Mitten in Garmisch-Partenkirchen

Boutique-Besitzerin fordert Frauen auf Schleier abzulegen - und bekommt viele Reaktionen

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Positive Reaktionen hat Anne Sciuk auf ihre Bitte erhalten, ihre Boutique am Rathausplatz nur noch mit unverhülltem Gesicht zu besuchen.

Anne Sciuk fordert arabische Kunden per Aushang auf, ihre Boutique in Garmisch-Partenkirchen nur noch unverschleiert zu betreten. Damit hat sie nun ein deutschlandweites Medienecho erreicht.

Update, Donnerstag, 30. August 2018: 

20 Prozent machen die arabischen Kunden in Anne Sciuks Boutique an Umsatz im Sommer aus. Auch die Zahlen vom Garmisch-Partenkirchner Touristenverband machen deutlich, wie wichtig der Faktor Touristen aus der Golfregion ist. Weitere Infos dazu finden Sie hier: Stimmen Sie in unserer Umfrage ab, was Sie von der Aktion halten.

Update, Mittwoch, 29. August 2018: Geschäftsfrau bekommt deutschlandweites Medienecho, weil sie keine Frauen in Schleier in ihrer Boutique wünscht:

Garmisch-Partenkirchen – Das Echo – enorm. Das Medieninteresse – gewaltig. Für ihre Bitte an arabische Kundinnen, künftig unverschleiert in ihre Boutique am Garmisch-Partenkirchner Rathausplatz zu kommen, über die wir am Dienstag berichteten (siehe ursprünglichen Artikel unten), hat Anne Sciuk positive Resonanz geerntet. Mit ihrem Anliegen, ihren Kundinnen ins Gesicht zu schauen, hat die Garmisch-Partenkirchnerin offenbar einen Nerv getroffen.

„Die Menschen kommen in die Boutique und bedanken sich“

„Die Menschen kommen in die Boutique und bedanken sich“, erzählt Sciuk. Der erste Besucher um 10 Uhr sei ein 86-jähriger Herr mit Rollator gewesen. Anrufe, Mails et cetera folgten.

Fernsehen, Radio, überregionale Zeitungen - alle rennen ihr die Tür ein

Auch überregionale Zeitungen und Fernsehsender meldeten sich bei der Garmisch-Partenkirchnerin. Im Regionalfenster von SAT1 wurde bereits am Dienstag am frühen Abend ein Beitrag über ihre Aktion ausgestrahlt.

In den Kommentaren unter diesem Artikel findet dazu eine durchaus kontroverse Diskussion statt. Die Mehrheit reagiert auch hier positiv. Aber viele andere kritisieren die Aktion auch.

Auf Facebook erntet Sciuk Zuspruch. „Das finde ich mutig und richtig“, schreibt eine Nutzerin und zieht ihren Hut vor der Geschäftsfrau. „Ich habe mich seinerzeit auch immer geärgert, wenn ich mit verhüllten Damen ein Verkaufsgespräch führen musste.“ Eine andere findet, dass „ein solcher Hinweis auf jeden Fall in die Broschüre gehört“. Damit meint sie den Flyer, den GaPa-Tourismus für arabische Gäste veröffentlicht hat. In Anspielung auf den Knigge, den es in Zell am See gibt, erklärt eine weitere Frau: Ein solches Angebot „wäre eine gute Idee, da die kulturellen Unterschiede ja teilweise recht groß sind“. So könne Konfliktpotenzial reduziert werden.

Ursprünglicher Artikel, Dienstag, 28. August 2018: Boutique-Besitzerin fordert Frauen auf Schleier abzulegen

Garmisch-Partenkirchen – „Bitte betreten Sie die Boutique mit unbedecktem Gesicht“ – mit diesem Anliegen wendet sich Anne Sciuk an ihre arabischen Kunden. Und hat damit Erfolg. „Alle haben sehr verständnisvoll reagiert.“ Insbesondere auf ihre Erklärung, dass es „in unserer Kultur als hochmütig und respektlos angesehen wird, sein Antlitz nicht zu zeigen“.

Seit sie den Zettel ins Fenster am Eingang gehängt hat, beobachtet sie die Reaktionen. „Viele lesen das Schild und bleiben dann draußen“, erzählt die Geschäftsfrau. Anhand der Männer und Kinder, die sie sich einprägt, erkennt sie aber schnell, wer wiederkommt. Und das sind die meisten. „Am nächsten Tag erscheinen sie mit einer ganz anderen Mutter.“ Einer Frau in modischer Hose und Bluse, in der Regel weit geschnitten, sowie mit offenem Haar, das ein helles Tuch bedeckt. „Die sehen toll aus“, unterstreicht Sciuk. Von Angesicht zu Angesicht kann sie auch ganz anders mit ihren Kundinnen kommunizieren, sie besser beraten und sich an deren Lachen erfreuen. „Die Damen sind zunächst etwas unsicher und schüchtern und zupfen an ihren Tüchern herum. Aber sie machen den Eindruck, als würden sie zum ersten Mal etwas Ungehöriges tun und es genießen.“

Gäste setzen sich nicht mit Gepflogenheiten im Urlaubsland auseinander

Gespräche mit Bekannten aus dem arabischen Raum, aus der Türkei und aus Marokko bestärkten sie in ihrer Idee. „Alle haben mir gesagt, dass sie nie verschleiert zu uns in den Laden kommen würden.“ Genau das tun viele der arabischen Gäste aber, die seit einigen Jahren der sommerlichen Hitze in ihrer Heimat entfliehen und Garmisch-Partenkirchen mit seiner einmaligen Bergwelt erkunden. „Ich habe den Eindruck, dass sie aus Gewohnheit daran festhalten“, meint Sciuk. Sei’s mit Burka, die auch die Augen mit einem durchsichtigen Stoff bedeckt, oder Niqab, bei dem zumindest die Augenpartie sichtbar ist, schlendern sie dann auch durch ihr Urlaubsdomizil. Dort ernten sie erstaunte, manchmal auch befremdete Blicke. Offenbar, vermutet die Boutiquebesitzerin, setzen sich diese Gäste im Vorfeld ihrer Reise gar nicht mit den hiesigen Gepflogenheiten auseinander. „Von Urlaubern, die sich Deutschland als Urlaubsziel aussuchen, erwarte ich, dass sie sich respektvoll unserer Kultur gegenüber verhalten. So, wie ich es in anderen Ländern selbstverständlich auch tue“, schreibt sie auf ihrer Facebook-Seite. Dafür erntete sie jede Menge Zuspruch.

Ein umfangreiches Informationsangebot für arabische Gäste gibt es bislang nicht in Garmisch-Partenkirchen. Zu Sciuks Bedauern. Zwar hat GaPa-Tourismus einen allgemein gehaltenen Flyer veröffentlicht, der setzt sich aber nicht mit Kleidungsfragen auseinander. „Unter anderem geht es darin um Handyverbot am Steuer, das Rauchverbot in öffentlichen Verkehrsmitteln sowie die Kindersitz- und Ausweispflicht“, sagt Anton Weinberger, Leiter der Tourist-Information. Auch auf Sonn- und Feiertage, an denen Geschäfte geschlossen sind, die Verhaltensregeln im Michael-Ende-Kurpark sowie die Nachtruhe ab 22 Uhr werde darauf hingewiesen. Der Flyer liegt in der Tourist-Information aus. Dort können ihn auch Hoteliers und Einzelhändler abholen.

In Zell am See gibt‘s einen Knigge für arabische Gäste

Einen Knigge, wie in Zell am See vor einigen Jahren aufgelegt hat, strebt man in Garmisch-Partenkirchen jedoch bislang nicht an. Der immense Zustrom aus arabischen Ländern hatte die Österreicher veranlasst, eine Broschüre herausgegeben, die Besuchern aus dem Orient Ratschläge für angemessenes Verhalten geben soll. Das Thema Kleidung nimmt dabei einen breiten Raum ein. „Österreichische Frauen wählen ihren Kleidungsstil selbst, was man an ihren farbenfrohen, modernen Klamotten sieht“, heißt es darin. Zudem sei man es in der österreichischen Kultur gewohnt, in „das lächelnde Angesicht unseres Gegenübers zu schauen, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen und Vertrauen aufzubauen“. Darüber hinaus findet sich in der Broschüre ein fettgedruckter Hinweis, dass einige Hotels und Restaurants nur Gäste in „europäischer Kleidung“ akzeptieren. Wie seit wenigen Wochen in Garmisch-Partenkirchen die Boutique „Anne S.“ am Rathausplatz.

Sciuks Beweggründe waren Gabi Hoffmann zufolge bislang kein Thema im Garmischer Zentrum. „Die arabischen Gäste lernen immer mehr, uns zu verstehen.“ Diesen Eindruck hat die Zweite Vorsitzende der Werbegemeinschaft durch Gespräche mit Kollegen gewonnen. Einige von ihnen bieten Araberinnen an, sich in einen separaten Raum zurückzuziehen, um unverhüllt und nur in Anwesenheit von weiblichem Personal etwas zu probieren. Ein Angebot, das gerne angenommen wird.

Sciuk hat sich für einen anderen Weg entschieden. Einen, der den Gästen aus den Golfstaaten die deutsche Kultur näher bringen soll. „Wer hier Urlaub macht, sollte doch unsere Gepflogenheiten kennen.“ Dabei denkt die Garmisch-Partenkirchnerin nicht nur an die Kleiderfrage, sondern auch „dass arabische Gäste gerne bei laufendem Motor im Auto sitzen. Sie würde sich entsprechende Informationen wünschen. Nur so lernen die Urlauber, was in Deutschland üblich ist.

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tab/kmm

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