Planung der Tat nicht nachzuweisen

Kein Mord! So reagiert Opfer-Mutter auf Urteil nach Kreissägen-Attacke

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Verurteilten Gabi P. wegen Totschlags: Richter Michael Höhne und sein Team.

Der Prozess um die tödliche Kreissägen-Attacke in Haar endet mit einem Paukenschlag. Gabi P. wird „nur“ wegen Totschlags verurteilt. Für die Angehörigen des Opfers ist das schwer zu verstehen.

Haar - Dieses Urteil hatte niemand erwartet! Zwölf Jahre und sechs Monate muss Gabi P. (32) ins Gefängnis, weil sie ihren Ex-Freund beim Sex getötet hat. Mit einer Handkreissäge schnitt sie dem gefesselten Sebastian H. (28†) den Kopf ab - und vergrub seine Leiche mit Helfern im Garten. Aber das Landgericht urteilte am Freitag: Diese Tat ist kein Mord!

„Die Tötung ist skurril und bizarr und erfüllt die Voraussetzungen eines Horrorszenarios“, sagte der Vorsitzende Richter Michael Höhne. „Wer einem anderen eine laufende Handkreissäge zweimal gegen den Hals drückt, handelt mit absolutem Vernichtungswillen.“ Es sei aber nicht bewiesen, dass die Angeklagte Ende 2008 aus Heimtücke gehandelt habe. Deshalb lautete das Urteil auf Totschlag - so, wie es Verteidigerin Birgit Schwerdt gefordert hatte.

Wann fasste Gabi P. Vorsatz?

Für die Hinterbliebenen ein Schock. Seit Anfang Februar hatten die leibliche Mutter des Opfers, so wie seine Adoptiveltern, den Münchner Mordprozess verfolgt. Emotional konnten sie das Urteil nicht fassen. Rechtlich gründet es sich auf fehlende Mordmerkmale: Nach Überzeugung des Gerichts ist es unklar, wann Gabi P. den Vorsatz fasste, Sebastian H. zu töten. Er hatte nackt und gefesselt auf einer Matratze gelegen, bevor er starb - und trug eine abgedunkelte Taucherbrille über dem Gesicht.

Im Prozess fand sich aber kein Beweis dafür, ob Gabi P. nur die Gelegenheit nutzte, ihn zu töten - oder die Tat exakt so geplant hatte. Spätestens, als sie Sebastian H. arg- und wehrlos vor sich liegen sah, habe sie aber den Entschluss gefasst, glaubten die Richter.

Will ihr Gesicht nicht zeigen: Gabi P. am Tag der Urteilsverkündung.

Unzufrieden und abhängig

Ein überzeugendes Motiv für die Horror-Tat konnten sie nicht finden. Angst hatte Gabi P. angegeben, da Sebastian H. sie gequält und gedemütigt habe. Über Monate musste sie seine brutalen Sex-Wünsche erfüllen. „Ich fürchtete, dass er mich umbringt“, sagte sie im Prozess. Das glaubten die Richter nicht. Sie betonten ihre Abhängigkeit von dem Studenten, gleichzeitig sei Gabi P. unzufrieden in der Beziehung gewesen, aber konnte sich nicht von ihm lösen.

Für die Angeklagte sei ihre Situation unerträglich geworden. „Beleidigungen beim Sex brachten das Fass schließlich zum Überlaufen“, sagte Richter Höhne. Auch Grausamkeit und niedrige Beweggründe schloss er als Mordmerkmale aus. „Die Handlung ist verwerflich, aber nicht auf tiefster Stufe stehend“, sagte er.

Zittrig stand Gabi P. nach dem Urteil auf, aber sagte kein Wort. Die Tat hatte sie gestanden. Ihr wahres Motiv aber behielt sie für sich. Dieses dunkle Geheimnis nimmt sie nun mit ihre Zelle…

Mutter des Opfers: „Unbegreiflich“

Fassungslos lief Thea E. (62) aus dem Gerichtssaal. „Ich kann das nicht glauben“, sagte sie und schüttelte den Kopf. Immer wieder. „Das Urteil ist unbegreiflich.“ Der leiblichen Mutter des Opfers bleibt nur die Trauer. Ihren Sebastian hatte sie nach der Geburt zur Adoption freigegeben. Im Prozess durfte sie daher nicht als Nebenklägerin auftreten. „Er bleibt in meinem Herzen. Aber die Ohnmacht ist grausam.“

Verteidigerin: zwei große Erfolge

Sie darf gleich doppelt zufrieden sein: Birgit Schwerdt. Die Strafverteidigerin ist seit 19 Jahren als Rechtsanwältin tätig. Vergangene Woche bewahrte sie gleich zwei Mandanten vor lebenslanger Haft: Sowohl Robert B. (erdrosselte seine Schwester Elvira) als auch Gabi P. wurden wegen Totschlags verurteilt, nicht wegen Mordes. „Das freut mich. Ich wusste, dass das Gericht stark überlegen wird.“

Andreas Thieme

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