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Koma, sieben OPs, Rollstuhl: Unbekannter überfuhr Familienvater – „Stellen Sie sich der Polizei“

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Von: Hanna von Prittwitz

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Hinter ihnen liegen schwere Monate, aber sie strahlen Zuversicht aus: Alexandra und Michael Wilhelm mit Sohn Ferdinand in der Klinik.
Hinter ihnen liegen schwere Monate, aber sie strahlen Zuversicht aus: Alexandra und Michael Wilhelm mit Sohn Ferdinand in der Klinik. © Privat

In der Nacht auf 5. August 2022 wurde der 34-jährige Michael Wilhelm aus Gilching auf einem Feld nahe Eching bei Freising von einem Auto überfahren und schwerstverletzt. Seither kämpft sich Wilhelm ins Leben zurück.

Gilching – Dass er ausgerechnet an Weihnachten wieder die ersten Schritte würde machen können, das hätte Michael Wilhelm selbst nicht für möglich gehalten. Denn als er am 16. August 2022 auf der Intensivstation des Ingolstädter Klinikums die Augen aufschlug, war fast kein Knochen in seinem Körper mehr unversehrt. Dabei war er in seiner Erinnerung gerade noch bei der Brass-Wiesn in Eching (Kreis Freising) im Bierzelt gewesen.

Bis heute ist ungeklärt, was in dieser Nacht auf den 5. August 2022 gegen 0.30 Uhr geschah. Fakt ist: Wilhelm wurde von einem Autofahrer auf einem Feld außerhalb des Festivalgeländes mit hohem Tempo überfahren und an der Unfallstelle schwerstverletzt liegengelassen. Auch der Starnberger Merkur berichtete über den Fall.

Koma, sieben OPs, Rollstuhl: Wilhelm kämpft sich nach Unfall zurück ins Leben

Der Unfallfahrer ist nach wie vor flüchtig. Am Unfallort sollen sich Teile eines dunkelfarbigen BMW X5 älterer Bauart befunden haben. Andreas Aichele von der Pressestelle Polizeipräsidium Oberbayern Nord bestätigte dies am Freitag. Er sagte auch: „Das Thema ist bei uns sehr hoch aufgehängt.“ Und er hofft, dass „die Person oder Mitwisser aufgrund der Berichterstattung ihr Gewissen erleichtern“.

Wie schafft ein Mensch das? Wilhelm lag zwölf Tage im künstlichen Koma, insgesamt 16 Wochen im Krankenhaus. Er überstand sieben Operationen, mindestens zwei weitere stehen noch an. Seine Verletzungsakte: linker Oberschenkel innen offen ausgerenkt; Adduktoren und Gefäße abgerissen, linkes Knie ausgerenkt, komplexer Oberschenkelbruch rechts, sieben gebrochene Rippen, Dornfortsätze der Wirbelsäule gebrochen, linkes Schlüsselbein ausgerenkt, beide Schulterblätter angerissen, Wasser zwischen Lunge und Brust, daher Brustkorbdrainage. Wilhelm ist 1,85 Meter groß.

Auto erwischte Wilhelm auf einer Wiese

Als das Auto ihn erwischte, wog er 96 Kilogramm. Es gilt als unwahrscheinlich, dass der Autofahrer nichts von dem Aufprall bemerkt hat. Als Aufprallgeschwindigkeit wird von bis zu 80 Stundenkilometern ausgegangen, das sei auch die Annahme der behandelnden Ärzte.

„Es ist schon die Frage, was der Autofahrer auf der Wiese gemacht hat“, sagt Wilhelm. Satellitenbilder zeigen auf dem Feld eine kreisrunde Spur. „Womöglich hat er da driften geübt und mich dabei erwischt.“ Auch würde er sich an den Weg zu seinem Übernachtungszelt gerne erinnern und wie er vom Festivalgelände auf das Feld gekommen ist. Natürlich hatte er ein paar Bier getrunken, „aber ich war jetzt nicht total von der Rolle“.

„Physisch, psychisch und finanziell ist die Belastung extrem“

Die vergangenen Wochen hat sich Wilhelm ins Leben zurückgekämpft. An seiner Seite seine Frau Alexandra (34) und sein vierjähriger Sohn Ferdinand. Ja, er kenne Momente der Mutlosigkeit und der Erschöpfung. „Physisch, psychisch und finanziell ist die Belastung extrem. Das ist ein Marathon, und niemand weiß, was da noch kommt“, sagt der 34-Jährige, der bei TQ Systems in Seefeld als strategischer Einkäufer beschäftigt und nun schon seit Monaten krankgeschrieben ist. „Zum Glück habe ich einen sehr verständnisvollen Chef, dafür bin ich sehr dankbar.“ Dankbar sei er auch für die Polizeiarbeit. „Insbesondere der leitende Ermittler hängt sich da sehr rein, trotz aller bürokratischen Hürden.“

Privat geben ihm seine Familie und Freunde Halt. Seit fünf Jahren leben die Wilhelms in Gilching, Michael Wilhelm ist Mitglied beim Guichinga Brauchtum. Dessen Vorsitzender René Weber initiierte im August spontan eine Spendenaktion. Gerührt ist Wilhelm auch von dem Zuspruch im Klinikum Ingolstadt, dem Team um Dr. Jörg Scherer. „Das gibt mir alles Kraft.“ Er macht sich Sorgen um seinen kleinen Sohn, der nun schon einige Monate in einer Familie im Ausnahmezustand lebt. Wilhelms Frau Alexandra klingt am Telefon frisch und entschlossen, trotz allem. „Wir kriegen das hin“, sagt sie. Und ist voller Respekt vor dem Durchhaltevermögen ihres Mannes.

Können Satellitenaufnahmen von Unfall helfen?

Ein Mitstreiter an Wilhelms Seite ist der 55-jährige Martin Erhardt aus Ulm. Die beiden sind seit Jahren befreundet, kennen sich vom Segeln am Bodensee, dort ist Wilhelm aufgewachsen. Erhardt, Projektleiter bei der Steinbeis-Stiftung für Wirtschaftsförderung in Stuttgart, ist sich sicher, dass es Satellitenaufnahmen von dem Unfall gibt. Aus zuverlässiger Quelle wisse er, dass sogar das Kennzeichen ermittelt werden könne, und die Fahrtwege. „Doch der Datenschutz und die Bürokratie erschweren die Recherche.“ Dennoch hat Erhardt das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in dem Fall angefragt.

„Wir werden uns das ganz genau anschauen“, sagte DLR-Pressesprecher Andreas Schütz am Freitag dem Starnberger Merkur. Immer wieder würden Bilder aus dem All für die Recherche von Kriminalfällen angefragt. Er räumt allerdings auch ein: „Es gehört sehr viel Glück dazu, dass genau zum Unfallzeitpunkt einer der Satelliten brauchbare Bilder in hoher Auflösung gemacht hat.“

Freund fordert Ermittlungen der Kriminalpolizei

In Erhardts Augen handelt es sich bei dem Unfall auch nicht um ein Verkehrsdelikt, als das es bei der Polizei bearbeitet wird. In Anbetracht der Geschwindigkeit des Unfallfahrzeugs, nämlich mindestens 80 km/h, könne der Vorgang auch als „versuchtes Tötungsdelikt“ gewertet werden, findet er, und dann müsse die Kriminalpolizei mit ihren ganzen anderen Möglichkeiten ermitteln. Er bange um seinen Freund und dessen Familie, die zeitweise am Ende ihrer Kräfte und so tapfer seien.

„Ich habe da auch eine gewisse Grundaggression mittlerweile, das muss ich zugeben.“ Pressesprecher Aichele versteht die Emotionen. „Aber das ist Sache der Staatsanwaltschaft.“ Die wollte sich auf Anfrage des Starnberger Merkur am Freitag wegen der noch laufenden Ermittlungen nicht äußern.

Wilhelm geht es bei der Veröffentlichung nicht um Rache, „absolut nicht“. Aber eine Entschädigung und damit finanzielle Absicherung, „das würde uns wirklich helfen“. Daher sein Appell an den Unfallfahrer: „Erleichtern Sie Ihr Gewissen und stellen Sie sich der Polizei.“

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