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Absturz löste Großeinsatz vor G7-Gipfel aus: Pilot als „Wut-Arzt“ in den Schlagzeilen

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Von: Katharina Bromberger

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Kurz vor dem G7-Gipfel ist Thomas Unden nahe Schloss Elmau abgestürzt. Das Flugzeug wurde nun geborgen – dieses Mal ohne Polizei-Großaufgebot.

Mittenwald – Drei Stunden, sagt Thomas Unden, haben ihn die Herrschaften von der Polizei verhört. Ob er ein Attentäter sei, wollten sie wissen. Schwierig, fand er, die Beamten sollen sich das mal vorstellen: In der einen Hand den Steuerknüppel, in der anderen Hand eine Bombe. „Das geht doch ganz schön auf die Gelenke.“ Aber das eine, betont er, das hat er den Herren schon gesagt: „Wenn Putin einfällt, er schmeißt zwei Bomben auf die da unten, dann mach’ ich a Flasche Taittinger auf.“

Eine Flasche von dem „guten alten“ Champagner. Ja, unterstreicht Unden noch einmal, das hat er schon klargestellt im Verhör. Sechs Tage vor dem G7-Gipfel, kurz nachdem er mit seinem Ultraleichtflugzeug in einen Wald abgestürzt ist, nur zweieinhalb Kilometer vom Tagungshotel Schloss Elmau entfernt.

Nach Absturz kurz vor G7-Gipfel: Pilot kommt zur Bergung zurück

Ein Mann steht auf einer Wiese neben seinem kleinen, rot gepunktetem Flugzeug.
Wieder hat Thomas Unden einen Flugzeugabsturz überlebt – es war sein vierter. © privat

Auf eine politisch korrekte Ausdrucksweise legt Unden keinen Wert, so viel steht im Gespräch mit ihm schnell fest. Ein Fan der Staats- und Regierungschefs – er bezeichnet die G7-Politiker lieber als „anglikanisch-zionistische Freimaurer“ – ist er sicher auch nicht.

Und die Ansichten des Wieners, der schon mal den SS-Wahlspruch „Meine Ehre heißt Treue“ auf Facebook veröffentlicht und diesen als „hoch humanistisches Ideal“ einstuft, kann man getrost – und diplomatisch formuliert – als umstritten bezeichnen. Doch offenbar hielten ihn die Polizeibeamten für ungefährlich. Jedenfalls ließen sie ihn gehen. Am Donnerstag kam er zurück nach Mittenwald, um mit fünf Helfern seinen rot gepunkteten Leopold zu bergen.

Waldbesitzer Schwind verfolgt Bergeaktion: Froh, dass niemand verletzt worden ist

Von Anfang an begleitet Michael Schwind die Aktion. In seinen Wald oberhalb des Ferchensees ist das Flugzeug gekracht. Pilot Unden hat noch versucht, es möglichst horizontal auf den Baumwipfeln aufzusetzen. Danach rutschte es etwa 20 Meter durch die Fichten nach unten, „wie wenn du mit dem Auto zwischen den Bürsten einer Waschstraße hindurchfährst“. So schildert er am Donnerstag die letzten Meter vor dem Aufprall. Im Hintergrund hört man die Motorsägen.

Drei große Fichten, gut 15 Meter hoch, müssen die Helfer ausschneiden, um das Flugzeug zu befreien, zudem weitere kleine Bäume. Schwind nimmt’s gelassen. Den Schaden, den der CSU-Gemeinderat nicht beziffern kann, wird die Versicherung übernehmen. Vor allem ist er froh, dass alles recht reibungslos funktioniert hat, kein Benzin ausgelaufen, der Boden nicht verunreinigt und seine Wiesmahdfläche nicht beschädigt – und natürlich, dass niemand verletzt worden ist bei dem Unfall.

Ein kleines Flugzeug steht in einem Wald, zwei Menschen stehen daneben.
Zwischen Fichten steht das Ultraleichtflugzeug. Etwa fünf Stunden brauchen die fünf Helfer, bis die Maschine geborgen ist und zum Abtransport am Ferchensee steht. © privat

Am Montag, 20. Juni, bekamen Unden und sein Sohn Gregor Probleme. Warum, weiß der Pilot nicht. Auf etwa 8000 Fuß Höhe kam es zu einem Strömungsabfall, zu einem „flugunmöglichen Zustand“. Mit etwa sechs Metern pro Sekunde und Notfallschirm stürzten die beiden ab, blieben aber vollkommen unverletzt. Das Flugzeug hingegen war ordentlich ramponiert.

Absturz nur zwei Stunden nach dem Flugzeugkauf

Ein Fluglehrer und Pilot, der die Bergung leitet, urteilt gegenüber Schwind vor Ort: Das Flugzeug ist ein Totalschaden. Zerstört auf seinem ersten Flug mit den Undens. Denn sie hatten es erst zwei Stunden vor dem Unglück im schweizerischen Kanton Aargau für 18.500 Euro gekauft. So ganz verabschiedet hat sich Thomas Unden von seiner Maschine noch nicht. Ein guter Spezl soll sie sich erst einmal anschauen und beurteilen, ob sich das Reparieren – der Wiener spricht gerne von einer „Revitalisierung“ – lohnt oder ob nur noch das Ausschlachten und stückweise Verkaufen bleibt.

Ein kleines Flugzeug hängt mit der Vorderseite an einem Traktor.
Am Frontlader befestigen die Österreicher die Maschine, das Heck müssen sie tragen. © privat

Viel Arbeit beschert der 60-Jährige seinem Mechaniker-Freund. Gerade kümmert er sich um Undens zweites Flugzeug, eine amerikanische Maschine, Aero Commander 100, ein Viersitzer. Im Oktober ist er damit in den Tauern abgestürzt. Motorausfall beim Landeanflug. In ein Gugaruzfeld – so nennen die Wiener den Mais – hat Unden das Flugzeug gesteuert, sich beim Aufsetzen ein paar Mal auf dem Boden überschlagen. Passiert ist wieder nichts, auch nicht seiner Begleiterin und dem Hund an Bord, „der hat nur recht bös’ geschaut“.

Aufwendige Bergungsaktion: Nach fünf Stunden steht der Flieger am Frechensee

Unglücke werfen ihn nicht aus der Bahn, sie machen ihn nicht einmal nervös. Dafür hat er zu viele erlebt und zu viel gesehen. Im libyschen Bürgerkrieg hat er als Arzt gearbeitet und wurde angeschossen, die Familie Gaddafi will er auch betreut haben, zwei weitere, also insgesamt vier, Flugzeugabstürze hat er überlebt. Das Ereignis von Mittenwald – eine Randnotiz. Trotz Verhör und aufwendiger Bergungsaktion.

Schwind unterstützt den Trupp, bringt ihr Werkzeug mit seinem Pickup die 500 Meter auf der steilen Straße Richtung Unglücksort. Gegen 13 Uhr starten die fünf Österreicher. Um selbst viel mitzuhelfen, ist Unden offenbar zu angeschlagen. Nach etwa fünf Stunden steht der zerlegte Flieger – die Tragflächen haben sie abgeschraubt – am Gasthof Ferchensee. Ein Mittenwalder Landwirt kam extra mit seinem Frontlader. Die Vorderseite hängten sie ein, den Rumpf hat das Bergungsteam getragen. Am Freitagmittag schließlich machen sich die Österreicher ich auf den Heimweg, den 240 Kilogramm leichten Flieger im Gepäck. Sieben bis acht Stunden, schätzt Unden, brauchen sie bis Kärnten, wo sie Leopold erst einmal parken.

Als „Wut-Arzt“ in die Schlagzeilen gekommen: Unden behandelte keine Flüchtlinge

Als nett und freundlich beschreibt Schwind den Wiener, genauso zeigt sich Unden im Tagblatt-Gespräch. Doch er kann anders. Als „Wut-Arzt“ kam er in Österreich 2016 in die Schlagzeilen. Er hatte sich geweigert, Flüchtlinge in seiner Praxis im 21. Wiener Gemeindebezirk Floridsdorf zu behandeln. Er verstehe sie nicht, argumentierte er damals. Vor allem, betont er heute, sah er nicht ein, dass die Allgemeinheit über die Krankenkassen dafür aufkommen soll. Die Ärztekammer verhängte ein Berufsverbot. Zu seiner Haltung steht Unden. Für falsch hält er es, ihn deswegen als Rassisten zu beschimpfen. Er sei keiner.

Stunden könnte man mit dem 60-Jährigen über das in seinen Augen krankende System reden. Kurz gesagt: Arbeiten wird er für diesen Staat nicht mehr, obwohl sein Berufsverbot 2019 per Gerichtsurteil aufgehoben wurde. Doch keinen Cent will er für dieses Land mehr Steuern zahlen. Also hat er Zeit. Zeit zum Fliegen. Denn damit wird Unden, der seit seinem 17. Lebensjahr als Pilot im Cockpit sitzt, nicht aufhören – eine völlig abwegige Idee für ihn. Trotz seiner zweiten Bruchlandung innerhalb von acht Monaten. „Nachdem ich nicht im Bett sterben will, fliege ich, solange ich mich im Sitz halten kann. Oder bis zu meinem letzten Absturz.“

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