Zwang zur religiösen Übung

Glocken läuten zu laut - Gilchinger zieht vor Gericht

+
Er will die Glocken nicht mehr hören: Martin Davis aus Argelsried im Kreis Starnberg fühlt sich genötigt, unfreiwillig an einer religiösen Handlung teilnehmen zu müssen. Er hat nichts gegen den Glauben. Aber dieser sei eine private Sache, sagt er, keine öffentliche.

Gilching - Die Glocken der Kirche in Gilching-Argelsried läuten weithin hörbar - zum Leidwesen eines Anwohners. Denn er fühlt sich deswegen zur religiösen Übung gezwungen. Nun will er den Glockenstreit vor Gericht ausgetragen.

Martin Davis wohnt gute hundert Meter von der Kirche St. Nikolaus im Gilchinger Ortsteil Argelsried (Kreis Starnberg) entfernt. So hört er auch täglich die Glocken läuten – und stört sich daran. Aber nicht, weil es ihm zu laut ist. Sondern aus einem anderen Grund: „Ich werde dazu gezwungen, an einer religiösen Übung teilzunehmen“, sagt er. Das verstößt seiner Meinung nach gegen das Grundgesetz. Deshalb klagt er vor dem Verwaltungsgericht gegen die Pfarrkirchenstiftung St. Sebastian Gilching.

Im Vorfeld des Prozesses hatte es bereits eine Mediation gegeben, doch Davis und die Pfarrei wurden sich nicht einig. Inzwischen hat die Kirchengemeinde wegen der Probleme eine Läuteordnung festgelegt. So wurde zahlreiches Gebetgeläut abgeschafft: etwa das Angelus-Läuten am Sonntag um sieben Uhr in der Früh, das auch andere Familien störte – ebenso das Sonntageinläuten am Samstag um 15 Uhr und das Messläuten eine Viertelstunde vor dem Gottesdienst. Für die Nacht konnte man sich inzwischen auf das Schweigen der Glocken einigen.

Doch um Detailfragen des Läutens geht es dem 61-jährigen Systemanalytiker Davis, der seit 2002 in Gilching wohnt, nicht. Der Lärm sei ihm egal, Lärm komme auch von der Schule und der Straße. „Mir geht es um die Dauerinformation: ,Hier ist eine religiöse Gruppe.’ Permanent werden unbewusst alle daran erinnert.“ Er fragt sich, was passieren würde, wenn Muslime das machen würden – und der Muezzin ab fünf Uhr in der Früh mehrmals täglich zum Gebet rufen würde.

Davis hat nichts gegen Jesus und den christlichen Glauben, betont er, sondern etwas gegen die Eigenmächtigkeiten der Amtskirche. Der Gilchinger bezeichnet sich selbst als freigeistig und humanistisch. Die ursprüngliche christliche Glaubensgemeinschaft sei auch in diese Richtung gegangen. Die katholische Kirche aber habe damit „nur noch sehr wenig zu tun“.

Seiner Ansicht nach verstößt das Glockenläuten gegen Artikel 140 Grundgesetz, der auf einen Artikel der Weimarer Reichsverfassung verweist. Danach darf niemand zu einer kirchlichen Handlung oder Feierlichkeit oder zur Teilnahme an religiösen Übungen gezwungen werden.

Juristisch gesehen gibt es bereits eine gefestigte Rechtsprechung zum Glockengeläut. So muss man zwischen dem liturgischen Geläut und dem Stundenschlag unterscheiden. Letzterer wird weniger stark geschützt. Gerade in der Nacht ist er oft unzulässig. Das liturgische Geläut ist allerdings „in einem gewissen Rahmen des Herkömmlichen“ zulässig, erklärt die Vorsitzende Richterin – und damit „zumutbar auch im Lichte des Grundgesetzes“.

Die Pfarrei St. Sebastian habe viel darüber nachgedacht, wie man zu einem Kompromiss gelangen könne, sagt Pfarrer Christoph Lintz am Rande des Prozesses. Er sei enttäuscht, dass die guten Absichten und das Entgegenkommen der Kirchengemeinde keine Früchte getragen hätten. „Aber wir sind weiterhin bereit, die Hand auszustrecken.“

Klagen gegen Kirchenglocken gibt es nach Auskunft des Erzbistums München und Freising sehr selten. Das liturgische Geläut sei „eine Äußerung kirchlichen Lebens“, sagt Christoph Kappes vom erzbischöflichen Ordinariat – es falle in den Bereich des „Grundrechts auf freie Religionsausübung“. Was das Stundenschlagen betrifft, so handelt es sich laut Kappes jeweils um eine Einzelfallentscheidung. Im Vordergrund stehe das „gute Miteinander in der Gemeinde“.

Nina Gut

auch interessant

Meistgelesen

Frau von Lkw gerammt: „Da ist man auch als Polizist betroffen“
Frau von Lkw gerammt: „Da ist man auch als Polizist betroffen“
Pflege zu teuer: Pensionär holt seine Frau wieder nach Hause
Pflege zu teuer: Pensionär holt seine Frau wieder nach Hause
Vermisster 23-Jähriger wieder aufgetaucht
Vermisster 23-Jähriger wieder aufgetaucht
Schulbus auf Irrfahrt: Kinder in Panik
Schulbus auf Irrfahrt: Kinder in Panik

Kommentare