1. tz
  2. München
  3. Region

Die Inklusions-Pioniere des TSV Hohenbrunn: Wenn Fußball mehr ist als kicken

Erstellt:

Von: Patrik Stäbler

Kommentare

Mann der ersten Stunde: Alfred Rietzler (83) hat im März 2005 das Inklusionsteam beim TSV Hohenbrunn gegründet.
Mann der ersten Stunde: Alfred Rietzler (83) hat im März 2005 das Inklusionsteam beim TSV Hohenbrunn gegründet. © Patrik Stäbler

Bayernweit gibt es 30 Teams, in denen Menschen mit und ohne Handicap gemeinsam kicken. Und die allererste Mannschaft wurde beim TSV Hohenbrunn gegründet.

Nach einem Tag mit viel Regen lugt nun sogar die Sonne zwischen den Wolken hervor und schickt ihr Abendlicht über das sattgrüne Fußballfeld des TSV Hohenbrunn. Am hinteren Ende des Platzes trippeln einige Kindergartenkinder, deren Training soeben zu Ende gegangen ist, in Richtung Umkleide. An ihrer Stelle jagen kurz darauf circa 15 Jugendliche und junge Erwachsene über den Rasen und versuchen auf einem abgesteckten Feld, sich gegenseitig die Leiberl abzuluchsen, die ein jeder von ihnen hinten in seine Hose gesteckt hat.

Es ist dies ein beliebtes Aufwärmspiel bei Amateurkickern, und die Fußballer auf dem Rasen sind mit Feuereifer dabei. Es wird gerannt und geschwitzt, aber auch gelacht und gefeixt – und zwischendrin ertönt immer wieder die laute Stimme von Jürgen Weinert, dem Abteilungsleiter beim TSV Hohenbrunn und Trainer dieser Mannschaft. So weit, so gewöhnlich – könnte man meinen. Doch wer genauer hinsieht, der stellt fest, dass einige Spieler etwas unrund laufen, während andere sich mit der Koordination schwertun. Der Grund: In diesem Inklusionsteam des TSV Hohenbrunn spielen Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Fußball.

25.000 Amateurteams in ganz Bayern - aber bisher nur 30 Inklusionsmannschaften

Etwa die Hälfte der Mannschaft habe ein Handicap – in Form einer geistigen und/oder körperlichen Behinderung, wird Coach Jürgen Weinert später erzählen. Die Bandbreite reiche von der halbseitigen Lähmung bis zum Autismus, vom Downsyndrom bis zur Verhaltensstörung. Dass beeinträchtigte und nicht beeinträchtige Menschen hier Seite an Seite kicken, das sei der Kerngedanke des Inklusionsteams, sagt Jürgen Weinert. „Es geht darum, beide Gruppen zusammenzubringen, die gegenseitige Wertschätzung zu fördern und auch Berührungsängste abzubauen.“

Gegenseitige Wertschätzung fördern und Berührungsängste abbauen: Abteilungsleiter und Trainer Jürgen Weinert.
Gegenseitige Wertschätzung fördern und Berührungsängste abbauen: Abteilungsleiter und Trainer Jürgen Weinert. © Patrik Stäbler

Die Gruppe des TSV Hohenbrunn ist eine von circa 30 Inklusionsmannschaften, die es laut Bayerischem Fußball-Verband (BFV) im Freistaat gibt – eine verschwindend geringe Zahl im Vergleich zu den 25.000 Amateurteams in allen Altersklassen. Dabei wäre das Potenzial eigentlich riesig: Nach Angaben des Bayerischen Landesamts für Statistik leben hier gut 1,15 Millionen Menschen mit einer schweren Behinderung. Und immerhin gut 110.000 davon sind zwischen 18 und 45 Jahre alt – mithin also prädestiniert für einen Mannschaftssport.

„Vor Corona war im Bereich Inklusionsfußball eine wahnsinnige Dynamik drin. Aber die Pandemie hat das stark ausgebremst.“

Kristina Höhn, Inklusionsbeauftragte beim BFV.

„Dreißig Mannschaften in Bayern, das ist eine schöne Zahl. Aber da ist natürlich noch sehr viel Luft nach oben“, räumt Kristina Höhn ein. Die ehemalige Zweitligaspielerin, die im Hauptberuf beim Verein Lebenshilfe Nürnberg arbeitet, ist seit 2016 Inklusionsbeauftragte beim BFV. Ihr Ziel sei es, sagt sie, „mehr Vereine für dieses Thema zu begeistern, sodass wir irgendwann ein flächendeckendes Netz von Inklusionsmannschaften in Bayern haben“. Davon ist man freilich noch meilenweit entfernt. Und als Hemmschuh sei zuletzt die Pandemie hinzugekommen, sagt Kristina Höhn. „Vor Corona war im Bereich Inklusionsfußball eine wahnsinnige Dynamik drin. Aber die Pandemie hat das stark ausgebremst.“ Schließlich habe es gerade in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung besonders strenge Corona-Auflagen gegeben. Und so hätten viele Integrationsteams lange Zeit gar nicht trainieren können.

Doch auch abseits der Pandemie seien viele Klubs noch skeptisch, was das Thema Inklusion auf dem Fußballplatz angeht, weiß Kristina Höhn. „Dabei stellt das für jeden Verein einen Mehrwert dar.“ Nebst dem sozialen Aspekt sei da beispielsweise der praktische Nutzen durch zusätzliche Mitglieder, die man auf diesem Wege gewinnen könne. „Dazu kommt das öffentliche Interesse und auch das Thema Sponsoren“, sagt Kristina Höhn. „Es gibt viele Unternehmen, die momentan auf der Inklusionswelle mitschwimmen wollen.“

FC Bayern noch ohne Inklusionsmannschaft - TSV 1860 ist schon einen Schritt weiter

Und dennoch verharrt der Inklusionsfußball in der Nische. Sogar bei vielen großen Klubs sucht man vergeblich nach einem solchen Angebot. So hat – und das ist bezeichnend – der FC Bayern beispielsweise noch keine Inklusionsmannschaft. Etwas weiter ist da der Stadtrivale TSV 1860 München, der vor einigen Jahren ein Handicap-Team gegründet hat. Doch auch die Löwen können in dieser Hinsicht nicht mit dem TSV Hohenbrunn mithalten. Denn dort wurde bereits 2005 das bayernweit erste Inklusionsteam aus der Taufe gehoben.

Dehnen und kräftigen: Jürgen Weinert mit seinen Schützlingen beim Training auf dem Hohenbrunner Sportgelände.
Dehnen und kräftigen: Jürgen Weinert mit seinen Schützlingen beim Training auf dem Hohenbrunner Sportgelände. © PATRIK STÄBLER

Wer mehr über dessen Gründungsgeschichte erfahren will, der muss den Kickern um Jürgen Weinert, die nach dem Aufwärmspiel inzwischen beim Dehnen sind, den Rücken kehren und einige Schritt zum Nachbarplatz hinübergehen. Dort ist an diesem Abend ein weiteres Inklusionsteam des TSV zugange – und zwar für Buben und Mädchen unter 16 Jahre. Sie sind gerade dabei, Dutzende Fuß- und Tennisbälle von der einen zur anderen Seite des Platzes zu dribbeln. Entsprechend groß ist das Durcheinander auf dem Rasen, das Alfred Rietzler von außen und mit einem Lächeln im Gesicht verfolgt.

Alfred Rietzler gründet 2005 erstes Inklusionsteam beim TSV Hohenbrunn

Der 83-Jährige war im März 2005 Jugendleiter beim TSV Hohenbrunn, als der Vater eines Buben mit Downsyndrom bei ihm vorstellig wurde. „Er hat mich gefragt, ob unser Verein nicht eine Mannschaft für Beeinträchtigte und Nicht-Beeinträchtigte gründen will“, erinnert sich Alfred Rietzler. „Ich hatte von so etwas noch nie gehört und konnte mir auch nicht vorstellen, wie das funktionieren soll. Aber ich habe ihm geantwortet, dass ich im Verein mal nachfragen werde.“

Doch wie so oft, wenn’s ums Ehrenamt geht, war der Andrang von Freiwilligen überschaubar. Und so erklärte sich Alfred Rietzler kurzerhand selbst bereit, ein Inklusionsteam zu gründen und als Coach zu betreuen. „Ich habe mit einem einzigen Kind angefangen“, erzählt der damalige Jugendleiter. „Nach kurzer Zeit sind zwei weitere dazugekommen – und irgendwann wurden es immer mehr.“

„Oft ist das eher geduldet als gewünscht. Und für viele Vereine ist Inklusionsfußball nicht interessant, weil es da keine Tabellen gibt und niemand aufsteigen kann.“

 Jürgen Weinert, Abteilungsleiter des TSV Hohenbrunn.

Heute zählen die beiden Inklusionsteams des TSV, die von Eva Heinemann, Alfred Rietzler und Jürgen Weinert trainiert werden, circa 40 Mitglieder, von denen etliche seit langen Jahren dabei sind. Der Schlüssel zum Erfolg? Auf diese Frage gibt der Abteilungsleiter eine zweigeteilte Antwort. Zum einen brauche es Trainer, die sich auf und neben dem Platz engagieren. So gibt es in Hohenbrunn nicht nur das wöchentliche Training, sondern man treffe sich auch abseits des Rasens, unternehme Ausflüge und fahre zu Turnieren, erzählt Jürgen Weinert. Zum anderen müsse der komplette Verein hinter dem Thema Inklusion stehen – was laut dem Abteilungsleiter bei etlichen Klubs nicht der Fall ist. „Oft ist das eher geduldet als gewünscht. Und für viele Vereine ist Inklusionsfußball nicht interessant, weil es da keine Tabellen gibt und niemand aufsteigen kann.“

Schließlich stehen beim Inklusionsfußball „das gemeinsame Erleben und die Freude am Fußballspiel im Vordergrund – und nicht ein übermotivierter Leistungswille“. So steht es im sogenannten Ethik-Kodex für Inklusionsturniere des BFV. Demnach sollen in jeder Mannschaft mehr Spieler mit Handicap als ohne auf dem Feld stehen. Und: Die Kicker ohne Beeinträchtigung hält der Kodex dazu an, „überwiegend keine Dominanz im Spiel auszuüben“ – etwa in Form von Alleingängen übers ganze Feld. Damit auch zwischen den Mannschaften ein spielerisches Gleichgewicht herrscht, gibt es noch weitere Richtlinien. So dürfen unterlegene Teams etwa einen zusätzlichen Spieler aufs Feld schicken, während bei allzu großer Überlegenheit einer Mannschaft deren herausragender Kicker ausgewechselt werden soll.

Beim Inklusionsfußball geht es um Spaß, nicht ums Gewinnen und Verlieren

Kurzum, beim Inklusionsfußball geht’s nicht primär ums Gewinnen. Und genau das sei ein wesentlicher Grund, weshalb er in der Inklusionsmannschaft des TSV Hohenbrunn spiele, sagt Benedikt. Der 22-Jährige hat soeben noch mit seinen Teamkollegen Passstafetten eingeübt; nun steht er in einer Trainingspause am Spielfeldrand. „Ich finde es gut, dass es hier nicht ums Gewinnen und Verlieren geht“, sagt Benedikt, der dem Team seit mehr als zehn Jahren angehört. „Außerdem spielen bei uns alle zusammen in einer Mannschaft – egal ob mit oder ohne Behinderung. Und genau so soll’s doch sein.“

Sagt’s, und eilt im nächsten Moment zurück aufs Spielfeld, wo das Training weitergeht. Mit der nächsten Übung. Mit Fußballern mit und ohne Handicap. Mit engagierten Ehrenamtlichen wie Jürgen Weinert, Alfred Rietzler und Eva Heinemann. Und vor allem: mit viel Spaß am Kicken. (PATRIK STÄBLER)

Auch interessant

Kommentare