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Familie aus Oberbayern wandert nach China aus: „Die ersten Wochen waren sehr aufregend“

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Von: Doris Schmid

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Beeindruckende Skyline: Die Millionen-Metropole Shanghai ist die neue Heimat von Björn Rodenwaldt und seiner Familie.
Beeindruckende Skyline: Die Millionen-Metropole Shanghai ist die neue Heimat von Björn Rodenwaldt und seiner Familie. © Privat

Björn Rodenwaldt leitete die Geretsrieder Stadtbücherei. Nun lebt und arbeitet er in Shanghai. Im Interview erzählt er von der ersten Zeit in China.

Geretsried/Shanghai – Von der Kleinstadt in die Millionen-Metropole: Ende 2021 hat Björn Rodenwaldt seine Stelle als Chef der Geretsrieder Stadtbücherei gekündigt, um die Leitung von zwei Bibliotheken an der Deutschen Schule in Shanghai zu übernehmen. Im Interview mit unserer Zeitung berichtet der 43-jährige Familienvater über Startschwierigkeiten und das Leben in China.

Ex-Büchereileiter Björn Rodenwaldt über seine erste Zeit in China

Herr Rodenwaldt, eigentlich wollten Sie bereits im Dezember 2021 nach China fliegen. Doch daraus wurde nichts.

Björn Rodenwaldt: Bedingt durch die Corona-Pandemie kam es zu Verzögerungen bei den für die Einreise erforderlichen Dokumenten, die von den chinesischen Behörden ausgestellt werden sollten. Das betraf aber alle Reisen nach China. Die Schule konnte da nichts dafür. Somit sind viele Lehrer, Erzieher und Verwaltungsmitarbeiter im vergangenen Jahr erst viel später als geplant angekommen.

Wohnung und Job in Geretsried waren gekündigt. Wo kamen Sie in der Zwischenzeit unter?

Rodenwaldt: Glücklicherweise haben wir Verwandtschaft mit viel Platz in Österreich. Das war aber schon im Vorfeld so geplant. Also haben wir in Kärnten in der Nähe von Klagenfurt überwintert. Meine Schwiegermutter hat sich auch sehr darüber gefreut, uns einmal länger bei sich zu haben als nur im Sommerurlaub.

Sie haben im Homeoffice für Ihren neuen Arbeitgeber gearbeitet. Wie hat das funktioniert?

Rodenwaldt: Trotz der Zeitverzögerung erfreulich gut. Nur an Meetings habe ich noch nicht teilgenommen.

Wann durften Sie nach China aufbrechen?

Rodenwaldt: Anfang April ging unser Flieger. Dieser Phase war der harte Lockdown in ganz Shanghai vorausgegangen, und dieser bestand damals noch immer. Unser Einreisezeitpunkt war also denkbar ungünstig.

Erzählen Sie uns von Ihrer Reise.

Rodenwaldt: Zunächst reisten wir über Frankfurt in die Neun-Millionen-Stadt Qingdao. Die hat das zweitgrößte Oktoberfest der Welt und ist bekannt für ihr Bier. Die Bierbraukunst lernten die dortigen Chinesen während der deutschen Kolonialzeit von 1898 bis 1914. Dort blieben wir drei Wochen in einem Quarantäne-Hotel. Wir durften unser Hotelzimmer nicht verlassen. Beinahe jeden Tag musste die Temperatur gemessen werden, und es wurden PCR-Tests durchgeführt.

Ankunft in China: Shanghai noch immer im Lockdown

Wie ging es weiter?

Rodenwaldt: Da im Anschluss Shanghai noch immer im Lockdown war und beide deutschen Schulen im Onlinemodus operierten, durften wir weitere vier Wochen in Qingdao bleiben, diesmal allerdings ohne Beschränkungen. Qingdao hat einen eher ländlichen Charakter und einen schönen langen Sandstrand. Als Ausländer wurden wir beäugt, aber durchweg positiv wahrgenommen. Menschen riefen uns aus ihren Autos „Welcome to China!“ zu.

Wann durften Sie endlich nach Shanghai?

Rodenwaldt: Im Juni. Zunächst haben wir weitere vier Wochen im Hotel gewohnt. In der 26-Millionen-Einwohner-Stadt ist es üblich, in „gated communities“, also in bewachten und zugangsbeschränkten Wohngebieten zu wohnen. Wir haben uns bestimmt zwölf Objekte mit einem sehr engagierten englisch-sprechenden Makler angesehen. Gefallen hat uns eine Wohnung in der Nähe der Schule, die unsere Tochter im Sommer als Erstklässlerin besuchen soll.

Wie lebt es sich dort?

Rodenwaldt: Hier leben wir mit etwa 30 unterschiedlichen Nationen und sieben deutsch-chinesischen-österreichischen Familien zusammen. Vor allem die englischsprachigen Ausländer versuchen, die Gemeinschaft zu pflegen. Es gibt aber auch chinesische Familien, die das von den Expats (fremdländische entsandte Arbeitnehmer, Anm. d. Red.) angebotene kulturelle Programm wahrnehmen. Wir haben gemeinsam ein Sommerfest, eine Sankt-Martins-Veranstaltung, eine Halloween-Party und einen Nikolaus-Empfang organisiert, bei dem ich sogar als Nikolaus verkleidet aufgetreten bin.

Die ersten Wochen waren…

Rodenwaldt: ... sehr aufregend, zumindest als man aus dem Quarantäne-Hotel heraus durfte. Einiges haben wir unterschätzt, zum Beispiel, wie wenig Englisch in Shanghai gesprochen wird.

Björn Rodenwaldt aus Geretsried über seine ersten Eindrücke in China

Wie haben Sie und Ihre Familie sich mittlerweile eingelebt?

Rodenwaldt: Hervorragend. China ist kinderlieb, und unsere Tochter war oft ein Türöffner. Gibt es ein Problem, steht sofort eine Traube Chinesen um einen herum und kümmert sich.

Worin unterscheidet sich Ihre neue Arbeit von der Stelle in Geretsried?

Rodenwaldt: Als Leiter einer Stadtbibliothek hat man die Gesellschaft als Ganzes im Auge. Eine Bücherei kann wie ein Leuchtturm in alle Richtungen strahlen. Hier strahle ich begrenzt in eine Richtung, der Fokus liegt auf den 1300 Schülern und den pädagogischen Kräften und Lehrern. In Geretsried gab es aus Verwaltungssicht feste Strukturen, die unterstützen oder an denen man sich langhangeln konnte. Diese Sicherheit vermisse ich hier etwas. Hier ist alles dynamisch und nicht so sehr planbar. Auch schätze ich nun umso mehr mein altes, gut ausgebildetes Team. Es ist von unschätzbarem Wert, wenn man Fachkräfte an der Hand hat und nicht nur (zwar überqualifizierte) angelernte Teilzeitkräfte. Die Besonderheit in China ist, dass man nur mit einem Studium oder mit einer Ausnahmegenehmigung eine Arbeitserlaubnis erhält. Das Pendeln zwischen den beiden Standorten der Schule ist zeitaufwendig. Je nach Verkehrslage ist man schon einmal zwei Stunden pro Tour unterwegs.

Haben Sie schon Chinesisch gelernt?

Rodenwaldt: Ein paar Brocken, unsere Tochter schnappt da viel mehr auf. Sie traut sich auch, einfach zu sprechen. In meinen Ohren klingt es zwar richtig, aber je nach Betonung bedeutet ein und dasselbe Wort etwas völlig anderes. Für die üblichen Begrüßungen und ein paar Höflichkeitsfloskeln langt es aber.

Wie schmeckt das Essen?

Rodenwaldt: Essengehen ist hier sehr günstig. Die Vielfalt ist unglaublich. Somit schmeckt eigentlich immer etwas. Westliches Essen ist natürlich teuer und schmeckt meistens auch ein wenig anders. Wir sind zufrieden.

Was ist Ihnen noch fremd?

Rodenwaldt: Als es noch notwendig war, die täglich verpflichtenden PCR-Tests. Die Schere zwischen Arm und Reich. Hier fahren Luxusfahrzeuge herum, die man selbst in München nicht sieht. Gleichzeitig verdienen hier Menschen weniger als umgerechnet 500 Euro im Monat für eine Vollzeittätigkeit. Vollzeit bedeutet Montag bis Samstag von 9 bis 21 Uhr. An die ständige Kameraüberwachung gewöhnt man sich irgendwann. Aber man kann hier auch seinen Führerschein verlieren, wenn man fünf Mal über eine durchgezogene Linie gefahren ist (lacht). Der Beweis wird dann in 8k-Auflösung erbracht. Es gibt so unglaublich viele Streuner hier, sowohl Katzen als auch Hunde. Wir haben auch zwei Katzen und einen Hund aufgenommen. Letzterer wurde auf einer Brücke ausgesetzt. So etwas wie ein Tierheim gibt es nicht.

Geretsrieder Familie in China: Corona bestimmte Ankunft

Was gefällt Ihnen an China?

Rodenwaldt: Die absolute Pünktlichkeit der Bahn. Dass Bargeld keine Rolle spielt und alles per App bezahlt werden kann. Alles, wirklich alles, kann hier geliefert werden, und zwar meistens am gleichen Tag. Samstags oder sonntags zum Arzt zu gehen, einzukaufen oder einen Handwerker zu bestellen? Alles kein Problem.

Wie ist die chinesische Mentalität?

Rodenwaldt: Objektiv betrachtet kann man einen Chinesen nicht aus der Ruhe bringen. Diese Geduld ist beneidenswert. Sehr viele Familien wohnen in einem Drei- oder Vier-Generationen-Haus zusammen. Man kümmert sich umeinander.

Nach Ende der strengen Null-Covid-Strategie wird China von einer Corona-Welle überrollt. Weil sich so viele Menschen angesteckt haben, trauen sich angeblich viele nicht mehr auf die Straße. Bekommen Sie davon etwas mit?

Rodenwaldt: Über die öffentlichen Kanäle natürlich nicht. Es ist aber schon sehr ruhig geworden. Aktuell benötige ich für die Fahrt an den anderen Standort weniger als eine Stunde. Langsam normalisiert sich alles aber auch wieder. Man ist hier sehr anpassungsfähig.

Haben Sie sich mit dem Coronavirus infiziert?

Rodenwaldt: Glücklicherweise haben wir uns nicht infiziert. Wir sind aber auch geimpft. Erst vergangene Woche habe ich mich über das deutsche Konsulat mit dem Impfstoff Bion-tech boostern lassen.

Sie sind angekommen und haben sich eingelebt. Worauf freuen Sie sich?

Rodenwaldt: Wir freuen uns auf das neu geöffnete China und die Reisen, die wir hoffentlich bald unternehmen können.

Die Fragen stelle Redakteurin Doris Schmid.

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Chinesen läuten das Jahr des Hasen ein

Die deutsche Schule in Chinas zweitgrößter Stadt Shanghai ist eine Privatschule, die im Jahr 1995 gegründet wurde. Sie hat zwei Standorte, einen in Hongqiao und einen in Yangpu. Die Orte liegen knapp 30 Kilometer auseinander. Das Motto am Standort Hongqiao lautet: „Gemeinsam wagen. Geborgen wachsen.“ In Yangpu lautet es: „Willkommen sein – Gemeinschaft erleben – Welt entdecken.“ Die Schule ist laut dem ehemaligen Leiter der Geretsrieder Stadtbücherei Björn Rodenwaldt sehr gut ausgestattet und vermittelt ein „Wir-Gefühl“. Die jeweilige Bibliothek „spielt als soziales Zentrum eine große Rolle und vermittelt ein Stück Heimat für die deutschen Familien“. Grundsätzlich wird an der Schule Deutsch gesprochen, viele chinesische Mitarbeiter sprechen auch englisch. Am 22. Januar beginnt das „Chinese New Year“, das offizielle Neujahr, und man begeht das Jahr des Hasen. Die Schulen sind dann eine Woche geschlossen. „Es ist anders als an Silvester, eher ein Fest der Familien, ähnlich unserem Weihnachten“, erzählt der 43-jährige Diplom-Bibliothekar. „Silvester spielt in China keine Rolle.“

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