"Wie ein Kompressor unterm Kissen"

Rätselhaftes Brummen raubt Anwohnerin den Schlaf 

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Angelika Mertsch auf ihrem Balkon: Mit einem speziellen Messgerät erfasst sie den tieffrequenten Schall. Als Ausgangspunkt vermutet sie die Brauerei Kaltenberg. Die Antennen auf deren Dach kann die 55-jährige Bruckerin von ihrer Wohnung aus sehen.

Fürstenfeldbruck - Seit 10 Monaten hat Angelika Mertsch (55) nachts kaum ein Augen zugemacht - ein nervtötendes Brummen raubt ihr den Schlaf. Woher das Geräusch kommt, war lange rätselhaft.

Seit 30 Jahren lebt Angelika Mertsch in Bruck, aber vor rund zehn Monaten änderte sich ihr Leben fundamental. Ein seltsames Brummen raubt ihr den Schlaf. Dessen Ursache war zunächst rätselhaft. Jetzt glaubt die 55-Jährige diese zu kennen.

Ein auf eigene Kosten erstelltes Gutachten zeigte ankommenden (Infra-)Schall in niedrigen Frequenzen, allerdings noch innerhalb der von der TA Lärm gesetzten Normen. Die Auswertung einer dritten Messung durch einen Düsseldorfer Professor für Akustik zeigte dagegen Werte, die etwa bei 50 Hertz deutlich über der Wahrnehmungsschwelle lagen.

Um den Jahreswechsel 2013/14 herum hörte die 55-Jährige erstmals den tiefen Brummton. Er erinnert sie entfernt an das Geräusch eines Dieselmotors, der meist im Leerlauf wummert, immer wieder aber auch mit höherer Leistung arbeitet. Monate später und nach langer Ursachenforschung ist sich die Frau aus dem Brucker Norden sicher: Das Brummen, das sie inzwischen keine Nacht mehr durchschlafen lässt, stammt von der nahegelegenen Brauerei. Dort ist man sich aber nach mehrfachen Überprüfungen im eigenen Betrieb keiner Schuld bewusst.

"Wie ein Kompressor unterm Kopfkissen"

„Wie ein Kompressor unterm Kopfkissen“, schildert die Apotheken-Mitarbeiterin die Lärmkulisse, die sie nachts wach liegen lässt. Ihr Problem ist ihr ungewöhnlich feines Gehör: Tieffrequenten Schall von beispielsweise 50 Hertz, wie er gutachterlich bestätigt im Haus in der Schwabenstraße ankommt, können bei geringer Lautstärke nur wenige Menschen bewusst wahrnehmen.

Von maximal einem Prozent der Bevölkerung sprechen Schätzungen. Angelika Mertsch gehört dazu. Auch Tochter Manuela registriert das Brummen – etwas gedämpfter. Mann und Sohn hören nichts. Die Nachbarn fühlen sich nicht belästigt.

Zunächst hatte Angelika Mertsch noch irgendwelche defekten Geräte in der eigenen Wohnung in Verdacht. Später konsultierte sie Ohrenarzt und Neurologen – wegen möglichem Tinnitus oder gar einem Nervenleiden – jeweils ohne Befund.

Man meint, man sei verrückt

„Anfangs meint man, man ist verrückt“, sagt Mertsch. Vielleicht auch deshalb, glaubt sie, machen die wenigsten mit ähnlichem Leidensdruck großes Aufheben um diese Art von Lärmbelästigung. Mittlerweile sind ihr einige andere Menschen aus der Stadt bekannt, die den mysteriösen Ton ebenfalls wahrnehmen.

Einer von ihnen, in der Dachauer Straße zuhause, lief auf der Suche nach der Schallquelle zunächst durchs Krankenhaus. Eine andere Betroffene suchte wegen des Dröhnens im Kopf ebenfalls vergebens ärztliche Hilfe.

Nach Ausschluss aller anderen Emissionsstandorte bleibt für Mertsch nur die rund 500 Meter entfernte Schlossbrauerei Kaltenberg übrig. Dort habe man sich zwar bemüht um die Beschwerdeführerin, konnte bei der Ursachenforschung aber auch nicht weiterhelfen.

Helmut Guggeis, Technischer Direktor der Sudstätte, versichert, dass vor einem knappen Jahr nichts am Produktionsprozess verändert wurde. Der letzte größere Umbau datiert von 1992. Außerdem habe sich mehrfach gezeigt, dass der wahrgenommene Brummton in keinem Zusammenhang mit dem Betriebsablauf stehe.

Insgesamt drei Mal habe man den Betrieb sogar für einige Zeit ruhen lassen, um den eventuellen Fehler zu finden. „Wir haben alles unternommen“, sagt Guggeis. Im übrigen sei man ohnehin kontinuierlich dabei, Lärmquellen zu vermindern – auch im Interesse der Mitarbeiter.

Tatsächlich gab es bei der letzten Überprüfung durch den TÜV Süd keine Beanstandungen. Die Experten waren direkt danach auch bei Familie Mertsch zu Hause und konnten keinerlei Brummen messen. In der Brauerei habe man jedoch von dem Besuch im Privathaus gewusst, vermutet Mertsch.

Brauerei zu Messungen bereit

Die Brauerei wäre bereit, eine detaillierte Langzeit-Messung auch auf ihrem Betriebsgelände zuzulassen, würde aber nicht die Kosten von einigen Tausend Euro übernehmen. Diese weitere Ausgabe scheut die Familie, denn selbst wenn die schuldige Maschine, ein Kompressor oder eine Pumpe, gefunden würde, gäbe es keine Garantie für Abhilfe.

Die Lärmquellen könnten nur dann beseitigt werden, wenn es „technisch machbar und kostenmäßig darstellbar“ sei, heißt es in einer E-Mail des Unternehmens. Bis auf weiteres muss die hellhörige Frau also mit einer, wie sie es nennt, „Folter“ leben. Denn das Brummen kennt keine Nachtruhe, kein Wochenende und keinen Urlaub. (Olf Paschen)

Das Problem gibt es auch anderswo

Das von der Brucker Familie eingeschaltete Landratsamt als Immissionsschutzbehörde sieht nach der schalltechnischen Untersuchung durch den TÜV keinen Handlungsbedarf. Die lärmgeplagte Bruckerin könne allerdings auf zivilrechtlichem Weg versuchen, Ruhe zu finden. In der Gemeinde Steinhöring im Landkreis Ebersberg, wo es einen vergleichbaren Fall gibt, schaltete sich dagegen sogar der Landrat persönlich ein und lud Betroffene und mögliche Verursacher (im Gespräch sind eine Ölpipeline und eine Mülledponie) an einen Runden Tisch. Nach unterschiedlichen Daten bei zwei ersten Untersuchungen wurde hier eine dritte Messung in Auftrag gegeben, um die Quelle zu finden. Im kleinen Steinhöring hören allerdings weit mehr Menschen ein Brummen als in Bruck: Über 50 Lärmgeplagte wandten sich schon ans dortige Landratsamt.

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