Gefangen im eigenen Zuhause

Rollstuhlfahrer sitzt seit Wochen in seiner Wohnung fest: „Eigentlich ist mir zum Heulen“ 

+
Nichts geht mehr: Seit knapp drei Wochen ist der Aufzug im Haus von Rodolphe Haimann in der Freisinger Altstadt kaputt. Seither kann der 58-Jährige seine Wohnung nicht mehr ohne fremde Hilfe verlassen.

Rodolphe Haimann sitzt im Rollstuhl. Seine Wohnung hat er seit drei Wochen so gut wie nicht verlassen. Denn der Aufzug ist kaputt – und die Hausverwaltung ist machtlos. 

Freising – Den Frühling hat Rodolphe Haimann bis jetzt nur durchs Fenster gesehen. Der Freisinger, der im Rollstuhl sitzt, hat seine Wohnung im zweiten Stock seit drei Wochen so gut wie nicht verlassen. Denn der Aufzug ist kaputt – und selbst die Hausverwaltung ist machtlos. 

Zu seinem Geburtstag an diesem Donnerstag hat Rodolphe Haimann nur einen Wunsch: „Dass der Aufzug endlich wieder funktioniert.“ Der 58-jährige Freisinger sitzt im Rollstuhl, seine Wohnung in der Altstadt liegt im zweiten Stock. Doch der dringend benötigte Fahrstuhl ist seit dem 11. April kaputt. „Seitdem bin ich eingesperrt.“ 

Ebenfalls lesenswert: Bewohner sitzen fest: Weiler bald von Außenwelt abgeschnitten - Bauamt vergisst, Bescheid zu sagen

Als Haimann den Defekt vor knapp drei Wochen feststellte, ahnte er noch nicht, was für eine einsame Zeit ihm bevorstehen würde. „Ein Defekt kommt häufiger vor. Normalerweise wird der aber schnell behoben.“ Diesmal ist es anders: Die Hausverwaltung Haslberger beauftragte die Firma Vestner Aufzüge, die den Fahrstuhl vor Jahrzehnten eingebaut hatte. „Zwei Termine waren nötig, um festzustellen, dass ein Ersatzteil organisiert werden muss“, berichtet Haimann. Eine Woche habe es gedauert, um es zu beschaffen. „Doch dann kam Ostern. Da passierte natürlich überhaupt nichts mehr.“ Haimann sei auf den vergangenen Donnerstag vertröstet worden. „Aber da war plötzlich der Monteur krank – als ob eine Weltfirma nur über einen verfügen würde.“ Anrufe und E-Mails seien ergebnislos geblieben. „Zuletzt hieß es nur, dass die Reparatur jetzt für diesen Donnerstag geplant sei.“ 

„Eigentlich ist mir zum Heulen“

Der Freisinger wartet weiter. „Es ist nervenaufreibend.“ In den knapp drei Wochen hat er seine Wohnung mit der Hilfe des Roten Kreuzes nur drei Mal verlassen. „Da hatte ich Freigang“, sagt Haimann und lacht. „Ich versuche, mich mit Galgenhumor über Wasser zu halten. Aber eigentlich ist mir zum Heulen.“ 

Lesen Sie auch: Barrierefreiheit im Internet: Im Kreis Freising gibt es noch viele Hürden

Sein Glück waren die Osterferien. Zwei von den drei Wochen ohne Aufzug hatte der Lehrer für Klavier und Komposition am Camerloher-Gymnasium in Freising ohnehin frei. „Sonst hätte ich das BRK jeden Tag anrufen müssen. Doch die Einsatzkräfte haben ja auch Wichtigeres zu tun.“ Einkäufe und Besorgungen erledigen Freunde für ihn. Was jedoch besonders schmerzt: Seine Frau hat Rodolphe Haimann seit drei Wochen nicht gesehen. „Weil sie gehbehindert ist, verbringt sie die Zeit in unserer Zweitwohnung in München“, sagt Haimann. Doch ist diese Wohnung nicht rollstuhlgerecht. „Besuche sind unmöglich.“ Seine Stimme klingt bitter. 

„Das ist ein Armutszeugnis“

„Das, was die Firma Vestner hier macht, geht schlicht nicht“, sagt Sabine Gries von der Hausverwaltung Haslberger. Von Anfang an sei bekannt gewesen, dass es sich um einen Notfall handele, weil ein Rollstuhlfahrer auf den Aufzug zwingend angewiesen ist. Der Druck, den die Hausverwaltung auf die Aufzugfirma in den vergangenen Wochen ausgeübt habe, habe offenbar nichts bewirkt. „Das ist ein Armutszeugnis“, sagt Gries. Mehrfach habe sie versucht, mit den zuständigen Sachbearbeitern Kontakt aufzunehmen – vergeblich. „Ich glaube mittlerweile, dass meine Nummer geblockt wurde.“ Vestner Aufzüge war am Montag für eine Stellungnahme nicht erreichbar. 

Rodolphe Haimann bleibt nur darauf zu hoffen, dass der für Donnerstag angekündigte Termin eingehalten wird – damit er seinen Geburtstag nicht auch noch einsam in seiner Wohnung verbringen muss.

Eine Rollstuhlfahrerin aus Benediktbeuern ist ebenfalls gefangen im eigenen Haus. Sie benötigt einen automatischen Türöffner in ihrem Mietshaus – doch die Eigentümer lehnen ab.

Eamon Wood lässt sich seine Freiheit nicht nehmen – im Gegenteil: Neun Monate lang reiste er um die Welt, mit Rucksack, Gitarre - und seinem Rollstuhl.

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Penzberger Firma entwickelt Corona-Schnelltest: „Bedeutende Reaktion auf Pandemie“
Penzberger Firma entwickelt Corona-Schnelltest: „Bedeutende Reaktion auf Pandemie“
30-Jähriger aus Klinik verschwunden - Aus der Bevölkerung kommt der entscheidende Hinweis
30-Jähriger aus Klinik verschwunden - Aus der Bevölkerung kommt der entscheidende Hinweis
Coronavirus - Flughafen München in der Krise: Lage schlimmer als nach dem 11. September?
Coronavirus - Flughafen München in der Krise: Lage schlimmer als nach dem 11. September?
Während Corona-Krise: Thai-Kini residiert samt Hofstaat in Garmischer Luxushotel - Behörde genehmigt Ausnahme
Während Corona-Krise: Thai-Kini residiert samt Hofstaat in Garmischer Luxushotel - Behörde genehmigt Ausnahme

Kommentare