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Gefährlicher Schulweg oder zumutbar? Bub muss zwei Kilometer an der Landstraße entlang gehen

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Von: Stefanie Zipfer

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1,9 Kilometer an der Landstraße entlang müsste der elfjährige Jakob Treffler jeden Tag marschieren. Seine Mutter will ihm diesen Weg gerade im Winter nicht zumuten.
1,9 Kilometer an der Landstraße entlang müsste der elfjährige Jakob Treffler jeden Tag marschieren. Seine Mutter will ihm diesen Weg gerade im Winter nicht zumuten. © NORBERT HABSCHIED

Grundsätzlich müssen Behörden sicherstellen, dass jedes Kind einen zumutbaren Schulweg hat. Doch was ist zumutbar? Wann wird es zu gefährlich? Und welche Rolle spielt das Alter des Kindes?

Landkreis – Die Frage, ob ein Kind per Bus in die Schule gebracht wird oder ob es seinen Weg ins Klassenzimmer – sei es zu Fuß, mit dem Radl oder im elterlichen Auto – selbst organisiert, regelt hierzulande die Verordnung über die Schülerbeförderung, kurz: SchBefV. Eine Beförderungspflicht besteht für die zuständigen Behörden demnach, wenn der Schulweg besonders beschwerlich ist. Für Grundschüler bedeutet dies, dass ihr Schulweg länger als zwei Kilometer ist; für Kinder ab der fünften Klasse liegt die Grenze zur besonderen Beschwerlichkeit bei drei Kilometern.

Zudem besteht eine Beförderungspflicht, wenn der Schulweg besonders gefährlich ist. Diese Gefährlichkeit beurteilen in der Stadt Dachau der städtische Verkehrssicherheitsbeauftragte und die Polizei. Die Landkreisgemeinden verlassen sich bei dieser Frage auf die Bewertung der Verkehrssicherheitsbeauftragten im Landratsamt.

Ein dritter Faktor bei der Frage, inwieweit ein Kind Anrecht auf eine Busbeförderung hat, ist auch die Gesundheit beziehungsweise die Persönlichkeit des Schülers. Klar, wer körperlich oder geistig beeinträchtigt ist, muss nicht zu Fuß gehen.

Anforderungen werden unterschiedlich interpretiert und ausgelegt

Dass diese Anforderungen allerdings unterschiedlich interpretiert und ausgelegt werden können, beweisen zwei Fälle aus Stadt und Landkreis Dachau. In einem Fall geht es um einen Fünftklässler aus dem Gemeindebereich Altomünster, im anderen Fall um eine Gruppe Grundschüler aus Dachau, die seit diesem Schuljahr nun nicht mehr per Bus in ihre Schule Augustenfeld gebracht werden. Beide Fälle haben eins gemeinsam: Die Eltern sind stinksauer!

So muss Jakob Treffler, elf Jahre alt, von seinem Elternhaus, einem Einödhof in Rametsried, seit September nun 1,9 Kilometer an einer Landstraße marschieren, bis er in Hohenzell dann den Bus in Richtung Mittelschule Altomünster besteigt. Jakobs neunjähriger Bruder darf derweil weiter den Schulbus benutzen – der das Kind wohlgemerkt direkt am Elternhaus abholt. Mutter Melanie Treffler kann die Entscheidung der Verkehrsbehörde nicht verstehen: „Die Landstraße ist nicht beleuchtet, sie führt zum Teil durch den Wald, einen Gehweg gibt es nicht. Da würde ich als Erwachsene nicht gehen wollen!“ Ihr Bub müsste um 6.15 Uhr aus dem Haus, da der Bus in Hohenzell um 6.45 Uhr abfahre. Gerade im Winter, wenn es stockfinster ist, will sie ihrem Kind diesen Weg – auch mit dem Radl – nicht zumuten.

Diese Gruppe von Grundschülern muss nun zu Fuß in die Schule gehen – knapp zwei Kilometer durch Dachau. Die Eltern drohen mit Gericht.
Diese Gruppe von Grundschülern muss nun zu Fuß in die Schule gehen – knapp zwei Kilometer durch Dachau. Die Eltern drohen mit Gericht. © Norbert Habschied

Ähnlich sauer wie Melanie Treffler ist Florian Meyer, der in der Friedenstraße in Dachau wohnt. Dessen Bub besucht die erste Klasse der Grundschule Augustenfeld. Gemeinsam mit 15 anderen Grundschulkameraden wird er nach dem Willen der Stadt aber seit Januar nicht mehr per Bus zur Schule gefahren. Begründung: Der Schulweg der Kinder sei aufgrund der neu eröffneten Grünfläche zwischen Realschule und Grundschule nun kürzer als zwei Kilometer, eine Beförderungspflicht für die Stadt bestehe daher nicht mehr.

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Ein Vater: „Der Spaß geht vor Gericht!“

Meyer findet jedoch, dass gerade für Sechsjährige der Schulweg „sehr unübersichtlich“ ist, die Kinder müssten „die Friedenstraße überqueren, über kleine Straßen bis zur Fußgängerampel am Gymnasium und dann über die Jahn- oder die St.-Peter-Straße über viele kleine Straßen bis zur Schule gehen“. Schulweghelfer gebe es nicht, wobei sich gerade am Morgen viele Autofahrer unter „Zeitdruck“ nicht immer an die geltenden Verkehrsregeln halten. Die Folge sei, so Meyer, „dass es jetzt sechs bis sieben neue Elterntaxis gibt“ – was die Sache in einer Stadt, die sich so gern mit ihrem Umweltengagement schmücke, besonders absurd mache. Er und die anderen Eltern wollen sich daher juristisch wehren: „Der Spaß geht vor Gericht!“

Markus Haberl, zuständiger Amtsleiter im Dachauer Rathaus, verteidigt die Entscheidung jedoch. Es habe zwei Ortstermine gegeben, bei denen sowohl der Verkehrssicherheitsbeauftragte der Stadt, als auch die Polizei keine besondere Gefährlichkeit des Schulwegs festgestellt hätten.

Christian Olschowsky, Sachgebietsleiter Verkehr bei der Dachauer Polizei, bestätigt dies. Grundsätzlich, sagt der Experte, sei „bei Kindern ja eigentlich jeder Weg gefährlich“. Ob ein Weg nun besonders gefährlich sei, beruhe auf der Prüfung des Einzelfalls. Dabei spiele das Alter eine Rolle, die Frage, ob man sich außer- oder innerorts befinde oder ob es „ordentliche Übergänge“ gebe. Trotzdem solle man bei allen verkehrsrechtlichen Feinheiten aber bitte auch bedenken: „Die Eltern sind schon auch in der Pflicht. Die müssen mit ihren Kindern den Weg üben!“

Der Bub darf Bus fahren – aber nur für eine Gebühr

Im Fall Hohenzell gibt Landratsamtssprecherin Sina Török zu, dass der Weg für Grundschüler tatsächlich „besonders beschwerlich“ sei. Für einen Mittelschüler aber sei er machbar: Der Elfjährige könne auf dem befestigten Bankett ausweichen, „so dass es zu keinen Konflikten mit dem relativ geringen Kfz-Verkehr kommt“.

Abgesehen davon müsse das Kind ja nicht gehen, es dürfe ja weiterhin mit seinem kleinen Bruder Bus fahren, allerdings erhebe die Gemeinde dafür nun eben eine – mit 8,33 Euro pro Monat überschaubare – Gebühr.

Melanie Treffler betont in diesem Zusammenhang, dass es ihr nicht „um die 100 Euro geht“, sondern darum, dass der Weg „in den sechs Monaten, in denen es finster ist, einem Elfjährigen einfach nicht zumutbar ist“! Daher wird sie wohl auch nachgeben. „Wir zahlen das jetzt“, sagt sie seufzend. Die Sicherheit ihres Sohnes gehe nun mal vor.

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