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„Multiorganversagen“ beim Denkmalschutz: Künstlervilla völlig verfallen - wurde sie mutwillig zerstört?

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Von: Tanja Brinkmann

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Ein völlig verfallenes Haus.
Ein Bild der Zerstörung bietet sich allen, die die ehemalige Künstlervilla anschauen. © Peter Schwarz

Sie ist zerstört, die denkmalgeschützte Künstlervilla bei Garmisch-Partenkirchen. Und das offenbar unwiederbringlich. Ein Fall, der den Landtagsabgeordneten Brannekämper auf die Palme bringt.

Garmisch-Partenkirchen – Multiorganversagen – das ist für den Architekten Robert Brannekämper, was Am Herrgottschrofen 17 in Garmisch-Partenkirchen passiert ist. Der Vorsitzende des Ausschusses für Wissenschaft und Kunst im Bayerischen Landtag macht „alle staatlichen und kommunalen Ebenen“ dafür verantwortlich, dass die denkmalgeschützte Villa in den vergangenen Jahren völlig dem Verfall preisgegeben wurde. „Und jeder schiebt dem anderen den schwarzen Peter zu“, empört sich der CSU-Abgeordnete. Auf das Gebäude, das der bekannte Jugendstil-Architekt Martin Dülfer um 1896 umgebaut und erweitert hat, wurde der Münchner bei seinem letzten Besuch in der Marktgemeinde aufmerksam. Er und sein Kollege Volkmar Halbleib (SPD) begutachteten das ehemalige Kaufhaus Hohenleitner an der Fürsten-/Ecke Alleestraße. Dieses befanden sie in seinem jetzigen Zustand als „nicht erhaltenswert“. Auf die Denkmalliste hatte es dieses Objekt nie geschafft. Im Gegensatz zu der früheren Künstlervilla.

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Die Zeichnung eines alten Hauses.
Das Anwesen am Herrgottschrofen hat der bekannte Jugendstil-Architekt Martin Dülfer 1897/98 zur Künstler-Villa umgestaltet. © Sammlung Josef Ostler

Künstlervilla bei Garmisch-Partenkirchen: Früher war sie ein Bauernhaus

An deren Stelle stand seit etwa 1850 ein Bauernhaus mit Stall, Tenne, zwei Bienenhäuschen und einem Garten. Für seine Häuserchronik hat Josef Ostler, Vorsitzender des Vereins für Geschichte, Kunst- und Kulturgeschichte im Landkreis Garmisch-Partenkirchen, recherchiert, dass dieses 1871 erweitert und umgebaut worden war. Im März 1897 erwarb schließlich Clara Schuster das Anwesen – für 23 500 Mark. „Das ehemalige Bauernhaus liegt relativ weit von der Ortschaft Breitenau entfernt in einem großen, inzwischen dicht verwachsenen Grundstück, das an einer Seite von der Loisach begrenzt wird“, heißt es in dem Arbeitsheft des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, das über Martin Dülfer, den Wegbereiter der deutschen Jugendstilarchitektur, herausgegeben wurde. Diesen hatte Schuster beauftragt, das Anwesen umzugestalten. Die Altsubstanz blieb weitgehend unverändert, „von Dülfer wurden lediglich der Atelieranbau mit der überdachten Außentreppe und die von Säulen getragene Holzveranda hinzugefügt“. Mit der zopfigen Fassadendekoration habe er das Vorbild der Marienapotheke, der heutigen Alten Apotheke zu Garmisch aufgegriffen.

Künstlervilla verfällt: Maler Raffael Schuster-Woldan nutzte das Atelier

Raffael Schuster-Woldan, beliebt bei den Nationalsozialisten

Es ist verschwunden. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Deckengemälde im Bundesratssaal des Reichstagsgebäudes aus seiner Verankerung gelöst. Von wem? Man weiß es nicht. Wohin? Unbekannt. Von 1901 bis 1911 hatte Raffael Schuster-Woldan dieses gefertigt. Er wählte allegorische Themen, die sich über die neun Felder der Decke erstrecken. Im zentralen Bild waren als Halbfiguren einige, eine Streitverhandlung führende Männer in neuzeitlicher Tracht dargestellt. Ein deutscher Adler breitete symbolisch seine Schwingen über sie aus. Zu beiden Seiten waren Gestalten guter und verderblicher Elemente dargestellt.

Nicht allein deshalb kam Schuster-Woldan bei den nationalsozialistischen Machthabern hervorragend an, sondern auch wegen seiner antik-mythologischen Porträtmalerei. Unter anderem hielt er Winifred Wagner, Cosima Wagner sowie Emmy Göring auf Leinwand fest. Einen besonderen Stellenwert nahmen seine Werke auf der Großen Deutschen Kunstausstellung 1941 in München ein. Hier wurde dem Künstler eine Sonderschau eingeräumt, in der 27 Gemälde gezeigt wurden. Mittelpunkt war das naturalistische Aktgemälde „Das Leben“, das bereits 1905 im Münchner Glaspalast ausgestellt worden war. Im Katalog als unverkäuflich deklariert, wurde es dennoch von Adolf Hitler für 60 000 Reichsmark gekauft. Das war einer der höchsten je auf dieser Ausstellung bezahlten Beträge. Es wurde 1942 in den Führerbau an der Münchner Arcisstraße geliefert und nach dem Krieg von den Amerikanern beschlagnahmt. Bis 1998 lagerte es im Hauptzollamt der Stadt München und gehört heute zum Bestand des Deutschen Historischen Museums in Berlin, neben 23 weiteren Exponaten des Künstlers.

Das Atelier nutzte Raffael Schuster-Woldan, der zum Zeitpunkt des Umbaus 27 Jahre alt war. Der junge Mann hatte da schon eine steile Karriere hingelegt. Er war das jüngste von drei Kindern des Amtsgerichtsrates Heinrich Schuster, der unter dem Pseudonym Heinrich Woldan Lyrik veröffentlichte, und seiner Ehefrau Clara Seifart. Nach dem Studium an den Akademien München und Frankfurt gehörte er 1893 zu den Mitbegründern der Münchner Secession. Zwischen 1911 und 1920 war er Professor an der Preußischen Akademie der Künste in Berlin. Mit ihm konnten die Nationalsozialisten schließlich einen der letzten Salonmaler des ausgehenden 18. Jahrhunderts für sich vereinnahmen (siehe Kasten). 1951 starb er in Garmisch-Partenkirchen. Sein Haus, ein zweigeschossiger Flachsatteldachbau, steht unter Schutz.

Ein Selbstbildnis eines Malers.
Den Zeitgeschmack hat Raffael Schuster-Woldan getroffen. © German Art Gallery

Davon haben sich die späteren Eigentümer offenbar nicht beeindrucken lassen. Das Anwesen, in dem Lokalhistoriker Peter Schwarz zufolge bis 1993 Aussiedler lebten, ist mittlerweile stark verfallen. Gemerkt will’s niemand haben. Erst jetzt, durch die Debatte ums frühere Kaufhaus Hohenleitner, ist auch dieses Objekt in den Fokus gerückt. Wobei, auf dem Schirm hatte es die Gemeinde auch vorher schon. Unter Bürgermeister Thomas Schmid (erst CSU, dann CSB) entstand 2007 die Idee, auf dem Grundstück einen Baumarkt zu realisieren. Aktuell gibt es einen Interessenten, der dort eine Art Gründerzentrum und ein Gewerbegebiet plant. Eine Idee, der der Markt aufgeschlossen gegenüber steht.

Künstlervilla wurde offenbar mutwillig zerstört

Ein historisches haus.
Nach dem Auszug der letzten Bewohner 1993 (r.) sah das Haus noch ziemlich gut aus. © Peter Schwarz

Dass die denkmalgeschützte Villa das möglicherweise blockiert, tangiert offenbar niemanden mehr. „Grundsätzlich sind die Eigentümer verpflichtet, diese instand zu setzen, sachgemäß zu behandeln und vor Gefährdung zu schützen, soweit ihnen das zuzumuten ist“, erklärt Rathaus-Sprecherin Silvia Käufer-Schropp. Eine Begehung Mitte Mai auf Veranlassung der neuen Eigentümer habe ergeben, „dass das Anwesen mittlerweile offensichtlich mutwillig zerstört wurde, den maschinellen Schnittkanten an der Dachkonstruktion nach wohl in den letzten fünf Jahren“. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege teilte dem Markt Mitte Juni mit, „dass eine denkmalpflegerische Erhaltungsfähigkeit aufgrund des Zustands nicht mehr gegeben ist und eine Erhaltungsforderung somit nicht mehr ausgesprochen werden kann“. Das Kind ist in den Brunnen gefallen. Unbemerkt. Die Möglichkeit, geschützte Objekte regelmäßig unter die Lupe zu nehmen, besteht nicht. Insbesondere, weil dafür laut Käufer-Schropp kein Personal vorhanden ist. Trotzdem will die Gemeinde ein Ordnungswidrigkeitenverfahren gegen die Eigentümer einleiten.

Ein Schritt, der Jahre zu spät kommt. „Die Unteren Denkmalschutzbehörden üben ihre Kontrollaufgabe einfach nicht aus“, klagt Brannekämper. „Ärgerlich“, findet der Landtagsabgeordnete. Um dem entgegenzuwirken, hat der Landtag zwei Stellen für die Taskforce Denkmalpflege bewilligt. „Ihre vordringlichste Aufgabe ist es, alle Denkmäler im Freistaat zu erfassen und zu kartieren.“ So bekommen die Behörden vor Ort „politische Rückendeckung“.

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