Optische Täuschung? Leider nein!

Kurios: Der Tegernsee hat jetzt einen schiefen Turm von St. Quirin - und ein Riesenschlamassel 

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Knick nach links, Knick nach rechts: Der Kirchturm von St. Quirin ist schief.

Wer dieser Tage an der Kirche von St. Quirin vorbeifährt, leidet keinesfalls an einem Knick in der Optik: Der Kirchturm ist schief. Dahinter steckt ein Riesenschlamassel.

St. Quirin – Fidel Niggl, bis vor kurzem Mitglied der Kirchenverwaltung Tegernsee und zuständig für Bauangelegenheiten, redet gar nicht lange um den heißen Brei herum: „Ja, da ist ein Knick im Turm.“ Wer von Tegernsee Richtung Gmund unterwegs ist und genauer hinschaut, sieht es ganz deutlich: Der Turm knickt im unteren Drittel zuerst nach links, dann im mittleren Drittel nach rechts. Oben drauf sitzt die Zwiebel. Mit einem Schwertransporter war der rundum sanierte Turm am 14. September in aller Herrgottsfrühe angeliefert und verankert worden.

Was um Himmelswillen ist da passiert? „Im Grunde wurden neue Teile auf ein schiefes Fundament gesetzt“, erklärt Fidel Niggl ohne Umschweife. „Zuerst kam das untere Drittel drauf, dann hat man im mittleren Teil den Schaft ausgeglichen, damit der Turm im Ergebnis wieder gerade wird.“

Hohe Zimmermannskunst, möchte man meinen, doch in Wahrheit ist die ganze Angelegenheit ein riesiges Malheur. Der Statiker, so Niggl, habe von dem schiefen Fundament des Turms gewusst, ebenso die Zimmerei, die aus dem Freisinger Raum stammt. Es sei schon schwierig gewesen, überhaupt eine Zimmerei zu finden, berichtet Niggl, „Wir von der Kirchenverwaltung sind davon ausgegangen, dass die Schieflage beim Einbau des Turms bereinigt wird“, sagt Niggl. Die Art und Weise sei jedoch „eigentlich unmöglich und nicht zu akzeptieren.“

Ortstermin fand schon statt

Wer hat Schuld? Inzwischen wurde bei einem Ortstermin der Ernst der Lage erörtert. Neben Kirchenpfleger Norbert Schußmann und Günter Lorenz als Mitglied der Kirchenverwaltung und Nachfolger von Fidel Niggl, nahmen auch Architekt Peter Pongratz, der Statiker sowie Vertreter der Zimmerei und von dieser als Subunternehmer engagierte Handwerker teil. „So kann’s nicht bleiben“, findet Niggl. „Der Turm ist zwar stabil, aber unmöglich.“

Folgende Lösung soll das Malheur nun buchstäblich geraderücken: Die Holz-Verschalung des Turms soll so korrigiert werden, dass der optisch schiefe Eindruck verschwindet. Dass der Turm weiter in Schieflage geraten könnte, hält Niggl für ausgeschlossen. Er sagt aber ganz deutlich: Sollte die Aktion misslingen, müsse man neu überlegen.

Erneut Feuchtigkeit eingedrungen

Der schiefe Turm ist nicht das einzige Schlamassel an dem kleinen Gotteshaus, das religiös wie künstlerisch zu den bedeutendsten Denkmälern im Tegernseer Tal gehört und der Legende nach dort steht, wo um das Jahr 800 die Reliquien des Heiligen Quirinus auf dem Weg von Rom ins Kloster Tegernsee ein letztes Mal haltmachten, woraufhin eine heilsame Quelle entsprang. Bei einem nächtlichen Sturm im Dezember seien Walmziegel vom Dach auf den Gehsteig geflogen. Feuchtigkeit drang erneut ins eigentlich schon sanierte Gebälk ein. „Die Ziegel hätten mit Mörtel befestigt sein sollen, was aber nicht der Fall war“, berichtet Niggl. „Auf die Zimmerei wird da wohl eine Mängelanzeige zukommen.“ Vom Aufwand ganz abgesehen, denn erneut muss ein Gerüst aufgestellt werden.

Archäologen begleiten Abgrabungen

Überhaupt scheint die im Herbst 2017 begonnene Sanierung nicht ganz rund zu laufen. Eigentlich war längst geplant, mit den Abgrabungen ringsum zu beginnen. „Doch das Landesamt für Denkmalpflege hat sich eingeschaltet und die Mitwirkung eines Archäologen gefordert. Als dann einer gefunden war, hat sich der dann doch außerstande gesehen, die Aufgabe zu übernehmen“, berichtet Niggl. „Eines Tages ist dann ein ganzer Bus mit Spezialisten angerückt.“ Mindestens zwei Archäologen müssen nun dabei sein, wenn wohl ab April mit dem Graben begonnen wird.

Viel Arbeit steht noch an: Im Inneren sind das Gestühl und die Kunstwerke bereits abtransportiert und ausgelagert. Der Putz am Fundament innen muss zwar entfernt werden, doch weitere Abgrabungen im Inneren seien nicht nötig, berichtet Niggl. Derzeit stehe auch noch nicht fest, ob der Boden aus Ziegelklinker tatsächlich raus muss. Was darunter zum Vorschein käme, ist ein Geheimnis.

Was den Zeitplan betrifft, so hat der Tegernseer allmählich seine Bedanken, dass die Sanierung heuer noch zu schaffen ist. Schließlich habe man immer nur ein gutes halbes Jahr Zeit, ehe wieder der Winter komme.

Von 1,7 Millionen Euro Sanierungskosten ist nach wie vor die Rede. Das Erzbischöfliche Ordinariat übernimmt 85 Prozent der Kosten, 50 000 Euro stellt der Ökumenische Kirchbauverein Tegernsee, Rottach-Egern und Kreuth zur Verfügung, Die Gemeinde Gmund macht 42 500 Euro locker, Tegernsee schießt 30 000 Euro zu. Weitere Spenden von Privatleuten und Vereinen, darunter von den Gmunder Dorfmusikanten, sind schon eingelaufen. Wer für die Begradigung des schiefen Turms aufkommt, ist offen.

gr

Lesen Sie hier auch, warum die Anwohner in St. Quirin eine Überquerungshilfe fordern.

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