Freiwillige Feuerwehren an der Belastungsgrenze

Zu viele Einsätze wegen Lappalien

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In voller Mannschaftsstärke müssen die Freiwilligen Feuerwehren ausrücken – auch bei Lappalien. 

Die Belastung der Freiwilligen Feuerwehren im Landkreis Dachau wächst immer weiter. Einer der Gründe dafür: unwissende, zugezogene Städter, die wegen Lappalien die Feuerwehr rufen.

Sixtnitgern Die Freiwilligen Feuerwehren des Landkreises befinden sich am Limit ihrer Belastbarkeit. Immer mehr Einsätze und immer mehr Arbeitsstunden müssen die ehrenamtlichen Kräfte leisten, um die Sicherheit der Landkreisbürger zu wahren. Und immer häufiger werden sie wegen Lappalien gerufen. Das geht aus dem Jahresbericht von Kreisbrandrat Franz Bründler hervor, den er auf der Verbandsversammlung des Kreisfeuerwehrverbandes Dachau präsentierte.

Zu insgesamt 2309 Einsätzen mussten die Freiwilligen Feuerwehren des Landkreises im Jahr 2017 ausrücken. Zusammengerechnet ergeben sich daraus 25 269 Einsatzstunden. Eine enorme Belastung für die ehrenamtlichen Einsatzkräfte, die neben ihrem Feuerwehrdienst auch noch ihren normalen Arbeits- und Familienalltag stemmen müssen. „Viel mehr geht nicht mehr“, konstatierte deshalb Bründler.

Und es werden voraussichtlich nicht weniger Einsätze werden. Dieses Jahr bis Anfang März mussten die Kreisfeuerwehren schon wieder 526 Mal ausrücken – alleine 101 Einsätze davon betrafen die Dachauer (wir berichteten). Immer mehr dieser Einsätze fallen aber eigentlich gar nicht in ihren Aufgabenbereich. „Heute reicht schon ein kleiner Ölfleck auf der Straße, ein bisschen Wasser im Keller oder eine verschlossene Tür, dass wir in voller Mannschaftsstärke ausrücken müssen“, monierte Bründler. Früher seien solche Probleme von den Menschen noch selbst behoben worden.

Doch seit vermehrt Menschen aus der Stadt zuziehen, würden solche Fälle zunehmen, erklärte der Kreisbrandrat. „Die Stadtbewohner sind es gewohnt, dass eine Berufsfeuerwehr durchgehend zur Verfügung steht“ – und gehen deshalb auch auf dem Land von einer vergleichbaren Situation aus.

Kreisbrandinspektor Maximilian Reimoser (siehe Interview) macht aber nicht nur die Unwissenheit der Bürger als Ursache dafür aus: „Oft sind die Menschen einfach zu bequem, wenn am Wochenende der Hausmeister nicht da ist, oder der Schlüsseldienst zu teuer wird.“ Genaue Zahlen über solche unnötigen Einsätze gibt es aber nicht. Bründler blieb deshalb nichts anderes übrig, als an die Vernunft der Bürger zu appellieren.

Auch die Zahl der Fehlalarme stieg leicht an. Bründler schränkte zwar ein, dass „uns andere Kreise um diese Zahlen beneiden würden“, aber die wachsenden Bevölkerungszahlen in der Region und der flächendeckende Einbau von Rauchmeldern machte sich auch in der Statistik der Landkreis-Feuerwehren bemerkbar. Durch den vermehrten Einsatz von Doppelmeldesystemen (zwei Rauchmelder müssen auslösen, damit die Feuerwehr alarmiert wird) sollen solche Fehler reduziert werden.

Keine Fehlalarme waren die zahlreichen Unfälle auf der A8. Bründler hofft, dass die Autobahn in Zukunft ein Verkehrsleitsystem erhält, das einerseits die Autofahrer frühzeitig über Staus und Unfälle informieren soll, andererseits aber auch die Sicherheit für Einsatzkräfte erhöhen soll. Denn noch immer würden viele Autofahrer mit hohen Geschwindigkeiten an Feuerwehrlern und Unfallstellen vorbeirauschen.

Diese Rücksichtslosigkeit äußert sich auch noch anders. „Der Umgang mit den Rettern ist teilweise beschämend“, sagte Bernhard Seidenath, Landtagsabgeordneter und BRK-Vorsitzender. Umso höher sei es den ehrenamtlichen Feuerwehrlern anzurechnen, dass sie trotz allem bei einer Alarmierung „alles stehen und liegen lassen, um anderen Menschen in Not zu helfen“. tb

Drei Fragen an ... den Kreisbrandinspektor

Haben die Alarmierungen der Feuerwehr wegen Lappalien zugenommen?

 Unterm Strich werden es mehr. Die Feuerwehr wird verstärkt als Dienstleister und nicht mehr als Gruppe ehrenamtlicher Helfer gesehen. Gleichzeitig wissen sich viele Menschen bei Problemen nicht mehr selbst zu helfen. Gerade Menschen, die aus der Stadt zu uns ziehen, sind eine ständig besetzte Berufsfeuerwehr gewohnt. Die wird dann eher gerufen, als einen Nachbarn um Hilfe zu bitten. Wenn dann ein Feuerwehrler in der Arbeit alarmiert wird, um eine Wohnungstür zu öffnen, haben viele Arbeitgeber nur wenig Verständnis dafür. 

Wie reagieren die Menschen, wenn Sie darauf angesprochen werden? 

Sehr unterschiedlich. Einige zeigen Verständnis dafür und wussten einfach nicht, wie die Feuerwehr hier organisiert ist. Andere sehen darin eine Dienstleistung, auf die sie als Steuerzahler ein Recht haben. Teilweise werden wir sogar unter falschen Vorwänden gerufen. Da müssen wir zum Beispiel dringend eine Türöffnung durchführen, weil angeblich noch Essen auf dem Herd steht, was sich dann als falsch herausstellt. In Wirklichkeit waren die Eigentümer nur zu bequem, um den Schlüsseldienst zu rufen. Solche Einsätze werden aber von der Gemeinde grundsätzlich in Rechnung gestellt. 

Gibt es Pläne, wie dagegen vorgegangen werden soll? 

Bisher haben wir noch keine spezielle Kampagne entwickelt, wie wir es beispielsweise für die Rettungsgassen gemacht haben. Wir versuchen durch möglichst umfassende Bürgerinformation, Merkblätter und Flyer die Menschen aufzuklären und die Vermeidung von Gefahrensituationen zu schulen. Je nachdem, wie sich das Problem weiterentwickelt, müssen wir aber auch darüber nachdenken.

Interview: Thomas Benedikt

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