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Kurioser Vorfall

Dialekt mit Sprachfehler verwechselt: Lehrerin treibt Buben sein Isarwinkler „R“ aus 

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Fall in Garmisch alarmiert Dialektforscher: Eine  Lehrerin treibt Buben sein Isarwinkler „R“ aus (Symbolfoto). 

Weil er das „R“ seinem Dialekt gemäß ausspricht, glaubt die Lehrerin eines Elfjährigen aus Ohlstadt an einen Sprachfehler - und treibt dem Buben sein „R“ aus. 

Ohlstadt – Auf einmal redete Sebastian* anders, das ist seiner Mama schnell aufgefallen. Die Familie aus Ohlstadt (Kreis Garmisch-Partenkirchen) spricht mit Überzeugung Dialekt, die Eltern wie auch die drei Söhne.

 „Mensch, wie redst denn Du?“, fragte sie Sebastian, den Jüngsten. Seine Lehrerin habe gesagt, er hätte einen Sprachfehler, entgegnete der Bub, der eine weiterführende Schule im Landkreis besucht. Bei der nächsten Elternsprechstunde fragte die Mutter nach und erfuhr, dass der Bub das „R“ komisch ausgesprochen haben soll. Doch diesen Sprachfehler habe die Lehrerin ihm inzwischen abgewöhnt.

Lehrerin hält lokale Dialekt-Besonderheit für Sprachfehler

Was die Lehrerin, die laut Sebastians Mutter nicht aus Oberbayern stammt, für einen Sprachfehler hält, ist eine Besonderheit des Isarwinkler Dialekts, sagt Bernhard Stör. „Normalerweise wird das ,R‘ im Bairischen mit der Zungenspitze gesprochen oder vokalisiert, also durch einen a-Laut ersetzt“, erklärt der Dialektforscher und Sprachwissenschaftler.

„Sebastian biegt die Zunge beim ,R‘ nach hinten, wobei die Zungenspitze den Gaumen nicht berührt. Das nennt man retroflex und es klingt, als würde man das ,R‘ wie im amerikanischen Englisch aussprechen.“ Man könne es sich klanglich „ein bisserl vorstellen wie ein Hund, der knurrt“.

Das retroflexe ,R‘ taucht in einer besonderen lautlichen Umgebung auf: Wenn es zwischen einem Vokal und einem Konsonanten steht, wie in den Wörtern „Dorf“ oder „Berg“. Es ist eines der Merkmale des Dialekts des Isarwinkels, das von Wolfratshausen über Schlehdorf bis Lenggries und im Osten bis Miesbach zu hören ist. „Auch im Loisachtal gibt es das retroflexe ,R‘. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das auch in Ohlstadt gesprochen wird“, sagt Stör. „Und das ist auf keinen Fall ein Sprachfehler, sondern eine regionale Variante.“

Wollte die Lehrerin den Dialekt unterdrücken?

Der Lehrerin sei es nicht darum gegangen, den Dialekt zu unterdrücken, sagt Niklas Hilber. „Sie hat die Aussprache nur nicht als lokale Dialektbesonderheit identifiziert, sondern ein logopädisches Problem dahinter vermutet.“ Hilber lebt selbst im Kreis Garmisch-Partenkirchen und ist der stellvertretende Vorsitzende des Bundes Bairische Sprache. Durch Zufall erfuhr er von dem Fall.

Niklas Hilber hofft, dass „derartige pädagogische Unfälle“ bald vermieden werden.

„Wir müssen uns bemühen, derartige pädagogische Unfälle künftig zu vermeiden“, findet er. Sein Vorschlag: Lehrer, die nicht dort unterrichten, wo sie selbst aufgewachsen sind, sollen eine verpflichtende Fortbildung zu den Merkmalen des lokalen Dialekts erhalten. „Die könnten die jeweiligen Kreisheimatpfleger abhalten, die es in allen Landkreisen und kreisfreien Städten gibt.“ So sieht es auch Dialektforscher Bernhard Stör: „In die Lehrerausbildung gehört das Befassen mit lokalen Dialekten. Dass Lehrerinnen und Lehrer hin- und hergeschoben werden, ist mit schuld am Dialektschwund bei Schülern.“

Dialekt mit Sprachfehler verwechselt: Mutter macht Lehrerin keinen Vorwurf

Sebastians Mutter will der Lehrerin und der Schule keinen Vorwurf machen. „Wir haben darüber gesprochen und die Sache geklärt“, sagt sie. Sie fände es wichtig, dass die Kinder im Unterricht noch mehr über die eigene Heimat erfahren. „Und man sollt’ den Buben reden lassen, wie man halt bei uns redt.“ Einen Vorteil hat Sebastian übrigens durch die besondere Art, wie er das „R“ ausspricht: „Er tut sich in Englisch bei der Aussprache sehr leicht“, sagt seine Mutter. „Dafür lobt ihn die Lehrerin immer wieder.“

Für einen echten Aufreger auch unter den Dialektforschern sorgte vor Kurzem Petra Volz in Garmisch-Partenkirchen neue Zahnarzt-Praxis  „Fotzn’spanglerei“ genannt.

Der Dialekt an den Schulen soll gefördert werden. Nun gibt es eine neue „Handreichung“ des Kultusministeriums zu Bairisch – verbunden mit vorsichtigem Optimismus, dass die Mundart noch zu retten ist.

Der Dialekt ist vom Aussterben bedroht. In München redet fast keiner mehr Bairisch!

*Name geändert

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