Zurück ins Leben

Drei Jahre im Wald: So geht es dem Aussteiger heute

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Zurück im Wald: Bis vor einem Jahr lebte Wolfgang Ködel, 56, als Obdachloser in den Isarauen bei Geretsried. Am Wochenende kehrte er dorthin zurück – er half bei der „Ramadama“-Aktion des Kreisjugendrings mit.

Eurasburg/Geretsried - Seit einem Jahr ist Wolfgang Ködel, 56, zurück in der Gesellschaft. Drei Jahre lang hatte sich der ehemalige Unternehmer aus Geretsried in den Isarauen versteckt, dann flog er auf. Wie geht es dem Mann, der so lange im Wald lebte, heute?

Wolfgang Ködel ist zurück in den Isarauen. In der rechten Hand hält er zwei blaue Müllsäcke, genau wie im Herbst 2011. Damals breitete er sie bei Geretsried auf dem Waldboden aus – für sein weißes Kugelzelt, damit es nicht so schnell fault wegen der Feuchtigkeit. Das Zelt war drei Jahre lang das neue, kümmerliche Zuhause des ehemaligen Unternehmers, der vor den Schulden in die Einsamkeit floh. Heute streift Wolfgang Ködel mit den Müllbeuteln durch die Isarauen, weil er beim Ramadama des Kreisjugendrings hilft. Die Einsamkeit im Wald, die braucht er nicht mehr.

„Dass ich heute mithelfe, ist ja selbstverständlich“, sagt Wolfgang Ködel, 56. Er spricht genauso höflich wie vor einem Jahr, als wir ihn zum ersten Mal besuchten, aber mit viel festerer Stimme. Im Oktober vorigen Jahres haben die Umweltschützer seinen Müll mit Schubkarren aus dem Wald geräumt, es waren über drei Tonnen Papier und hunderte Einwegflaschen. Ihm war alles über den Kopf gewachsen. Jetzt hilft er beim Saubermachen, fischt Schnapsflaschen, Plastikfolien und sogar ein ganzes Schlauchboot aus dem Gebüsch. Der Hilfsbedürftige ist zum Helfer geworden. Er trägt noch dieselben weißen Turnschuhe und seinen Dreitagebart, aber er schaut anders aus. Er geht jetzt aufrecht und wirkt viel größer, viel selbstbewusster. Und er ist ein bisserl wohlgenährter, auch das darf man sagen, ohne unhöflich zu sein.

Es ist viel passiert, seit Wolfgang Ködels Versteck im Wald von einem Spaziergänger entdeckt wurde und er in eine Obdachlosenunterkunft nach Eurasburg (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) ziehen musste. Nach dem Bericht in unserer Zeitung gab es einen enormen Medienrummel. Unter anderem lud ihn Sandra Maischberger in ihre Fernsehsendung ein. Heute fragen sich viele: Wie geht es dem Mann, der drei Jahre lang im Wald lebte?

Er wohnt seit einem Jahr in der Obdachlosenunterkunft, ist aber zwischenzeitlich in ein neues Zimmer gezogen. Der Komfort dort ist gestiegen, sofern das in so einer Unterkunft mit Etagen-Toilette überhaupt möglich ist. Unter der Dachschräge steht sein Bett, die weiße Bettdecke ist akkurat gefaltet. Auf dem Tisch lag früher ein Batterieradio, mit dem er im Wald verfolgt hatte, wie Deutschland Weltmeister wurde, live auf B 5 aktuell. Jetzt steht ein Computer auf dem Tisch. „Den habe ich vor vier Wochen bekommen“, sagt er. Sogar aufs Internet kann er jetzt zugreifen, mit einem Funkstick. Wolfgang Ködel hat sein Leben neu organisiert. Neben der Tastatur liegen Briefe fein säuberlich sortiert und eine Ausgabe der New York Times. Im Wald hat der Obdachlose fast jeden Tag Zeitung gelesen, er hat sie sich gekauft vom Erlös gesammelter Pfandflaschen. Heute kommt er nur noch selten zum Lesen, er hat viel zu tun.

Zwischen 6 und 7 Uhr steht Wolfgang Ködel auf. Er war schon immer ein Frühaufsteher: Tag für Tag hetzte er in seine Firma, die sich auf Laserschneidtechnik spezialisiert hatte, arbeitete dort 14 Stunden täglich. Zeit für eine Frau blieb nicht. Als die Firma insolvent war, die Schulden immer weiter stiegen und die Bank sein Haus in Geretsried verkaufte, hätte er Hilfe beantragen können. Er wählte einen anderen letzten Ausweg. Er zog in den Wald. Früher weckte ihn sein Wecker, nun die Sonne.

Auch jetzt, in seinem neuen, dritten Leben, ist der Tag klar strukturiert. Zum Frühstück gibt’s Kaffee und Zigaretten, dann spült Wolfgang Ködel sein Geschirr. Mittags kocht er oft Gemüsegerichte, manchmal gönnt er sich ein Stück Fleisch. Im Wald hatte er drei Jahre lang immer kalt gegessen: Lebensmittel, die die Supermärkte weggeworfen hatten. Abends geht Wolfgang Ködel gerne spazieren, kürzlich hat er mit dem Joggen angefangen. „Ich muss ja meinen Bauch abtrainieren.“

Oft kommen auch andere Bewohner der Unterkunft bei ihm vorbei, zum Ratschen und Biertrinken. Genau vor dieser Situation, dem Alkohol am Vormittag, hatte Wolfgang Ködel Angst, als er hier einzog. „Ich hätte deswegen nicht geglaubt, dass ich es hier so lange aushalte.“ Er hat es ausgehalten – weil er widerstehen kann. Schon im Wald hatte er nicht viel getrunken, und auch jetzt hält er sich zurück.

Dreimal die Woche fährt Wolfgang Ködel mit dem Bus nach Wolfratshausen, zwei Mal zum Einkaufen und mittwochs zur Essensausgabe der Tafel. Die Lebensmittel schleppt er in einem Rucksack und einer Tragetasche über einen Kilometer weit: von der Bushaltestelle in Eurasburg den Berg hinauf in die Obdachlosenunterkunft. Diese Abgeschiedenheit ist es, die ihn stört. Gerne würde er in eine richtige Wohnung umziehen. „Nicht ab vom Schuss, sondern in der Stadt.“ Der Mann, der so drastisch die Einsamkeit suchte, will zurück in die Gesellschaft. „Und zwar ganz und nicht an den Rand. Ich habe die Zeit draußen gebraucht, um den Stress und die Depressionen hinter mir zu lassen. Das ist vorbei.“

Die Aussichten auf eine günstige Wohnung sind leider minimal. Nach einem Bericht in der tz hatte ihm ein Münchner eine Bleibe angeboten, aber die Mietwohnung war mit 800 Euro viel zu teuer für ihn als Hartz-IV-Empfänger. Wolfgang Ködel blättert immer wieder Zeitungsinserate durch, fündig geworden ist er noch nicht. Also wohnt er weiter in dem Zimmer, an dessen Tür ein gelbes Schild hängt. „Ich bin der Größte“, steht drauf. Der Nachbar hat es hingehängt, weil Wolfgang Ködel tatsächlich der größte der 16 Bewohner ist. Und weil er den anderen hilft, wo er kann.

Fernsehauftritt: In der Talksendung von Sandra Maischberger schilderte Ködel seine Erlebnisse

Ihm selbst hat besonders der Fernsehauftritt zurück zu seinem Selbstbewusstsein geholfen, sagt er. „Das war die Erfahrung, dass ich noch mit Leuten reden kann.“ Der Auftritt setzte ihn außerdem unter Zugzwang, wieder mit seiner Familie in Würzburg Kontakt aufzunehmen. Mutter und Schwester dachten, er sei tot. Erst wollte er sich nicht melden. „Solange ich seelisch nicht stabil genug bin, kann ich das nicht machen. Nicht, dass alles wieder von vorne losgeht“, sagte er vor einem Jahr. Er tat es doch. Der erste Anruf war eisig und distanziert, inzwischen hat sich die Familie versöhnt. Im Sommer war er beim Geburtstag der Mama, und in dieser Woche feiert die Tante. Seine Geschichte ist kein Thema mehr. „Sie haben akzeptiert, dass ich mich zu diesem Schritt entschieden hatte.“

Selbst seinem alten Beruf steht Wolfgang Ködel, der Maschinenbau studiert hat, nicht mehr so abgeneigt gegenüber wie vor einem Jahr. Doch wer stellt einen 56-jährigen Arbeitslosen ein? Und in welcher Position müsste der ehemalige Geschäftsführer arbeiten? Ihm taugt der Gedanke noch nicht. Dafür hat er sich als Freiberufler angemeldet. Er will ein Buch über seine Geschichte schreiben, 250 Seiten dick, in einem Jahr soll es fertig sein.

Interviews mit Reportern, ein Fernsehauftritt und jetzt auch noch ein Buch: Das alles macht Wolfgang Ködel nicht, um berühmt zu werden. So einer ist er nicht. Er ist einer, der auf sein Bauchgefühl hört. „Man kann ja alles einmal im Leben ausprobieren“, sagt er – und macht es.

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