Fünfseen-Filmfestival: Interview mit Ehrengast

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Wolfgang Kohlhaase

Starnberg - Am Mittwoch beginnt das Fünfseen-Filmfestival - dort gibt es nicht nur Filme zu sehen, sondern auch ein spannendes Rahmenprogramm. Die tz sprach mit Ehrengast Wolfgang Kohlhaase.

Sehen an den Seen: Am Mittwoch beginnt das Fünfseen-Filmfestival. Zwölf Tage lang tolles Kino in der tollen oberbayerischen ­Landschaft – teilweise laufen die Filme ja sogar unter freiem Himmel, nämlich im Strandbad Starnberg. Die Projektoren sind schon aufgebaut, das Programm steht, heute geht’s los unter anderem mit Portugal, Mon Amour, Das Mädchen Wadjda und The Company you keep. Zum Festival ­gehören aber nicht nur ­Filme, sondern auch ein spannendes Rahmenprogramm. Quasi: Fünf Seen, 100 Ideen. Unter ­anderem wird Wolfgang Kohlhaase (82), einer der besten und ­berühmtesten deutschen Drehbuch-Autoren, als Ehrengast vor Ort sein. Wie er seine Branche sieht, sagt er uns im tz-Interview. Film ab!

Herr Kohlhaase, im Gegensatz zu den Darstellern oder auch dem Regisseur steht der Drehbuch-Autor eigentlich immer im Hintergrund. Fluch oder Segen?

Wolfgang Kohlhaase: Das ist die melancholische Realtität (lacht). Aber das weiß man als Autor. Wichtiger ist, dass sich die Filmbranche selbst und auch die Filmkritik die Mühe macht, das Drehbuch zu bemerken. Wenn allerdings ein Film nicht funktioniert, dann ist man gerne zur Hand und kritisiert das Skript …

Ihr Job gehört zu den schwierigsten im Filmgeschäft. Wie muss man ticken, um einen dicken Schinken auf Filmlänge zu bündeln?

Kohlhaase: Man muss zunächst diese eine Idee haben, ob der Roman filmtauglich ist. Ob er ins Format gebracht werden kann, ob die wichtigste Substanz mitteilbar ist. Dann muss man ein Stück weg vom Roman gehen und dann neu darauf zu. Es klappt nicht, einfach den Roman zu lesen und währenddessen zu kürzen. Und: Es ist sehr wichtig, sich frühzeitig mit dem Regisseur und dem Buchautor in Verbindung zu setzen, um sich zu einigen, was für einen Film man für wen machen will. Doch da konnte ich mich nie beklagen, die Zusammenarbeit lief immer sehr gut.

Einige Beispiele?

Kohlhaase: Mit dem leider früh verstorbenen Gerhard Klein habe ich vier Filme gemacht. Etwa Berlin, Ecke Schönhauser. Oder, um näher an die Gegenwart zu rücken: mit Andreas Dresen bisher zwei.

Bisher?

Kohlhaase: Wir sind gerade im Begriff, einen dritten anzugehen. Er fußt auf Clemens Meyers Roman Als wir träumten und beschreibt das Leben der jungen Leipziger Anfang der 80er.

In den 80ern waren Sie, mit Verlaub, ja auch kein Jungspund mehr. Wie schaffen Sie es dennoch, so nah am Lebensgefühl der Jugend zu bleiben – siehe beispielsweise auch in „Sommer vorm Balkon“?

Kohlhaase: Na gut, man sollte nicht senil sein (lacht). Aber solange man neugierig ist auf die Menschen und die Welt, wie sie ist und nicht sein sollte, solange man ein Ohr für die Tonlagen und den Blick für die Lebenslagen hat, kann das klappen. Die Neugier ist das Wichtigste. Man schreibt ja kein Drehbuch über das, was man weiß – sondern, um etwas für sich herauszufinden.

Also haben Sie Probleme mit Menschen, die eine klare Weltsicht haben?

Kohlhaase: Jeder hat seine Weltsicht. Aber die Wahrheit muss man immer wieder neu herausfinden. Die Wahrheit ist zwischen Menschen, und dafür ist Erzählen ein gutes Mittel.

Eine andere Wahrheit ist das leidige Problem der Finanzierung …

Kohlhaase: Das Problem ist: Man muss einen möglichen Sponsor in einer Phase der Arbeit überzeugen, wo noch unbewiesen ist, was man vorhat. Man glaubt an sein Projekt, aber man weiß noch nicht, ob es funktioniert.

Wenn Sie sich einen Film im Kino ansehen – können Sie dann eigentlich Ihr Drehbuch-Hirn abschalten?

Kohlhaase: Ja. Na gut, wenn der Film einen nicht fesselt, dann achtet man schon auf andere Sachen. Also etwa: Die Schauspieler sind aber gut, die Kamera ist interessant, das Drehbuch ist spannend. Aber ich habe die Karte bezahlt, und ich wundere mich gerne im Kino und lasse mich verzaubern. Ich versuche, meine Unschuld zu bewahren.

Interview: Matthias Bieber

 

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