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Wegen Lehrermangel: Klasse droht Zerschlagung – emotionaler Brief von Schülerin an Piazolo

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Von: Manuel Eser

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fröhliche Schüler auf Collage
Bilder aus glücklichen Schulzeiten: Die Klasse 2b von St. Lantbert ist in zwei Jahren zu einer „wunderbaren Einheit“ zusammengewachsen – auch aufgrund etlicher Widrigkeiten. Jetzt sollen die Kinder auseinandergerissen werden. © St. Lantbert

Jubel bei den Kinder prägt normal den letzten Schultag. Doch bei der Klasse 2b der Grundschule St. Lantbert hat eine Hiobsbotschaft die Ferienfreude vertrieben.

Freising – Aufgrund des Lehrernotstands, der ganz Bayern bedroht, wird die 2b zerschlagen. Die Kinder werden auf die drei anderen – dann – dritten Klassen aufgeteilt – mit entsprechend mehr Schülern. Besonders tragisch: Es handelt sich um eine Partnerklasse der Lebenshilfe. Die Kinder mit besonderem Förderbedarf bleiben nun zurück. Inklusion beendet!

Die Eltern wurden von Schulleiterin Juliane Dorfmüller am Donnerstag informiert, dass sie – Stand jetzt – Klassen zusammenlegen müsse. „Den Unmut der Eltern kann ich verstehen“, sagte die Rektorin dem FT. Wie Ricarda Schindler, Mutter eines betroffenen Kindes, berichtet, habe man diese bittere Entwicklung erst notgedrungen hinnehmen wollen. Nachdem aber etliche Kinder in der Nacht nach der bitteren Nachricht nur schlecht geschlafen hätten, seien die Eltern zu dem Entschluss gekommen, Kultusminister Michael Piazolo mit der Situation zu konfrontieren.

Lehrermangel: 2b soll zerschlagen werden - Für Kinder ist Entwicklung „wahre Katastrophe“

„Leider haben wir mittlerweile in Bayern nicht mehr nur einen Lehrermangel, sondern bereits einen Notstand, der uns nun unmittelbar trifft“, heißt es in dem Brandbrief. „Für uns Eltern mag die Situation noch halbwegs erträglich sein, für unsere Kinder war die Information, dass sie von einem Teil ihrer Freunde getrennt werden, eine wahre Katastrophe. Die Mitarbeiter in Ihrem Ministerium mit pädagogischem Hintergrund können Ihnen das sicherlich bestätigen.“

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Die Eltern berichten, dass die 2b in den ersten beiden Schuljahren als Partnerklasse der Lebenshilfe in einem anderen Stadtteil unterrichtet wurde. „Trotz des Aufwands, dass die Kinder mit dem Bus einmal quer durch die Stadt fahren mussten, hat uns das Modell sehr gut gefallen“, heißt es in dem Elternbrief. „Die Klasse 2b ist bunt gemischt mit vielen unterschiedlichen Kulturen und Charakteren, und sie ist dennoch zu einer wunderbaren Einheit in den beiden Jahren zusammengewachsen.“

Lehrermangel im Landkreis Freising: Eltern sprechen von„Vertrauensbruch“

Ein Zusammenhalt, der offenbar über zwei Jahre gestählt wurde. Denn die 2b ist schon lange von den Widrigkeiten des Lehrermangels betroffen. So berichten die Eltern, dass die Kinder in der ersten Klasse, dem Corona-Homeschooling-Jahr, aufgrund von Schwangerschaft ihrer Klassenleiterin mit gleich mehreren Vertretungslehrern vorlieb nehmen mussten. „Am Ende des Schultages konnten die Kinder oft nicht mal sagen, wer sie heute unterrichtet hatte.“ Im zweiten Schuljahr habe eine mobile Reserve übernommen, obwohl absehbar gewesen sei, dass die ursprüngliche Lehrerin in dem Schuljahr nicht zurückkommen würde.

Zu allem Überfluss müssen die Kinder zum kommenden Schuljahr umziehen. Erst im April wurden die Eltern informiert, dass es für die 2b ins Haupthaus geht. Für diesen Umzug habe es im Frühjahr einige Schnuppertage gegeben. Doch jetzt sorge die Aufteilung dafür, dass zwei Drittel der Klasse dort gar nicht landen, sondern an einen dritten Standort, den sogenannten Pavillons. „Für die Kinder war der Gedanke an den Umzug erträglich, da sie sich darauf verlassen haben, dass sie als Klasse zusammenbleiben – so wie es ihnen fortlaufend versprochen wurde“, schreiben die Eltern. Umso größer sei jetzt der „Vertrauensbruch“.

Kind wendet sich an Minister: „Können Sie uns bitte eine Lehrerin geben“

Unverständnis herrscht bei den Eltern über die „kurzsichtigen Planungen des Kultusministeriums“. Trotz der bekannten demografischen Strukturen habe es an Ausbildung gemangelt. „Die Versäumnisse von gestern und heute werden unsere Gesellschaft von morgen entsprechend nachhaltig negativ prägen.“ Die Eltern fordern nun von Piazolo, dass er der Grundschule St. Lantpert eine weitere Lehrkraft zuteilt, damit die 2b zusammenbleiben kann. Der Brief endet mit einem Appell: „Bitte lassen Sie uns und unsere Kinder in dieser Situation nicht im Regen stehen!“

Brief von Schülerin an Minister
„Wir sind alle sehr traurig“: Auch Zweitklässlerin Lara hat dem Kultusminister geschrieben. © St. Lantbert

Der Brief der Eltern ist nicht der einzige, der Piazolo nun erreicht. Auch Schülerin Lara war es ein Bedürfnis, ein paar eindringliche Worte an den Minister zu adressieren. „Wir sind alle sehr traurig. Können Sie uns bitte eine Lehrerin geben? Sonst wird unsere Klasse aufgeteilt, und wir sind alle so dicke Freunde.“

Die Grundschule St. Lantbert dürfte nicht die einzige Schule im Landkreis Freising sein, die Opfer des Lehrermangels wird. „Noch ist nichts fix“, sagt zum Beispiel Simon Pelczer, Leiter der Paul-Gerhardt-Grundschule in Freising. „Aber es ist von oben bis unten durchgereicht worden, dass die Regierung zum Sparen von Personal angewiesen hat.“ Ende August, so rechnet er, könne man die „Katastrophe vielleicht schon dokumentieren“.

Lehrermangel in Bayern: Schulleiter rechnet mit „Hammer“

Hoffnung, dass er an einer Zusammenlegung von Klassen vorbei kommt, hat Pelczer nicht. Die sei ihm in seinem Beruf schon vor langer Zeit abhanden gekommen. Deshalb rechnet er auch damit, dass „der Hammer“ kommen wird. „Wir können den Notstand nur verwalten und versuchen, für die Kinder etwas herauszuholen, was halbwegs passabel ist.“

Wie hoch die Zahl der eingesparten Klassen am Ende wird, konnte Schulamtsleiterin Irmintraud Wienerl auf FT-Nachfrage noch nicht sagen. „Wir haben erst mit den Klasseneinteilungen begonnen.“ Die aktuellen Entwicklungen, was den Lehrermangel angehe, seien „äußert schwierig“, betont Wienerl. „Wir müssen mit dem Personal arbeiten, das da ist.“

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