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„Unglaubliche Frechheit“: Frust über G7-Gipfel im Bürger-Talk „Jetzt red i“ – Herrmann verweist auf Scholz

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Von: Felix Herz

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Die Vorkehrungen für den G7-Gipfel sind massiv – und die Bürger der Region leiden.
Die Vorkehrungen für den G7-Gipfel sind massiv – und die Bürger der Region leiden. © Angelika Warmuth/dpa

Die Talkshow „jetzt red i“ lud Bürger und Politiker zum Gespräch über den G7-Gipfel in Elmau ein. Deutlich wurde: Die Anwohner sind frustriert.

München/Elmau – Es ist das bestimmende Thema dieser Tage: Der G7-Gipfel in Elmau. Eine hohe Belastung für die Politik, die Sicherheitskräfte, die Berichterstattung – aber auch für die Region selbst. Neben den Pressekonferenzen und politischen Diskussionen kommen die Anwohner jedoch eher weniger zu Wort. Dafür gab es nun eine G7-Ausgabe der BR-Talkshow „jetzt red i“ am Mittwochabend, 22. Juni.

Eingeladen waren Bürgerinnen und Bürger aus der ausrichtenden Region sowie der Bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) und Bayerische Landtagsabgeordnete Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Landtag.

G7-Gipfel in Elmau: Deutlicher Bürger-Frust über Einnahme-Verluste

Die Wortmeldungen der anwesenden Bürger drückten vor allem eins aus: Verständnis für das grundsätzliche Austragen eines solchen Gipfeltreffens der mächtigsten Politiker, aber Unverständnis für das wo und wie. Ein Aufregerthema: Wegbrechende Einnahmen der Geschäfte vor Ort. Der Besitzer eines Eishockeyladens klagt über das seit Mitte Februar geschlossene Eishockeystadion. Die Wirtin einer Gaststätte im Gelände des Ski-Stadions, in dem die Polizei untergebracht ist, leidet unter finanziellen Einbußen in Höhe von 40 Prozent.

Elisabeth Koch, Bürgermeisterin von Garmisch-Partenkirchen und unter den Zuschauern sitzend, nennt es einerseits eine Zumutung, den G7-Gipfel in der Region auszurichten, fordert aber auch, pragmatisch zu denken: Sie hätten „geschickt verhandelt“ und würden sich über Geld freuen, das in Umweltschutz und Infrastruktur fließe.

Warum in Elmau? Herrmann versteht die Frage – und verweist auf die Regierung

Doch nicht nur finanziell leiden die Anwohner. Die Vorbereitungen laufen seit Monaten, Polizisten sind mit Maschinenpistolen unterwegs, 16 Kilometer Zaun sind aufgestellt, viele Straßensperren behindern den Verkehr. Immer wieder betonen die Zuschauer per Wortmeldung, dass sie grundsätzlich die Notwendigkeit des Gipfeltreffens verstehen, nicht aber, warum ausgerechnet in ihrer kleinen und unpassenden Region.

Herrmann zeigt Verständnis für den Frust der Bürger, verweist aber auf die Bundesregierung. Er wolle das zwar „nicht alles an den Bund schieben“, aber vor sieben Jahren hätte die Bundeskanzlerin eingeladen, und in diesem Jahr der Bundeskanzler. Weder er noch Schulze hätten das entschieden.

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Folgen des G7-Gipfels in Elmau: Vater klagt an – Herrmann verteidigt sich

Emotional wird es beim Wortbeitrag eines Vaters zweier Kinder. Er kann nicht verstehen, wie man nach zwei Jahren Corona-Pandemie mit zahlreichen Freizeiteinschränkungen für Kinder, diese erneut leiden lassen könne. „Ich kann es nicht nachvollziehen, warum auf Kinder überhaupt keine Rücksicht genommen wird.“ Anlass seines Frusts ist der Distanzunterricht für die Schüler, und, dass „nahezu alle Sportstätten“ geschlossen seien. Nirgends könnten sie ihren Sport ausüben, Turnhallen seien belegt „und so weiter“. Das sei eine „unglaubliche Frechheit“, trägt er sichtlich angefasst vor.

Hier zeigt sich Herrmann uneinsichtiger und geht zum Gegenangriff über. Dass alle Sportstätten der Region geschlossen seien, könne er sich nicht vorstellen. Zudem verweist er darauf, dass sie zweimal eine Bürgerversammlung abgehalten hätten – das Thema Sportplätze aber weder dort, noch per Mail oder Brief an ihn herangetragen worden sei.

G7-Gipfel in Elmau: Demonstrantin unter Zuschauern – Schwere Vorwürfe

Eine weitere Wortmeldung gehört einer Demonstrantin. Im Gegensatz zu ihren Vorrednern kann sie auch das Ausrichten des G7-Gipfels selbst nicht verstehen. Es sei die Zusammenkunft imperialistischer Staaten, bei der es nur darum gehe, kapitalistisch zu planen und die Ausgangslage großer Unternehmen zu optimieren. Das Treffen erziele keine Ergebnisse, sie nennt die Verfehlung des 1,5-Grad-Ziels als Beispiel. Zudem klagt sie darüber, dass das Versammlungsrecht eingeschränkt werde und die Durchführung der Demonstrationen massiv erschwert würden.

Hier reagiert Herrmann verärgert. Es würden große Demonstrationen stattfinden, am Samstag in München, und am Sonntag sowie am Montag. Zudem sei es wunderbar, hier über Imperialismus zu philosophieren. „Nur mit Verlaub: Wer im Moment der Ober-Imperialist ist, ist der Herr Putin in Moskau! Der hat einen Angriffskrieg begonnen“, so der Innenminister. Die Aktivistin will noch antworten, erhält aber keine Gelegenheit mehr.

G7-Gipfel in Elmau: Bürger verlangen ein Ende

Verschiedene Wortmeldung werden noch an die beiden Politiker herangetragen, dafür Sorge zu tragen, dass dieses Gipfeltreffen auch erstmal das letzte in der Region bleibe. Herrmann verspricht, sich den Wunsch zu merken, Schulze wird deutlicher. Der G7-Gipfel in Elmau dürfe nicht zu „Dauerveranstaltung“ werden, sie können den Frust absolut verstehen. „Zweimal ist genug“, sagt sie und verspricht, das so weiterzugeben.

„Jetzt red i“ hat das Stimmungsbild der Region dank vieler Wortmeldungen der Bürger gut eingefangen: Es herrscht Frust über die extrem lange und intensive Vorbereitungszeit für das Gipfeltreffen – Herrmann verweist hier auf das im Vergleich zu 2015 nur sechs Monate betragende Zeitfenster seit der Entscheidung für die Region – sowie die Art der Durchführung, bei der die Eigenheiten der Region sowie die Bedürfnisse der Anwohner vernachlässigt würden. Es hätte noch deutlich mehr Wortbeiträge gegeben – doch die Zeit ist um. Bleibt zu hoffen, dass der Wunsch der Bürger erhört wird und 2029 nicht wieder Polizei, Zaun und Belastung nach Garmisch-Partenkirchen und Elmau zurückkehren. (fhz)

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