Frau wird selbst zum Opfer

Geretsriederin trennt prügelnde Buben in Bus

Geretsried - Eine Geretsriederin hat prügelnde Buben von einander getrennt – und wurde im voll besetzten Linienbus selbst zum Opfer.

Donnerstagnachmittag, Bushaltestelle des Schulzentrums an der Adalbert-Stifter-Straße in Geretsried. Zwei Buben prügeln sich. Die Rangelei ist alles andere als harmlos, sie eskaliert, es fliegen Fäuste. Einer der Burschen tritt seinem Widersacher mit Anlauf in die Magengrube, das Opfer windet sich vor Schmerzen und weint. Eine junge Geretsriederin, die derzeit eine Ausbildung zur Erzieherin macht, beobachtet die Situation und schreitet spontan ein. Sie trennt die beiden – und wenig später wird selbst zum Opfer. Von einem der Schläger hagelt es minutenlang verbale Beleidigungen, böse Schimpfwörter fallen. Zu Hause vergießt die 17-Jährige deshalb viele Tränen. Dann meldet sie sich beim Geretsrieder Merkur. Ihren Namen möchte sie nicht nennen. „Es geht mir nicht um meine Person, sondern um die Sache“, sagt sie. Denn: Auch andere Personen hätten den Vorfall beobachtet und die Beschimpfungen gehört. „Aber niemand hat mir geholfen“, stellt die junge Frau mit Bedauern fest.

Sie habe den Schläger aufgefordert, sich bei seinem Opfer zu entschuldigen, schildert die Geretsriederin die brenzlige Situation. Der Bub, er besucht nach Angaben der 17-Jährigen eine fünfte Klasse der Geretsrieder Realschule, nimmt stattdessen Reißaus. Er traut sich erst zurück, als ein Linienbus heranfährt. Die Erzieherin und die Buben steigen ein. „Der Täter hat sich auf einmal wieder sehr sicher gefühlt“, berichtet die Geretsriederin. Die Hänseleien in Richtung des zuvor geschlagenen Klassenkameraden beginnen im Bus von Neuem. „Deshalb habe ich mich wieder eingemischt“, so die 17-Jährige. Doch sie stößt auf taube Ohren. „Den mach ich fertig, wann ich will. Ich gehe seit Jahren ins Karate“, soll ihr der Bub geantwortet haben. Dann beschimpft er die couragierte Geretsriederin als „Schlampe“. Bis zu ihrem Ausstieg folgen Tuscheleien und andere Schimpfwörter. „Die anderen Fahrgäste haben nur hin- und hergeschaut. Keiner hat etwas gesagt“, bedauert die Erzieherin. „Ich habe mich hilflos gefühlt, obwohl bestimmt 15 Leute in dem Bus gesessen sind, darunter auch viele Erwachsene.“

Eine andere junge Frau, die der Geretsriederin im Bus direkt gegenüber saß, habe „nur auf ihr Handydisplay gestarrt“. Die Beleidigungen, auch wenn sie von einem Fünftklässler kamen, lassen die junge Frau noch immer nicht los. „So etwas sagt man nicht. Aber noch schlimmer finde ich die Ignoranz der anderen Leute.“ Erinnerungen an andere Fälle von Zivilcourage schießen der 17-Jährigen in den Kopf, bei denen Helfer selbst zum Opfer wurden. „In meinem Fall blieb es Gott sei Dank bei verbalen Tritten“, sagt sie. Trotz der negativen Erfahrung würde die Erzieherin im Notfall wieder eingreifen, um Schwächere zu schützen. „Aber weil ich weiß, dass ich auf mich allein gestellt bin, überlege ich es mir künftig vermutlich zweimal.“ Wären mehrere Personen an der Schlägerei beteiligt oder die Täter älter gewesen – „hätte ich aus Angst wahrscheinlich auch weggeschaut“. Zivilcourage funktioniere nur, wenn das Umfeld zusammenhalte. „Bei sowas ist man nur gemeinsam stark.“ (dor)

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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