Ein großes Wunder in kleinen Schritten

Fünf Jahre nach dem Horrorunfall: So geht‘s der kleinen Christine

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Ein eingespieltes Team: die achtjährige Nine und ihre Mama Kathrin Zahler.

Die Folgen des schrecklichen Unfalls im April 2013 bestimmen ihr Leben. Die kleine Christine, die als Dreijährige von einem Auto erfasst und 350 Meter mitgeschleift wurde, bleibt wohl für immer auf den Rollstuhl angewiesen. Ihre bisherigen Fortschritte kommen einem Wunder gleich.

Garmisch-Partenkirchen – Christine fährt Fahrrad. Eigentlich nicht ungewöhnlich für eine Achtjährige. In diesem speziellen Fall grenzt es aber an ein Wunder, dass das Mädchen mit dem übermütigen Lachen durch den Michael-Ende-Kurpark in Garmisch-Partenkirchen radelt. Vor fünf Jahren überlebte das Kind, das jetzt Nine genannt werden will, einen Horrorunfall. Einen, der auch heute noch bei vielen Garmisch-Partenkirchnern präsent ist.

Mit ihrer Mama Kathrin Zahler wollte die damals Dreijährige am Fußgängerüberweg an der Kreuzung Von-Brug-/Parkstraße die Fahrbahn in Richtung des ehemaligen Finanzamts überqueren. Bei Grün. Zeitgleich hatte aber auch die Ampel für Rechtsabbieger umgeschaltet, und eine 77-jährige Einheimische erfasste das Kind vorne links mit ihrem Auto. Ohne es zu merken. Bis zum Garmischer Festplatz an der Alleestraße schleifte sie die Kleine mit. 350 Meter weit. Passanten und andere Autofahrer mussten die Frau auf das Unglück aufmerksam machen. Erst dann stoppte sie. Christine hat den schrecklichen Unfall überlebt – schwerstverletzt. Vor allem an Kopf, Schulter und Oberschenkel.

Ärzte halten sich mit Prognosen zurück

Was folgte, waren 20 Monate in Krankenhäusern, 38 Operationen, von denen die Narben an dem kleinen Körper zeugen. Und ein mühsames Zurücktasten ins Leben. Ein Bruchteil von Sekunden hat den Alltag von Kathrin und Nine Zahler komplett auf den Kopf gestellt. Mit Prognosen, wie sich der Zustand des Mädchens entwickelt, welche Spätfolgen vom Unfall bleiben und mit welchen Beeinträchtigungen es zurechtkommen muss, haben sich die Ärzte immer zurückgehalten. „Die geben sie weiterhin nicht“, betont die 40-Jährige. „Was sie sagen, ist, dass alles, was wir schon erreicht haben, ein Wunder ist.“

Dazu zählt für die Garmisch-Partenkirchnerin auch, dass ihre Tochter jetzt auf ihrem Spezial-Fahrrad sitzt und durch den Kurpark steuert. Etwas unsicher. Langsam, fast im Schritttempo. Manchmal schiebt die Mama von hinten ein wenig. „Wir müssen noch ein bisschen üben“, räumt Kathrin Zahler ein. Das Fahrrad in knallgrün – „das ist Nines Lieblingsfarbe“ – verschafft ihr und ihrer Tochter ein neues Stück Freiheit. Wenn’s mal schneller gehen muss, schraubt sie das Vorderrad ab, verstaut es in ihrer Satteltasche und hängt das Gefährt an ihr E-Bike. „So sind wir unabhängiger.“ Ein enormer Vorteil, weil sie doch keinen Führerschein hat.

Sprachcomputer hilft, wenn Nine die Worte fehlen

Ein paar wenige Schritte kann das Mädchen mittlerweile gehen – nicht allein, aber mit Hilfe seiner Mutter. Ansonsten sitzt es im Rollstuhl. Auch in der Schule. „Die haben extra eine Rampe für sie gebaut“, sagt Kathrin Zahler. Im September wurde Nine eingeschult, mit einem Jahr Verspätung. „Ich dachte, wir gönnen uns noch ein bisschen Ruhe“, erklärt ihre Mutter. Ein Jahr zum Durchschnaufen. Ein Jahr, in dem kein Krankenhausaufenthalt anstand. Davon gab’s nach besagten 20 Monaten noch etliche, dementsprechend oft hat Nine im Kindergarten gefehlt. Jetzt besucht sie die erste Klasse an der Burgrainer Grundschule, eine Inklusionsklasse. Und fühlt sich wohl mit den anderen Mädchen und Buben. „In den Ferien hat sie sich schon beschwert, dass ihr die zu lange dauern“, erzählt die Mama und lacht. Auch Nine prustet los. Nicht alles kann sie in Worte fassen, häufig nutzt sie ihren Sprachcomputer, um sich auszudrücken. Und reagiert empört, wenn der ein Wort, das sie für ihre Erzählung braucht, nicht kennt. Taube, das hat das Gerät, das wie ein Tablet-Computer ausschaut, nicht eingespeichert. Nur großer Vogel. Das ist Nine zu wenig. Eindringlich fordert sie, dass nachgebessert wird. Von dem weißen Schmetterling, der gerade an ihr vorbeigeflattert ist, kann sie berichten. Diese Worte gibt ihr Gerät her.

Sieben Schläuche im Kopf

Auch den „Faulen Strumpf“, unter dem Nine ihren Lieblings-Neurochirurgen gespeichert hat. Regelmäßige Arztbesuche sind völlig normal für sie und ihre Mutter. „Wenn’s ihr mal schlecht geht oder sie über Kopfweh klagt, bin ich sofort alarmiert“, sagt Kathrin Zahler. Kein Wunder. Durch den Unfall hat Nine einen Wasserkopf, dazu kommen Zysten im Gehirn. Um die Flüssigkeit abzutransportieren, führen sieben Schläuche vom Kopf in den Magen. „Die können verstopfen oder festwachsen.“ Die Folge: eine weitere Operation. Außerdem hat sich ein Pilz in ihrem Körper eingenistet. „Anfangs wusste man nur, in ihr wütet etwas“, erinnert sich die 40-Jährige. Dass sich der Pilz, der vom Dreck auf der Straße rührt, insbesondere in Nines Stammhirn und an ihrer Wirbelsäule festgesetzt hat, mussten die Ärzte erst einmal herausfinden. Der Versuch, diesen zumindest aus dem Gehirn zu entfernen, gelang nur teilweise. Mit dem unguten Nebeneffekt, dass ein Nerv verletzt wurde und jetzt die rechte Gesichtshälfte gelähmt ist. „Inzwischen geht das Auge nicht mehr ganz zu, deshalb müssen wir wohl als nächstes ins Krankenhaus.“

Dankbar über jeden Fortschritt

Der Unfall und seine Folgen sind allgegenwärtig bei den Zahlers. „Das bestimmt alles, der Alltag ist viel zeitaufwändiger.“ Eine Erleichterung bedeutet, dass Physio-, Ergo- und Logo-Therapie in der Schule stattfinden. Viermal die Woche bleibt Nine bis 16 Uhr dort. Zeit, die die Mama für Erledigungen nutzt. Oder einfach nur für sich. Das ist wichtig, deshalb stockt sie ihre Zwölf-Stunden-Woche in der Arbeit auch nicht auf. Und es tut beiden gut. „Jetzt, wo wir uns nicht mehr immer sehen, wird Nine wieder zu einer richtigen Kuschelmaus“, sagt Kathrin Zahler.

Dafür ist sie dankbar. Genau wie über jeden Fortschritt, den ihre Tochter macht. Und für alle, die auch fünf Jahre nach dem furchtbaren Unfall noch an sie und ihre große Kleine denken. Ihre Nine, sagt sie, „ist nicht mehr die kleine Christine“, wie sie nach dem Unglück immer genannt wurde. Sie ist ein Schulkind. Eines, das wissbegierig ist, gerne spielt und jetzt auch Rad fahren kann.

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