Praxis mit Mundart-Namen

Ärger um die „Fotzn‘spanglerei“ - Jetzt streiten die Dialektforscher

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Petra Volz hat in Garmisch-Partenkirchen eine Zahnarzt-Praxis übernommen mit dem Namen „Fotzn’spanglerei“.

Petra Volz hat in Garmisch-Partenkirchen ihre neue Zahnarzt-Praxis  „Fotzn’spanglerei“ genannt. Für manche ist diese Mundart ein echter Aufreger.

Update vom 2. Juli 2019: Lernt Bairisch – das fordern Dialektvereine immer wieder. Doch der Teufel steckt mitunter im Detail, wie der schöne Begriff Fotznspanglerei für eine Zahnarztpraxis in Garmisch-Partenkirchen beweist. Sowohl bei der Schreibweise als auch bei der Interpretation des Begriffs sind sich einschlägige Bairisch-Lexika alles andere als einig. Ludwig Zehetner hat mit seinem „Bairisches Deutsch. Lexikon der deutschen Sprache in Altbayern“ so etwas wie die Bibel der Dialektforscher herausgebracht. Allerdings hebt sich Zehetner in einem von den meisten anderen Bairisch-Interpreten ab: Er schreibt nicht Fotzn, sondern Fotze, mit e. Weil das zu Missverständnissen einlädt, stellt Zehetner klar: „Im Bairischen ist Fotze(n) zwar ein derber Ausdruck, hat aber niemals die Bedeutung Vagina oder Hure.“

Fotzn: abwertend oder neutral?

Speziell den „Fotzenspangler“ schreibt der Regensburger Sprachkundler mit e. Als Bedeutung nennt er „umgangssprachlich, scherzhaft“ den Zahnarzt. Damit steht er im Widerspruch zum Nachschlagewerk von Josef Ilmberger (Die bairische Fibel, 1977), der vom „Fotznschbangler – die Fotzn also ohne e schreibt – und den Begriff als „abwertend“ für Zahnarzt markiert. Franz Ringseis (Neues Bayerisches Wörterbuch, 2. Auflage 1999) hält sogar den Begriff „Fotzn“ (Mund) für „abfällig“. Johann Rottmeier (Bazi, Blunzn, Breznsoizer, 2015) wiederum kennt den Fotznspangler auch als „Mundspengler“, was dem heutigen Beruf des Kiefernorthopäden schon nahe kommen dürfte. Um die Verwirrung perfekt zu machen: Gerald Huber schreibt in seiner Bairischen Wortkunde mal „Fotzn“, mal „Fotzen“, wie er auch „Schelle“ und „Watsche“ schreibt – und nicht „Schelln“ und „Watschn“. Das wiederum kann Karl Simon vom Förderverein Bairische Sprache und Dialekte nicht verstehen. „Es heißt beim Wattn ja auch Schellnsimma und nicht Schellensimma.“ 

Zurück zur Zahnarztpraxis: Sicher ist, dass der Apostroph im Wort Fotzn’spanglerei überflüssig ist – ein Leser unserer Zeitung nannte ihn sogar den „Deppenapostroph“. Alexander Volz, Ehemann der Zahnärztin und in der Praxis fürs Betriebswirtschaftliche zuständig, verteidigt das Auslassungszeichen aber. „Das ist Absicht und der künstlerischen Freiheit der Designerin geschuldet. Das bleibt.“

„Fotzn‘spanglerei“: Ganz Deutschland spricht über diesen Mundart-Namen

Update vom 26. Juni 2019: Alexander Volz berichtet über viele Reaktionen nach unserer Berichterstattung. „BR, Radio Arabella, BR Abendschau, zuletzt rief gerade SAT.1-Frühstücksfernsehen an“ - alle berichten über die Zahnarztpraxis in Garmisch-Partenkirchen, die als „Fotzn'spanglerei“ firmiert. 

Diskussionen gibt es allein über das Apostroph im Namen. Bairisch-Experten wie Karl Simon vom Förderverein Bairische Sprache und Dialekte halten es für überflüssig. Volz sagt dazu aber: „Das ist Absicht und der künstlerischen Freiheit der Designerin geschuldet. Das bleibt.“ 

Zahnärztin nennt neue Praxis „Fotzn‘spanglerei“ - Empörung bei Patienten

Ursprünglicher Artikel vom 25. Juni 2019:

Garmisch-Partenkirchen – Wer Probleme mit den Zähnen hat, der geht zu einer Zahnarzt-Praxis. Eh klar. In Garmisch-Partenkirchen aber gibt es eine Zahnärztin, die ihrem Beruf eine besondere bayerische Note gegeben hat. Zahnärztin Petra Volz nennt sich selbst Fotzn’spanglerin. Ihre Praxis firmiert als Fotzn’spanglerei. Nicht nur verschämt, sondern ganz offiziell auf dem Türschild. Der Begriff prangt auch auf den Zahnarztkitteln der Angestellten, www.fotznspanglerei.de ist die Homepage-Adresse. Petra Volz traut sich was: Fotzn – das ist in Bayern gleichbedeutend mit Mund oder, wer’s derber will, Maul.

Zahnärztin betreibt „Fotzn‘spanglerei“ in Garmisch: Manche Patienten sehen den Namen kritisch

Die Idee entstand „in gelöster Runde“, erzählt Alexander Volz, Ehemann der Zahnärztin und in der Praxis für alles Betriebswirtschaftliche zuständig. Mit Freunden habe das Ehepaar diskutiert, wie die bisherige, gut eingeführte Garmisch-Partenkirchner Zahnarzt-Praxis Wegmann nach der Übernahme Anfang dieses Jahres rhetorisch etwas aufgemöbelt werden könne. So kam man auf den Begriff Fotzn’spangler. „Meine Frau ist alteingesessene Tölzerin. Für sie war Fotzn ein selbstverständlicher Begriff“, sagt Alexander Volz. Er selber komme aus dem Rheinland, gesteht er. „Ich habe mich anfangs schon gewundert, wenn jemand sagte: Schau her, der Hund hat was in der Fotzn.“ Obwohl Bairisch in der Garmischer Region noch gebräuchlicher ist als etwa in München, gab es „ganz vereinzelt“ (Volz) auch Patienten, die mit dem Begriff ihre Schwierigkeiten hatten.

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Eine Patientin regte sich über „Fotzn‘spanglerei“ richtig auf

Eine Patientin empörte sich sogar, dass der Begriff „durchweg negative Assoziationen“ wecke und „in jeder Deutungsweise herabwürdigend“ sei. Sie empfehle, das „F-Wort“ zu tilgen. Als Angehörige einer Generation, „die für Frauenrechte und Emanzipation auf die Straße gegangen ist“, werde sie einer „Fotzn’spanglerei“ jedenfalls künftig fernbleiben.

Doch bei ihrem Ausflug in die Details des Bairischen hat sich die (Ex)-Patientin in Abwege verirrt. Anzügliche geschlechtliche Bedeutungen, die manchem vielleicht einfallen, hat der Begriff in Bayern nach Angaben des einschlägigen Bairisch-Lexikons ausdrücklich nicht (siehe unten).

Sprachforscher erfreut über „Fotzn‘spanglerei“ in Garmisch-Partenkirchen

Neben etwas Kritik gab es aber auch viel Lob. Der Lehrer Niklas Hilber, der den Dialektverein Bund Bairische Sprache (BBS) in der Werdenfelser Region vertritt, ist vom Mut der Zahnärztin begeistert: Die Medizinerin sei „regionsloyal“, weil sie den Gebrauch des Bairischen im Alltag berücksichtige – und was könne in Zeiten des schwindenden Dialekts wertvoller sein.

Auch BBS-Vereinschef Sepp Obermeier aus dem niederbayerischen Konzell sagt: „Die junge Zahnärztin verdient Respekt. Die Bezeichnung betont die Verbundenheit mit Bairisch und unterstreicht den Aspekt des Handwerklichen in der Zahnmedizin.“ Das sei um Klassen besser als „pseudobairische Wortgebilde“ wie etwa „Hendlfriedhof“ (für Wampe), mit denen Bairisch sonst oft nur karikiert werde.

Gut möglich, dass Petra Volz eine Kandidatin für die Bairische Sprachwurzel ist – einen Preis für Dialekt-Erhalt, den der Verein jedes Jahr vergibt.

„Ein derber Ausdruck“ - das sagt das Wörterbuch zum Begriff

Fotze, das ist in Bayern kein Schimpfwort. Synonyme sind Mund, Maul, oder auch Gosche(n), heißt es im Standardwerk „Bairisches Deutsch“ von Ludwig Zehetner. In vielen Redewendungen steht Fotze auch stellvertretend für „Schnauze“ - also: „halt die Fotzen“. Auch als Synonym für Ohrfeige oder Schelle ist es gebräuchlich. Zehetner stellt aber klar: „Im Bairischen ist Fotze(n) zwar ein derber Ausdruck, hat aber niemals die Bedeutung Vagina oder Hure.“

Kein Witz! Eine Erzieherin in einer Kita im oberpfälzischen Schwandorf soll einem Mädchen untersagt haben, „Wurschtbrot“ im Dialekt zu sagen. Das rief den „Bund Bairische Sprache“ auf den Plan.

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