Stewardess mit Rasierklinge verletzt

Geiseldrama: So wurde der Mann zur Strecke gebracht

München - Ein Asylbewerber will sich mit der Geiselnahme einer Stewardess vor der Abschiebung schützen. In der Luft bricht Panik aus, der Flieger kehrt um. Was an Bord geschah und wer den Mann schließlich zur Aufgabe brachte:

Nur wenige Minuten nach dem Start brach Panik an Bord der Lufthansa-Maschine von München nach Budapest aus: Ein Asylbewerber (28) hatte am Dienstag gegen 11.15 Uhr eine Stewardess (50) als Geisel genommen, sich mit ihr im vorderen Bereich verschanzt!

Muslim H. wehrte sich gegen seine Abschiebung! Er war vor rund vier Wochen bei der Einreise in Passau gefasst worden und sollte gestern zurück nach Ungarn geflogen werden, wo er zuletzt Asyl beantragt hatte. Der Mann konnte kein Wort Deutsch. Er packte plötzlich eine vier Zentimeter lange, abgebrochene Rasierklinge aus. Damit ging er auf die Flugbegleiterin los und verletzte sie nach tz-Informationen am rechten Handrücken. Zwei ihrer Kolleginnen griffen ein. Eine erlitt bei der Auseinandersetzung Prellungen und Hämatome am Hals, die andere Stewardess trug einen schweren Schock davon.

Gepäckabfertiger deeskaliert die Lage

Der Pilot entschied sich auf Grund der Turbulenzen in der Kabine, sofort nach München zurückkehren. Eine klare Forderung – etwa die Maschine entführen zu wollen – hatte Muslim H. nicht gestellt. „Als der Flieger wieder am Boden war, wurde er zu einer isolierten Position im Terminal 2 gelotst. Alle 76 Passagiere konnten den Airbus verlassen. Dann sind die Beamten der Flughafenpolizei rein und haben mit ihm verhandelt“, sagte Peter Grießer vom Präsidium Oberbayern Nord. Noch immer hielt der Täter die Lufthansa-Angestellte im Schwitzkasten. Erst, als ihm die Beamten in Aussicht stellten, in Deutschland bleiben zu können, ließ er sich festnehmen.

Dabei habe eine entscheidende Rolle bei der Deeskalation ein Gepäckabfertiger geleistet. „Es stellte sich heraus, dass er die gleiche Sprache wie der Täter sprach. Er hat auf den Mann eingeredet und ihm dessen Ausweglosigkeit vor Augen geführt“, sagte Polizeisprecher Hans-Peter Kammerer gegenüber dem Erdinger Anzeiger.

Was die Rasierklinge betrifft, mutmaßt Kammerer, „dass das winzig kleine Metallteil bei der Kontrolle übersehen worden sein muss.“ Derzeit gebe es keinerlei Hinweise, dass sich der Kosovare das Teil im nichtöffentlichen Bereich angeeignet hat.

Die meisten Passagiere flogen noch am Nachmittag in anderen Maschinen nach Budapest. Der übrige Flugbetrieb war laut Sprecher Robert Wilhelm nicht beeinträchtigt.

Gewalt im Flieger: Noch zwei Fälle

Gewalt an Bord, Todesdrohungen, das Flugzeug zur Landung gezwungen: Das gab es in der Geschichte des Flughafens im Erdinger Moss vor dem gestrigen Fall zwei Mal – jeweils mit glimpflichem Ausgang. Rückblende:

8. März 1996: Eine Boeing 727-2000 ist mit 101 Passagieren auf dem Weg von Nikosia nach Istanbul, als Ramazan A. die Maschine der Cyprus Turkish Airways kapert. Mit einer Pistolenattrappe und zwei mit Dieselöl gefüllten Rasierwasserflakons zwingt er die Piloten zur Zwischenlandung in München. Nach 20-stündigem Nervenkrieg mit den Einsatzkräften gibt der Türke (21) auf. Passagiere und Crew kommen mit dem Schrecken davon. Motivation für seine Tat: Er will auf das Schicksal der Muslime in Tschetschenien aufmerksam machen.

29. Juni 2004: Liebeskummer veranlasst einen 28-Jährigen zu einer Kurzschlusshandlung. Ein Airbus A320 des türkischen Charter-Anbieters Free Bird Airlines ist vor acht Minuten von München aus nach Istanbul gestartet. An Bord sind 150 Passagiere inklusive Bulhan B. Und der will nicht ohne seine Ex-Frau, die jeden Kontakt verweigert, zurück in die Türkei. Er droht mit einer Bombe, die keine ist. Mit einem Handy wild gestikulierend, ruft er „Bum-Bum“, zwingt den Piloten zur Umkehr. Wenig später steht die Maschine auf der Südbahn, umringt von Sicherheitskräften, denen urplötzlich der Entführer vor die Füße fliegt. Was ist passiert? Der Luftpirat hatte sich vor die geöffnete Kabinentür gestellt, ein Passagier schubste ihn von hinten in die Tiefe.

ARB/HAM/pir

Rubriklistenbild: © AFP (Symbolfoto)

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