Er brach plötzlich zusammen

Fußballer retten Kameraden das Leben

Kirchseeon - Sie wollten ein Mannschaftsbild machen: Doch dann fiel ein Spieler plötzlich in sich zusammen. Kein Herzschlag mehr! Nun wurden die drei Männer geehrt, die sein Leben gerettet haben.

Es war ein schöner Tag, dieser Freitag im Oktober, Sportwetter, Fußballwetter. Auch in Kirchseeon. Auf der Anlage des ATSV treten zwei Mannschaften der „Alten Herren“ gegeneinander an, zwei Teams mit Männern im „besten Alter“, alle um die 50. Gastgeber: Die Spielgemeinschaft Ebersberg/Grafing/Kirchseeon.

Gegner: Kirchheim. Nach der ersten Halbzeit führen die Gastgeber schon 5:0. Auch ein Verdienst von Verteidiger Klaus Kronseder (52) und Torwart Andreas Schmidt (45). „Wir waren gut“, sind sich die beiden einig. Schmidt ist an diesem Tag eigentlich gar nicht eingeplant, er springt als „Aushilfe“ ein. Die Pause nutzt das Team für ein Mannschaftsbild.

Alle stellen sich in bester Stimmung für den Fotografen auf. In der Umkleidekabine steht schon das Bier für die Feier. Und dann passiert es. Alex K. (Name von der Redaktion geändert) fällt plötzlich in sich zusammen, liegt auf dem Boden, rührt sich nicht mehr.

Zwei Lebensretter: Klaus Kronseder und Andreas Schmidt (re.) beim Neujahrsempfang in Kirchseeon. Marcus Spitzer war an diesem Abend verhindert.

Kreislaufzusammenbruch, kein Herzschlag mehr. Schmidt und Kronseder reagieren schnell. „Wir sind beide hin. Warum weiß ich auch nicht“, erzählt Schmidt jetzt im Rückblick. „Ich habe seinen Mund aufgemacht und gesehen, dass die Zunge nach hinten gerutscht war. Ich haben sie mit zwei Fingern nach vorne gezogen“, berichtet Kronseder.

Ein Dritter ist mit dabei, Marcus Spitzer. Schmidt kümmert sich um die Beatmung, Kronseder um die Herzmassage, Spitzer kontrolliert den Puls. „Wir haben keine zehn Worte vorab miteinander geredet, überlegt haben wir nicht lange, wir haben wie ein Uhrwerk funktioniert“, erinnert sich Schmidt.

Er verfügte wohl über die beste Vorbildung des Trios für einen Rettungseinsatz. Schmidt hat nämlich eine Lizenz als Trainer. Nur wenige Wochen vor dem dramatischen Ereignis hatte er seinen Schein in einem Lehrgang verlängert.

„Bei dem Kurs ging es zwei Stunden lang um Wiederbelebung.“ Etwas anders die Situation bei Kronseder: „Ich weiß nur das, was ich damals für den Führerschein gelernt und später im Fernsehen gesehen habe.“

Er war aber schon einmal in einer ähnlichen Situation, 1998 bei einem Verkehrsunfall mit brennenden Fahrzeugen in der Nähe von Höhenkirchen. Auch damals hatte er geholfen, erhielt dafür die Bayerische Rettungsmedaille. „Wie ich das nächste Mal reagieren werde, weiß ich nicht“, sagt er heute.

Sanka musste zum Sportplatz gelotst werden

Aber Kronseder und die anderen haben ohne zu zögern reagiert. Ihre Bemühungen um das Leben des Kameraden mussten sie jedoch lange fortsetzen. Der Rettungsdienst war schnell alarmiert und kam auch, fand aber zunächst den Einsatzort nicht. Das Problem: Die Sportler spielten am Allwetterplatz.

Und der liegt ein Stück entfernt vom zentralen Vereinsgelände des ATSV, auf der anderen Seite der Bahnlinie an der Rückseite des Kirchseeoner Gymnasiums. Die Sportler hörten das Martinshorn, sehen konnten sie den Sanka aber nicht. „Er muss irgendwo an der Brücke gestanden haben“, erinnert sich Schmidt. „Die Retter kamen aus Vaterstetten und nicht aus Ebersberg“, betont Schmidt zur Erklärung. „Aber wir haben nicht darauf geachtet.“

Es müsse jemand mit einem Moped los gefahren sein, um Notarzt und Sanka herzulotsen, habe er mitbekommen. Wie viele Minuten vergangen sind, wisse er nicht, 20? 25? „Wir waren zeitlos“, ergänzt Kronseder. Irgendwann waren dann die Sanitäter da. „Wir haben weiter gemacht, bis sie ihre Geräte angeschlossen hatten“, berichtet Kronseder.

„Ich habe die Herzmassage gemacht und die haben die Kabel am Körper befestigt, zwischen meinen Händen hindurch.“ Dann habe es geheißen: „Bitte wegtreten.“ Mit einem Defibrillator, einer medizinischen Maschine für Elektroschocks, wurde die Rettungsmaßnahme fortgesetzt, bevor es weiter ins Krankenhaus ging.

„Vor Ort hat uns der Notarzt gesagt, dass es eine Chance gebe.“ Der Teamkamerad der Lebensretter lag noch einige Tage im künstlichen Koma. Danach hat er sich wieder erholt. „Dass wir ihn besuchen, das wollte er nicht“, erzählen seine Sportfreunde und haben dafür volles Verständnis. „Er wollte Abstand gewinnen. Wir haben aber immer über seinen besten Freund gewusst, wie es ihm geht.“

Abstand, das brauche man auch als Helfer, sind sich Schmidt und Kronseder einig. Während man beschäftigt sei, gebe es aber keine Zeit zum Nachdenken. „Ich glaube, diejenigen, die damals zugesehen haben, waren sehr viel mehr betroffen als wir“, resümiert Schmidt.

Den Neujahrsempfang in der ATSV-Halle, also nicht weit vom damaligen Geschehen entfernt, nutzte Schmidt für einen Aufruf. Niemand solle in einer solchen Situation Angst haben, etwas falsch zu machen, so sein Appell. „Ich hoffe, dass, wenn mir so etwsa passiert, auch jemand da ist, der eingreift.“

Und an allen Plätzen mit vielen Menschen sollten Defibrillatoren aufgestellt werden, um eine Lebensrettung zu unterstützen. Feiern wollen die beiden mit ihrem geretteten Sportkameraden aber schon noch. Die ausgefallene Siegesfeier soll nämlich nachgeholt werden, „Wir laden ihn dazu ein.“

Robert Langer

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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