Missbrauch: "Freispruch zweiter Klasse“

Freising/Landshut - Von einem „wabernden Gedächtnis“ hatte die Sachverständige bei dem 13-jährigen angeblichen Missbrauchsopfer gesprochen. Das Mädchen hatte sich an die Vorfälle, die ihrem Ex-Stiefvater zur Last gelegt wurden, nicht mehr erinnern können.

Die Konsequenz: Die als Jugendschutzgericht tagende Jugendkammer des Landshuter Landgerichts verkündete einen „Freispruch zweiter Klasse“.

Die Anklage warf dem 45-jährigen Freisinger vor, seine damalige Stieftochter ab ihrem siebten Lebensjahr zunächst in der Wohnung im Gemeindebereich Wang in mindestens zehn Fällen und dann ab 2007 im neuen Domizil in Freising noch in mindestens zwei weiteren Fällen sexuell missbraucht zu haben. Er solle sie an der entblößten Brust und im Intimbereich gestreichelt haben. Vor der Jugendkammer hatte der Mann die Vorwürfe vehement bestritten und die heute 13-Jährige der Lüge bezichtigt. Eifersucht nannte er als Grund für die Anschuldigungen: Er selbst habe zwei leibliche Kinder aus einer früheren Beziehung mit in die Ehe mit ihrer Mutter gebracht.

Im Prozess wurden zahlreiche Zeugen vernommen - darunter auch die Pflegemutter, in deren Familie die 13-Jährige jetzt lebt und die das Jugendamt 2010 informiert hatte, als sie zunächst angeblich über ein Telefonat mit der früheren Pflegemutter von den Missbrauchsfällen erfahren und sich ihr dann die Pflegetochter anvertraut habe. Als sehr schwierig erwies sich die unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchgeführte Vernehmung der 13-Jährigen: Sie konnte sich - so hat man im weiteren Prozessverlauf festgestellt - an die in der Anklage aufgeführten Vorfälle nicht mehr erinnern. Dafür schilderte sie bei den Gesprächen mit der Glaubwürdigkeits-Gutachterin und vor Gericht jeweils einen neuen Fall. Die Sachverständige sprach von einem „wabernden Gedächtnis“ des Mädchens, kam aber dennoch zum Ergebnis, dass die Vorwürfe der Schülerin erlebnisfundiert und sie deshalb glaubwürdig sei.

Zu dieser Überzeugung kam auch der Staatsanwalt, der für insgesamt 14 Fälle des Missbrauchs eines Kindes respektive einer Schutzbefohlenen - einschließlich der in der Vernehmung aufgetauchten beiden neuen Vorwürfe - eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und acht Monaten beantragte. Die 13-Jährige habe mit Sicherheit nur einen Bruchteil der tatsächlichen Fälle geschildert und nie von Gewalt oder Drohungen gesprochen: „Belastungseifer oder Rachsucht sehen anders aus.“ Die Anwältin des Mädchens betonte zudem, dass ihre Mandantin noch heute in psychiatrischer Behandlung sei.

Der Verteidiger beantragte Freispruch: Die „Aussagequalität“ bei der 13-Jährigen in der Hauptverhandlung sei so schlecht gewesen, dass man - ohne sie der Lüge bezichtigen zu wollen - von ihrer Glaubhaftigkeit und Glaubwürdigkeit nicht ausgehen könne. Daher gebe es keine Basis für eine Verurteilung. Zu dieser Auffassung gelangte auch die Jugendkammer: Dieser Freispruch, betonte der Richter, sei nicht leicht gefallen. Dem Mann seien die Taten nicht mit zur Verurteilung ausreichender Sicherheit nachzuweisen gewesen.

Rubriklistenbild: © dpa

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