Für Otto Steyrer ein ganz besonderer Tag

Bewegende Worte: Schwerkranker hält an 80. Geburtstag seine eigene Grabrede

Heitere Episoden, aber auch traurige Geschichten tauschte Otto Steyrer (Bild oben, rechts) bei seinem 80. Geburtstag mit Freunden und Verwandten aus.
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Heitere Episoden, aber auch traurige Geschichten tauschte Otto Steyrer (Bild oben, rechts) bei seinem 80. Geburtstag mit Freunden und Verwandten aus.

Für den Jubilar aus Peiting war es ein ganz besonderer Anlass. An seinem 80. Geburtstag überraschte er die Gäste mit einer eigens verfassten Grabrede.

Peiting - Herbstlich geht‘s zu im kleinen Saal der Gaststätte Zechenschenke. Rote Weinblätter, Pilze und Herbstastern zieren die Tische. Der passende Rahmen für einen runden Geburtstag im gesetzten Alter. Für Jubilar Otto Steyrer ist es ein ganz besonderer Tag. Er will mit seinen Gästen seinen 80. Geburtstag feiern – und sich dabei auch noch von seinen Lieben verabschieden. Mit einer Rede, die er für seine Beerdigung selbst verfasst hat*.

Die Gäste trudeln nach und nach ein. Farbenfroh gekleidet, in bester Stimmung. Oktoberfestbier in Geschenkflaschen wird überreicht, ein kleines Tischfeuerwerk gezündet, auf den Jubilar angestoßen. Stimmengewirr macht sich breit. Episoden werden präsentiert, mit Anekdoten vermischt. Natürlich darf die Geburtstagstorte nicht fehlen. Diese hat Enkelin Sarah selbst gebacken. Sie muss Großvater Ottos Geschmack getroffen haben, denn seine Augen glänzen. Der Jubilar nutzt diesen Moment, um sich mit seinen noch gebliebenen Lieben fotografieren zu lassen.

Bei Feier zu 80. Geburtstag: Jubilar hält seine eigene Grabrede

Vielleicht das letzte Mal? Otto Steyrer ergreift das Wort. Bedächtig, mit ruhiger und gefasster Stimme. Die Gäste sind auf eine Geburtstagsrede gespannt. Doch der Jubilar zieht ein Blatt Papier aus der Jacke, auf das er seine Grabrede geschrieben hat. Steyrer ist Realist. Er erzählt, dass er durch seine schweren Krankheiten so gezeichnet ist, dass er sich schon auf den Heimweg vorbereitet hat. Für ihn wird in überschaubarer Zeit ein neuer Abschnitt beginnen. Ein Abschnitt, der gerne als Ewigkeit bezeichnet wird. Steyrer ist überzeugt, dass es ein weiteres Dasein nach dem Tode gibt.

Der Weg, den Otto Steyrer während seiner 80 Jahre gehen musste, war steil, steinig und mühsam. 1941 wurde er in Ottobeuren geboren. Kriegszeit – eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. Seine Kindheit bezeichnet er als schwer, aber abwechslungsreich. Schon mit acht Jahren musste der kleine Otto eine bittere Pille schlucken. Seine Eltern gaben ihn nach Weilheim in ein Heim an der Waisenhausstraße ab.

Bemerkenswert, bei seiner Erzählung hegt Steyrer keinen Groll gegen die Eltern. Er spricht voller Ehrfurcht über Mutter und Vater. Erinnert daran, was die Eltern für Pläne mit ihm hatten: „Vater wollte, dass ich Zahnarzt werde, Mutter wollte mich als Pfarrer auf der Kanzel sehen.“ Die Pläne wurden durchkreuzt.

Schwerkranker denkt an Schicksalsschläge zurück

Nach vielen Stationen im bayerischen Raum landete Steyrer in München, arbeitete als Gesundheitsermittler. Der Beruf war für ihn Berufung, er ging in ihm förmlich auf. Steyrer eckte an, weil er mitbekam, dass „höhere Stellen“ Ungereimtheiten und peinliche Situationen unter den Tisch kehren wollten. Er war konsequent, nahm seinen Hut.

Diese Probleme wollte Steyrer nicht einfach vergessen. Er verfasste darüber ein Buch. „Gottes Auftrag im Namen Jesus“, so der Titel. Ein zweites Buch folgte. Sicherlich beeinflusst durch das Schicksal, welches die Familie hart traf: „Geistliche Lebensfragen mit endgültiger Lösung“. Beide Bücher überreicht er seinen Gästen bei seiner Feier.

Bei der Feier entstand auch ein Familienfoto, auf dem neben dem Jubilar (3.v.r.) noch (v.l.) sein Neffe Norbert mit Ehefrau Erika, seine Enkelinnen Ronja und Sarah sowie Nichte Eva zu sehen sind.

In seiner Rede vergisst er nicht, seine drei Liebsten, die er verloren hat, rührend zu erwähnen. „Ich würde meine Erna sofort wieder heiraten, mit der ich 52 glückliche Ehejahre erleben durfte“, sagt er. Das Glück der beiden war vollkommen, als erst Tochter Angela geboren wurde, dann Tochter Ulrike auf die Welt kam. Familienglück pur. Doch die Schicksalsschläge nahmen ihren Lauf. Angela starb mit 37 Jahren an Krebs, Ulrike mit 41 Jahren an einem Tumor im Kopf.

„Nach 52 Jahren lasse ich doch meine Frau nicht im Stich“

2019 schlug das Schicksal erneut zu. Erbarmungslos. Ehefrau Erna, die Steyrer lange zuhause gepflegt hatte, wurde so dement, dass sie in das AWO-Pflegeheim nach Peiting kam. „Nach 52 Jahren Ehe lasse ich doch meine Frau nicht im Stich, lasse sie nicht alleine im Heim“, dachte sich der Ehemann.

Da er selbst von Krankheiten schon schwer gezeichnet war, entschloss er sich, sie zu begleiten. „Es war ein Glücksfall, dass ich ebenfalls im Heim einen Platz bekam.“ So konnte er in Zeiten von Corona jeden Tag an der Seite seiner Erna sein. Als Außenstehender hätte er sie nicht besuchen dürfen. Über ein Jahr hatten die beiden noch. Als Erna Steyrer die Augen für immer schloss, hat er ihre Hand gehalten. Ein Moment, der in Erinnerung bleibt.

„Seid nicht traurig, wenn ich gehen muss. Meine Wohnung ist jetzt im Himmel reserviert“: Mit diesen Worten und einem gemeinsam gesungenen Lied beendet Otto Steyrer den besinnlichen Teil seiner Feier. Ein Essen guter bayerischer Küche sowie irdischer Gerstensaft versetzen die Gäste wieder in Geburtstagsstimmung. Alles Gute, Otto Steyrer. Lass den Himmel noch etwas warten! (Hans-Helmut Herold) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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