Im katholischen Waisenhaus

Missbrauch in der Kirche: Ein Opfer spricht

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In einem katholischen Waisenhaus wurde der heute 70-jährige Ekehard B. missbraucht (Symbolbild). 

Der Papst bittet um Vergebung für die vielen Missbrauchsfälle seiner Kirche. Für Eckehard B. ist das blanker Hohn. Der heute 70-Jährige wurde als Kind selbst Opfer. Die seelischen Wunden sind bis heute nicht verheilt.

Westlicher Landkreis Fürstenfeldbruck – Im Wohnzimmer hängt ein Kruzifix in der Ecke, Marienbildnisse schmücken die Wand. Seinen Glauben an Gott hat Eckehard B. nicht verloren. Mit der Kirche aber will der 70-Jährige nichts mehr zu tun haben. Zu tief sind die Wunden, die eben jene Institution in seine Seele gerissen hat. Jahrzehntelang hat B. dazu geschwiegen. Verdrängen konnte er das Erlebte – vergessen nie. Jetzt spricht er darüber.

Köln, Stadtteil Kalk, Ende der 40er Jahre. Ein katholisches Waisenhaus, geführt von Franziskanerinnen. Es ist ein altes Gebäude mit hohen Räumen und langen Gängen. „Ein kalter Ort“, sagt B.. Und damit meint er nicht nur die Temperatur. Menschliche Wärme, wie man sie von Gottesdienerinnen in einem Waisenhaus erwarten würde, hat B. dort nie erlebt. Stattdessen: Schläge, Verachtung, Erniedrigung, Missbrauch. „Ich habe sehr deutlich zu spüren bekommen, dass ich ein uneheliches Kind war. Ein Kind der Schande“, sagt B. heute.

Hiebe mit dem Stock

Das beherrschende Gefühl seiner Kindheit war die Angst. Angst, etwas falsch zu machen und dafür bestraft zu werden. „Ich habe versucht, mich zu verkriechen, nicht aufzufallen“, sagt B. Doch vor den wöchentlichen Ritualen gibt es kein Entkommen. Am Samstag etwa müssen sich die Kinder im Kreis um die Nonnen aufstellen. Wer aus Sicht der Gottesdienerinnen brav war, bekommt Schokolade. Für die anderen gibt es Hiebe mit dem Rohrstock. Der kleine Eckehard hält nur selten Süßes in den Händen. Die Angst lässt ihn auch nachts nicht los. Immer wieder nässt er ins Bett. Verständnis oder Hilfe kann er nicht erwarten. Stattdessen: Strafstehen am Bett.

Repressalien gibt es aber auch durch die anderen Bewohner – vor allem durch die Jugendlichen. Tritte, Faustschläge, schwerer sexueller Missbrauch – und niemand, dem er sich hätte anvertrauen können. „Den Nonnen konnte man sich nicht offenbaren“, sagt B. Zu groß ist die Angst, vor den gefürchteten Frauen im schwarz-weißen Gewand.

Als Eckehard B. neun Jahre alt ist, scheint das Martyrium ein Ende zu haben. Seine Mutter holt den Buben aus dem Waisenhaus, jetzt wohnt er bei ihr und ihrem Lebensgefährten. Doch auch der entpuppt sich als Aggressor. Die Schläge gehen weiter. Mit 18 verlässt B. das Elternhaus.

Hohle Phrasen

Während seines Berufslebens – B. arbeitet als Großhandelskaufmann, Landwirt und Arbeitspädagoge – gelingt es ihm, das Erlebte zu verdrängen. B. heiratet, ist heute Vater von vier erwachsenen Kindern. Als er in den Ruhestand geht, holt ihn die Vergangenheit wieder ein. Seitdem ist er in psychologischer Behandlung, hat mehrere Klinikaufenthalte hinter sich, muss Psychopharmaka nehmen und kämpft gegen Suizidgedanken.

Dass sich der Papst jetzt in Irland für die Taten seiner Kirche entschuldigt, ist für den 70-Jährigen blanker Hohn. „Die Bitten um Vergebung sind für mich einfach nur hohle Phrasen.“ Was in dieser Institution weltweit jahrzehntelang geschehen sei, müsse aufgearbeitet werden. „Ich würde mir wünschen, dass die Kirche einen ehrlichen, jährlich wiederkehrenden Gedenktag für uns Missbrauchsopfer einrichtet.“ Dass es dazu kommt, glaubt B. indes nicht. „Ich befürchte, dass die Verantwortlichen es aussitzen und wie so oft den Kopf in den Sand stecken.“ (Tobias Gehre)

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