Eine Woche nach der Bluttat

Doppelmord in Königsdorf: „Hier fühlt sich keiner mehr sicher“

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Die Straße des Tatorts: Seit dem Mord stehen Polizeiautos in Höfen. Beim Nachbarn hängen noch Ballons der Kinder.

Angst und Hilflosigkeit in Königsdorf. So ist die Stimmung in der Gemeinde eine Woche nach dem Doppelmord von Höfen.

Königsdorf – Die Türklingel schrillt, dann dreht sich ein Schlüssel. Einmal, zweimal, dreimal. Ein Mädchen lugt durch den Türspalt, sie drückt die dunkle Holztür des Einfamilienhauses in Höfen schnell wieder zu. Der Vater kommt und öffnet, er wirkt ein bisschen verlegen. „Früher haben wir die Türen gar nicht abgesperrt“, sagt er. Er dreht sich um, schaut nach seiner Tochter und sagt: „Aber das ist vorbei.“

Früher, das war vor einer Woche. Dann hat die Polizei im Weiler Höfen, drei Kilometer vom Königsdorfer Ortskern entfernt, zwei Leichen und die schwerverletzte Luise Strauch in ihrem Haus gefunden. Ein grausames Verbrechen, das alles verändert hat. Nicht nur am Tatort, sondern in ganz Königsdorf. Wie verarbeitet ein Dorf so eine Gewalttat, die es in der gesamten Region noch nicht gegeben hat?

Das Dorf schweigt, obwohl alle viel zu erzählen haben

Es ist Sonntagvormittag, vor genau einer Woche hat sich die Nachricht vom Doppelmord rasend schnell verbreitet. Noch immer fahren Limousinen der Kripo über die Hauptstraße, immer wieder sind Streifenwagen zu sehen. Nur keine Menschen. Nicht am Geldautomaten der Sparkasse, nicht am Friedhof neben der Kirche und nicht am Sportplatz. Obwohl es ungewöhnlich warm ist für einen Märztag. Es ist ein ruhiger Sonntag, sogar in der Gaststube im Wirtshaus „Zur Post“.

Es wird viel getratscht, die wildesten Theorien und Spekulationen kursieren. Jeder hat eigene Vorstellungen vom Tathergang. Aber niemand will dazu mit Namen und Foto in der Zeitung stehen. Das ist auf keinem Treffen offiziell beschlossen worden, man hat sich stillschweigend geeinigt. Weil die Täter noch auf der Flucht sind – und sie theoretisch ja wiederkommen könnten.

„Es ist schlimm, dass die Polizei nichts Genaues sagen kann“, sagt eine Anwohnerin. „Das macht mir Angst, ich kann nicht mehr schlafen.“ Eine andere sagt: „Die Sicherheit ist weg. Wir wollten uns schon lange einen Hund zulegen. Vielleicht tun wir das jetzt. Einen Wachhund.“

Nach dem Doppelmord: Die Unsicherheit belastet die Königsdorfer am meisten 

Die Unsicherheit. Sie belastet die Königsdorfer am meisten. Was ist wirklich passiert in dem Einfamilienhaus von Luise Strauch in Höfen, das von außen immer gleich aussieht: irgendwie verlassen, ohne Lichterketten zu Weihnachten und ohne Sonnenschirm im Sommer. Vor zwei Wochen hat sich darüber noch keiner Gedanken gemacht, dass die Hecken hoch und die Bäume versetzt gepflanzt sind. Jetzt heißt es, das war schon immer verdächtig. Die meisten Grundstücke hier sind gut einsehbar, die Nachbarn schauen schon mal heimlich durchs Fenster, ob aufgeräumt ist, und beim Spazierengehen tauscht man sich am Gartenzaun über Neuigkeiten aus.

Geredet worden ist auch beim Gottesdienst. In der Stadt hat die Kirche an Bedeutung verloren, aber in Königsdorf ist sie immer gut besucht, gerade sonntags um 9.30 Uhr. In der Pfarrkirche St. Laurentius geht es konservativ zu, die Männer sitzen in den Bänken rechts, die Frauen links. Ausgerechnet jetzt, wo es allen Grund zum Beten gäbe, hat die Pfarrkirche aber geschlossen: Renovierungsarbeiten. Das Eingangstor ist vergittert, ein Baustellenschild flattert im Wind. Noch bis Dezember werden die Wände trockengelegt, Heizung und Elektronik müssen ausgetauscht werden. Wer beten will, muss sechs Kilometer nach Beuerberg fahren. Das machen am Sonntag auch viele, 50 Besucher mehr als sonst sind da, schätzt ein Königsdorfer. Das Verbrechen wird aber nicht erwähnt, das wurde nämlich schon am Aschermittwoch mit Fürbitten für die beiden Todesopfer, die Schwerverletzte und die Anwohner thematisiert.

Doppelmord in Königsdorf: Bewegungsmelder im Garten oder Revolver im Nachtkasterl?

Beten hilft, noch besser aber wäre es, wenn man etwas tun könnte. Es gibt zwei Fraktionen in Königsdorf: Die einen denken darüber nach, wie sie ihr Haus sicherer machen können. Mit neuen Fenstern zum Beispiel, Bewegungsmeldern im Garten oder einem Revolver im Nachtkasterl, obwohl das natürlich verboten ist. Die anderen sagen, dass Königsdorf trotz des Mordes nicht unsicherer geworden ist. „Jetzt ist’s passiert. Die kommen bestimmt nicht wieder“, sagt einer. In vier Wochen kehre wieder Normalität ein, dann sei alles vergessen. Aber bis dahin bleibt ein mulmiges Gefühl.

Siegfried Rest, 60, Schreinermeister und Gemeinderat, traut sich, offen seine Meinung zu sagen. Er sitzt in seiner Küche und schaut aus dem Fenster über das südliche Königsdorf. „Es ist tragisch. Aber die Nachbarn rücken auf alle Fälle zusammen“, sagt er. „Man schaut jetzt wieder mehr aufeinander und merkt sich jeden Fremden, der hier ist.“

„Zuagroaste“ können sich in Königsdorf schnell integrieren

Vielleicht ist es leichter, Abstand zu gewinnen, weil Luise Strauch keine gebürtige Königsdorferin ist. Das klingt im ersten Moment bitterböse, aber man darf das nicht falsch verstehen, sagen sie im Dorf. Umso besser man sich kennt, desto betroffener sei man eben – subjektiv gesehen. Und Luise Strauch kennt man im Ort allenfalls vom Sehen, sie war nicht im Sportverein oder bei den Trachtlern. Dann hat man es ein bisschen schwer auf dem Dorf, auch wenn man lange hier wohnt. Wobei Königsdorf kein Ort ist, in dem „Zuagroaste“ ausgegrenzt werden, dafür sind hier in den vergangenen Jahren zu viele hergezogen. Sogar sächsischen Dialekt gibt’s inzwischen zu hören. Eine Anwohnerin, die noch nicht so lange in Königsdorf lebt, sagt: „Man muss sich arrangieren und engagieren, dann ist die Dorfgemeinschaft aufnahmebereit.“ Als älteres Ehepaar habe man es aber schwerer als mit kleinen Kindern, „da kommt man ja eher in Kontakt“.

Konfliktpotenzial birgt das Thema Integration trotzdem, das ist am Faschingsdienstag deutlich geworden. Die Gemeinde und die „Kinschdarfer Maschkera“ hatten sich entschieden, den Faschingsumzug an der Hauptstraße trotz des grausamen Mords stattfinden zu lassen. Bürgermeister Anton Demmel war sich bewusst, dass es Kritik geben wird. Aber die hätte es auch gegeben, wenn die Entscheidung andersherum gewesen hätte, sagt er. Ein Anwohner, den jeder kennt im Dorf, sagt: „Es hätte keinen Sinn gemacht, sich zu verkriechen.“ Man dürfe nicht so viel nachdenken, schon gar nicht allein daheim im Stillen. Man müsse zusammenrücken, es geht um die Gemeinschaft, so wie immer. „Das Leben muss ja weitergehen.“

Was in der vergangenen Woche im Detail geschah, können Sie in unserem Ticker nachlesen. Außerdem finden Sie hier die Chronologie des Falls Höfen.

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