„Ein undankbarer Job“

Gefährlicher Job auf der Autobahn - und dann ist man auch noch der „Depp“ 

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Retten, bergen, löschen – und das während der Verkehr nur wenige Zentimeter entfernt vorbeidonnert. Die Belastung für die Retter ist groß.

Fürstenfeldbruck – Montagmorgen, kurz nach vier: Wer kann, schlummert selig in seinem Bett. Matthias Rötsch und seine Kameraden können nicht. Die Retter der Graßlfinger Feuerwehr sind wenige Minuten zuvor vom Piepser aus ihren Träumen gerissen worden. Unfall auf der verschneiten Autobahn. Ein Auto mit Sommerreifen ist in einen Lastwagen gekracht. Für die Helfer heißt das: Absperren, Öl binden, Trümmer wegräumen. Und dann geht es in die Arbeit. „Gerade bei so unnötigen Einsätzen ärgert man sich schon“, sagt Rötsch.

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„Es ist ein undankbarer Job“

Mit seinem Unmut ist der Graßlfinger Feuerwehrkommandant nicht allein. Auch in Geiselbullach und in Germering geht es für die Feuerwehrleute regelmäßig auf die Autobahn. In Geiselbullach an der A 8 sind es mehr als 100 Einsätze pro Jahr, die Graßlfinger Kollegen rücken rund 60 Mal auf die Stuttgarter Autobahn aus. Und auch die Retter von den beiden Germeringer Feuerwehren werden dutzende Male pro Jahr auf die A 96 oder auf die A 99 gerufen – alles zusätzlich zu den Einsätzen in ihren Heimatgemeinden.

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„Es ist ein undankbarer Job“, sagt Dennis Reiter, Kommandant der Feuerwehr Geiselbullach. Denn gerade auf der Autobahn seien die Einsätze nicht selten sehr langwierig. Reiter kann sich noch gut an einen havarierten, mit Hähnchen beladenen, Lastwagen auf der Stuttgarter Autobahn erinnern. Gut 30 Tonnen Fleisch mussten die freiwilligen Helfer umladen – per Hand.

Rücksicht wird kaum mehr genommen

Hinzu kommt die Gefahr, in die sich die Retter regelmäßig begeben. Rücksicht wird kaum mehr genommen, jeder will schnell an der Unfallstelle vorbei. Michael Gogl, Kommandant der Feuerwehr Unterpfaffenhofen und Germeringer Stadtbrandmeister, lässt seine Kameraden Unfallstellen auf der Autobahn deshalb immer großzügig absperren. Seit vergangenen Sommer haben die Brandbekämpfer zusätzlich einen so genannten Vorwarner auf einem ihrer Fahrzeuge. „Damit können wir schon in der Blumenau vor einer Unfallstelle bei Germering warnen“, sagt Gogl. Zur Standardausrüstung der Autobahn-Feuerwehren gehört auch ein Verkehrssicherungsanhänger mit hellen Warnleuchten und dem großen Pfeil, der den Verkehr an der Unfallstelle vorbei leitet.

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Auch große Decken haben die Autobahn-Retter immer dabei. Sie dienen als Sichtschutz. Denn immer mehr Verkehrsteilnehmer sind offenbar der Meinung, Unfälle mit ihren Smartphones fotografieren oder filmen zu müssen. „Jeder dritte hat mittlerweile sein Handy in der Hand“, sagt Gogl.

Anfeindungen gehören zum Alltag

Doch das ist nicht das einzige Problem. Nicht selten werden die Retter von Autofahrern angefeindet. „Depp“ und „Idiot“ seien noch das Harmloseste, sagt Matthias Rötsch von der Graßlfinger Feuerwehr. „Jeder denkt nur noch an sich und wie er am schnellsten weiter kommt“, sagt Rötsch. Ihre Wut lassen viele dann an den freiwilligen Helfern aus.

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Unmut macht sich auch bei manchem Arbeitgeber der Helfer breit. „Noch sind sie recht kulant“, sagt Matthias Rötsch. Es gebe aber immer öfter Diskussionen. Geht es beim Einsatz beispielsweise nur um eine Ölspur, würden manche Feuerwehrleute gar nicht mehr antreten. „Wenn ein Haus brennt, darf aber nach wie vor jeder zum Einsatz“, sagt Rötsch. 

Tobias Gehre

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