine hohe Betreuungsqualität brauchen, eben nicht wieder hinten runter fallen.

Misere beginnt bereits bei der Ausbildung

Wichtig ist das Thema Inklusion vor allem für Bianca Köhler, Erzieherin in einer Inklusionsgruppe in Haag. Ihre traurige Bilanz: „Im Landkreis gibt es zehn Kinder, die einen Inklusionsplatz bräuchten und keinen bekommen, weil die Eltern überall abgewiesen werden.“

Die Misere beginne laut dem frisch examinierten Kinderpfleger aus Piding, Paul Tanner, bereits mit der Ausbildung: „Viele machen die Ausbildung, die nicht wissen, was sie wollen.“ Was ihn auch störte: „Man ist nur einmal in der Woche in der Praxis-Stelle und das, was in der Schule gelehrt wird, ist kaum relevant für die Arbeit. Das sind zwei Welten.“ Seiner Meinung nach müsse das Ansehen des Berufes deutlich gesteigert werden, wie auch die Entlohnung

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Hohe Fluktuation sorgt für große Probleme in Kitas

Was in der zweistündigen Zoom-Veranstaltung auch klar wurde: ein großes Problem des Fachkräftemangels entsteht durch hohe Fluktuation – die ausgelernten Kräfte hören nach wenigen Jahren auf, um in einen anderen Beruf zu wechseln.

Trotz Fachkräftemangel noch allen Ernstes an einer Ganztagsbetreuung der Kinder festzuhalten, sei laut Christiane Stein vom Verein „Selbstorganisierte Kindertageseinrichtungen“ seitens der Politik „verantwortungslos“. Becher möchte nun alle Vorschläge zur Verbesserung sammeln und sich Gedanken machen, denn für ihn sei eines völlig klar: „Die ersten sechs Jahre sind für die Kinder am wichtigsten. Alles was sie da lernen oder nicht, macht ihnen das Leben später leichter – oder schwerer.“ (Richard Lorenz)

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