Vor Gericht

Freispruch für Hehlerin aus Unwissenheit

Einen schwunghaften Handel mit Blutzucker-Teststreifen betrieb eine Frau aus dem Holzland und verdiente damit eine sechsstellige Summe. Was die 51-Jährige nicht wusste: Sie kaufte und verkaufte gestohlene Ware. Vor Gericht wurde sie freigesprochen.

Erding – Eine Packung Blutzucker-Teststreifen der Firma Roche kostet in der Apotheke um die 30 Euro. Bei Ebay sind sie für 13 bis 15 Euro zu haben. Das macht sich eine Internet-Unternehmerin aus dem östlichen Landkreis zunutze. Die 51-Jährige kauft diese und weitere Produkte über die Auktionsplattform sowie andere Wege. Woher die Waren kommen, hat die Deutsch-Rumänin nie hinterfragt. Das hat sie nun wegen Hehlerei vors Amtsgericht Erding gebracht. Denn 6640 der Päckchen, die sie erworben und dann weiterverkauft hatte, waren bei dem Pharma-Konzern gestohlen worden.

Am Ende eines langen Prozesstags stand ein Freispruch. Die Angeklagte, die stets ihre Unwissenheit über die Herkunft der Waren beteuert hatte, quittierte das Urteil des Schöffengerichts unter Vorsitz von Richter Björn Schindler mit Freudentränen. Der Staatsanwalt hatte zuvor eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten gefordert, die nicht mehr auf Bewährung ausgesetzt werden könne. Zudem solle die Angeklagte an die Firma Roche 111 000 Euro Schadenersatz zahlen.

Zwischen Dezember 2014 und August 2015 hatte die 51-Jährige alleine von einer Verkäuferin etwa 6640 Päckchen à 50 Teststreifen erworben. Dafür zahlte sie gut 82 000 Euro, also im Schnitt 12,40 Euro pro Packung. Was die Unternehmerin nach ihren Angaben nicht wusste: Die Verkäuferin war Sachbearbeiterin bei Roche in Mannheim und hatte seit 2010 in großem Stil Blutzucker-Teststreifen unterschlagen und verkauft. Als das aufflog, geriet auch die 51-Jährige aus dem Landkreis Erding ins Visier der Behörden. Eine Kontopfändung von 102 000 Euro und eine Sicherungshypothek waren die direkten Folgen.

Die Beweisaufnahme war aufwändig: Zwei Kriminalbeamte, zwei Mitarbeiter des Pharmakonzerns, die bereits verurteilte Verkäuferin und ein Wirtschaftsprofessor als Gutachter für das Thema Weiterverkauf von Teststreifen bei Ebay sagten aus.

Am Ende folgte der Richter jedoch der Argumentation des Verteidigers, dass der Angeklagten Vorsatz „nicht mit ausreichender Sicherheit nachweisbar“ sei. Aus der Korrespondenz mit der Verkäuferin sei das nicht ersichtlich. „Allein aufgrund des niedrigen Preises und der angebotenen Mengen kann man nicht auf Vorsatz schließen“, erklärte Schindler. Außerdem habe die 51-jährige alles korrekt versteuert und sei bei den Ermittlungen kooperativ und offen gewesen.

Verteidiger Jörg Kamm hatte den Freispruch gefordert. Es sei für seine Mandantin nicht erkennbar, ob jemand gewerblich oder als Privatperson handle. Außerdem habe sie keine Hinweise darauf gehabt, dass die Teststreifen aus dunklen Kanälen kommen. Sie habe „ganz normales unternehmerisches Handeln“ gezeigt.

Beim Wiederverkauf an zwei Großabnehmer und viele kleine Kunden verlangt die 51-Jährige aus dem östlichen Landkreis nach eigenen Angaben pro Päckchen etwa drei Euro mehr, als sie selbst bezahlt hatte.

Die Angeklagte räumte die Käufe ein. Sie habe nie hinterfragt, woher die Waren kommen. „Jeder kann bei Ebay kaufen und verkaufen“, sagte sie vor Gericht. Aus den Ermittlungen wurde deutlich, dass sie mitunter ein paar Tage nach einem Kauf von der diebischen Roche-Mitarbeiterin erneut hunderte Packungen angeboten bekam. „Das hat sie nicht stutzig gemacht?“, fragte der Rechtsbeistand des Konzerns, Rechtsanwalt Damian Hecker. Die Angeklagte verneinte.

Den Anteil der von der verurteilten Sachbearbeiterin erworbenen Waren bezifferte sie erst mit etwa zehn Prozent ihres damaligen Jahresumsatzes, gab dann aber an, dass sie im Jahr mit etwa 18 000 Päckchen gehandelt habe. „Ich habe keine Zeit, Statistiken zu machen“, erklärte die Angeklagte ihre Unsicherheit in diesem Punkt. Der Finanzermittler der Kripo nannte in seiner Aussage sogar einen deutlichen höheren Anteil. Unter anderem auf diese Widersprüche stützte die Anklage ihr Plädoyer.

Die Roche-Sachbearbeiterin hatte eine Lücke in der Auftragsannahme genutzt. Unter verschiedenen Kundennummern spiegelte sie vor, dass Lieferungen an Außendienstmitarbeiter herausgingen. Als Postadresse wurde die eines Bekannten angegeben. Bei ihrer Aussage in Erding zeigte sie sich überzeugt, dass Roche nie dahintergekommen wäre, wenn der Konzern nicht einen Hinweis von ihrer Hausbank bekommen hätte. Richter Schindler und Schöffin Monika Poppel fragten mehrfach ungläubig nach, wie es dazu kommen könne. „Für mich ist das der helle Wahnsinn“, sagte auch der Verteidiger über diese Sicherheitslücke.

Die 52-jährige Ludwigshafenerin wurde mittlerweile zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. Sie muss hunderttausende Euro mit den gestohlenen Waren eingenommen haben. Nach Angaben des Roche-Rechtsanwalts wurden bei ihr nur 74 000 Euro sichergestellt. Der Konzern habe aber einen Schaden von 600 000 Euro gehabt.

Auf das Geschäft mit Blutzucker-Teststreifen sei sie über den Bedarf von Verwandten in Rumänien gekommen, berichtete die Angeklagte. „In Osteuropa sind die Teststreifen teurer.“ Daraufhin habe sie diese Produkte auf Ebay beobachtet und daraus eine Geschäftsidee entwickelt. 2006 habe sie ihr Gewerbe angemeldet. Mit der Zeit habe sie einen großen Kundenkreis aufgebaut. Darunter seien zwei Großabnehmer. An eine dieser Firmen, die mit Diabetes-Produkten handelt, sei sie über eine Zeitungsannonce gekommen.

Unter ihren Kleinkunden seien viele ältere Menschen. „Sie haben oft kein Vertrauen ins Internet.“ Als Zwischenhändlerin sei sie ein „Puffer zwischen zwei Welten“. Sie zeigte sich überzeugt, dass ihr Geschäft legal sei. Auch Finanzamtsprüfungen hätten nichts ergeben.

Auf Ebay wachse der Handel mit den Blutzucker-Teststreifen. 2006 seien es noch zwei Auktionen pro Tag gewesen, heute 50, am Wochenende 250, berichtete die Angeklagte. Meistens werden allerdings nur wenige Packungen auf einmal verkauft.

Auch gegen die beiden Großabnehmer der Angeklagten laufen mittlerweile Verfahren wegen Hehlerei.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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