Nachbarschaftshilfe verpfeift Schwarzfahrer (81)

Parsdorf - Die Nachbarn hatten sich gegen ihn verschworen. Jetzt konnten sie ihn festnageln: Sie ertappten ihn bei einer Straftat. Daher stand ein 81-Jähriger vor Gericht. Dort zankten sich die Gartenzaunfeinde weiter.

Er fuhr nur schnell zur Apotheke, um seine Medikamente zu holen. Diese Fahrt brockte Ludwig H. (alle Namen geändert), 81, eine Menge Ärger ein. Eine Mitarbeiterin der Nachbarschaftshilfe, die ihn betreute, hatte ihn bei der Polizei verpfiffen. Der Grund: Der Parsdorfer setzte sich ohne Führerschein ans Steuer.

Nun musste Ludwig H. vor dem Ebersberger Amtsgericht erscheinen. Der Vorwurf: Fahren ohne Fahrerlaubnis.

Die Vorgeschichte: Im April 2010 gab der Pensionär aus gesundheitlichen Gründen freiwillig seinen Führerschein ab. Weil er Diabetiker und Dialysepatient ist, muss er oft zum Arzt oder Apotheker fahren. Normalerweise kutschiert ihn seine Tochter. Normalerweise.

„Ich bin ein bisschen dement und kann mich nicht erinnern, dass ich gefahren bin“, sagte der Angeklagte. Plötzlich schwenkte er um: „Doch, es könnte sein, dass ich mal gefahren bin.“

Werner V., 71, ein Nachbar des Angeklagten und zugleich dessen Erzfeind, sagte als Zeuge aus und frischte die Erinnerung auf. Er ist an dem besagten Tag, dem 26. August 2010, selbst mit dem Auto unterwegs. Auf der Purfingerstraße in Vaterstetten kommt ihm ein silberner Audi entgegen. Genau das selbe Modell, das sein Nachbar Ludwig H. führt. Und tatsächlich: Am Steuer sitzt der alte Mann, der seit 39 Jahren nebenan wohnt und mit dem er sich viele Male über den Gartenzaun hinweg gezankt hat. „Ich habe ihn eindeutig erkannt.“ Dass Ludwig H. seinen Führerschein zu der Zeit bereits abgegeben hatte, habe er angeblich nie gewusst.

Der Angeklagte protestierte, er vermutete ein Komplott der Nachbarn, mit denen er im Clinch liegt. „Das ist eine infame Darstellung“, wetterte er. Daraufhin stand der Zeuge Werner V., der inzwischen auf der Zuhörerbank saß, empört auf, holte zum verbalen Gegenschlag aus. Aber Richter Peter Hayler mahnte ihn zur Ruhe: „Es geht hier um eine Straftat und nicht um Nachbarschaftsstreitigkeiten.“ Doch der Zeuge schäumte: „Ich finde es beschämend“, schimpfte er. Dann schnitt ihm der Richter das Wort ab. Während der Verhandlung zischte immer wieder eine Zuschauerin dazwischen, wohl auch eine Nachbarin: „Das stimmt nicht, natürlich ist er gefahren“, keifte sie. Auch sie musste der Richter mehrmals zurecht weisen.

Da der Angeklagte eine hohe Rente bezieht, rieten ihm Richter und Staatsanwalt, seinen Einspruch gegen den Strafbefehl zurückzuziehen und die Tat zu gestehen. „Sonst erhöht sich die Geldstrafe um 1650 Euro“, sagte der Staatsanwalt. Plötzlich konnte sich der Angeklagte doch wieder an die Fahrt erinnern. Er nahm den Einspruch zurück und musste eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 25 Euro schlucken.

Von Marlene Kadach

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