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Vorreiterrolle in Deutschland: Innovativer Neubau ohne Heizung und Klimaanlage vor den Toren Münchens

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Von: Lara Listl

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Gräfelfing, der von Januar 2020 bis Oktober 2021 errichtete Bürogebäude des Bauherrn Heinrich Nabholz KG kommt ohne Heizung und Klimanlage aus.
Hält die Raumtemperatur trotz fehlender Heizung und Klimaanlage ganzährig zwischen 22 und 26 Grad Celsius: Das von Januar 2020 bis Oktober 2021 errichtete Bürogebäude des Bauherrn Heinrich Nabholz KG in Gräfelfing. © Nabholz

Ein Bürogebäude, das ganzjährig ohne Heizung und Klimaanlage auskommt: In Gräfelfing gibt es das. Ein zweischaliges Ziegelmauerwerk und motorisierte Fensterklappen senken die Nebenkosten und sorgen im Sommer wie Winter für eine Raumtemperatur von 22 bis 26 Grad Celsius.

Gräfelfing – In puncto Nachhaltigkeit, Innovativität und Zukunftsorientiertheit steht in Gräfelfing ein Neubau, der deutschlandweit eine Vorreiterrolle einnimmt. So kommt das von Januar 2020 bis Oktober 2021 am Lochhamer Schlag errichtete Bürogebäude des Bauherrn Heinrich Nabholz KG ganzjährig ohne Heizung und Klimaanlage aus.

Bürogebäude in Gräfelfing kommt ganzjährig ohne Heizung und Klimaanlage aus

Ob Sommer oder Winter – ein zweischaliges Ziegelmauerwerk und motorisierte Fensterklappen sorgen für Raumtemperaturen von 22 bis 26 Grad Celsius. „Selbst an den heißen Sommertagen stieg die Raumtemperatur nicht über 24 Grad an“, erzählt Till Gerhard, Ausbildungsleiter und zuständig für die Liegenschaften der Heinrich Nabholz Autoreifen GmbH in Gräfelfing. Einen Winter ohne Heizlüfter haben die Mitarbeiter bislang aber noch nicht erlebt. Denn als die Autoreifen GmbH im vergangenen November direkt nach der Fertigstellung des Neubaus ihre Räume bezog, musste erst noch die Baufeuchtigkeit mit Heizlüftern getrocknet und das Haus aufgewärmt werden.

Gräfelfing, Lochhamer Schlag, Neubau Bürogebäude der Heinrich Nabholz KG kommt dank zweischaligem Ziegelmauerwerk und motorisierten Fensterklappen ohne Heizung und Klimaanlage aus, Bauzeit Januar 2020 bis Oktober 2021
Aufgrund der wärmedämmendenden und wärmespeichernden Eigenschaften wurde die neue Hauptverwaltung der Heinrich Nabholz KG in Gräfelfing aus einem zweischaligen Ziegelmauerwerk errichtet.  © Nabholz

Für den Fall eines überdurchschnittlich kalten Winters besteht laut Gerhard die Möglichkeit, Elektroheizungen in den Büros anzustecken. Dass diese benötigt werden, hält er allerdings eher für unwahrscheinlich. Größere Sorgen hätten Mitarbeiter aufgrund der fehlenden Klimaanlage bei immer heißer werdenden Sommern gehabt. Von den Mitarbeitern verlange das innovative Bürogebäude eine gewisse Toleranz ab, mit dem Wetter zu gehen und sich dementsprechend im Winter wärmer und im Sommer kühler anzuziehen.

„Ein Risiko gibt es immer, aber wir haben unser Vertrauen in die Bauphysik, die Planer und Architekten gesetzt, und es hat sich gelohnt“, so Gerhard. Gerade vor dem aktuellen politischen Hintergrund mit dem Krieg in der Ukraine und rasant steigenden Energiekosten sei er froh, dass das nachhaltige Bürohaus ohne Einsatz kostenintensiver Haustechnik auskommt.

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Inspiration des nachhaltigen Bürogebäudes in Gräfelfing kommt aus Österreich

Ursprünglich hatte die Heinrich Nabholz KG für ihre neue Hauptverwaltung in Gräfelfing einen klassischen Neubau vorgesehen. Doch wie Till Gerhard berichtet, wurde mit Blick auf die „horrenden Summen“ für Heiz- und Klimatechnik bald eine Alternative gesucht. Aus dem Umfeld des Bauherrn erzählte jemand von dem sogenannten „Bürohaus 2226“ im österreichischen Lustenau, das ohne Heiz- und Klimatechnik auskommt. Auf diesen Impuls hin folgte eine Besichtigung des Gebäudes, das künftig als Vorbild diente.

Wie bei dem „Bürohaus 2226“ in Lustenau wurde der fünfgeschossige Neubau in Gräfelfing aufgrund der wärmedämmenden und wärmespeichernden Eigenschaften aus einem zweischaligen Ziegelmauerwerk errichtet. Statt 81,8 Zentimeter wie in Österreich misst die Gebäudehülle im Würmtal lediglich 65 Zentimeter, womit mehr Nutzfläche geschaffen werden konnte. Außen- und Innenschale bestehen jeweils aus 30 Zentimeter dicken dämmstoffgefüllten Ziegeln, verbunden mit Mörtelfugen und verputzt mit Kalkzement.

So geht nachhaltiges Bauen. Wer sein Eigenheim nachhaltig planen will, sollte ökologische, ökonomische und soziale Aspekte berücksichtigen

So können Räume auch ohne Klimaanlage gekühlt werden (Video)

Ausgeklügeltes Lüftungskonzept sorgt beim Neubau in Gräfelfing für freie Luftzirkulation

Das Dach ist mit einer Fotovoltaikanlage ausgestattet und im Innenraum sorgt ein ausgeklügeltes Lüftungskonzept für freie Luftzirkulation: Motorisierte Fensterklappen stellen eine ausreichende Frischluftzufuhr sicher und an mittig im Gebäude angeordneten Wandscheiben wurden zudem Überstromelemente aus Holz eingebaut. Diese erlauben trotz Abtrennung der Büroräume eine dauerhafte Querlüftung – und das bei gleichzeitiger Schallreduzierung.

Gräfelfing, Lochhamer Schlag, Innenraum Neubau Bürogebäude der Heinrich Nabholz KG kommt dank zweischaligem Ziegelmauerwerk und motorisierten Fensterklappen ohne Heizung und Klimaanlage aus, Bauzeit Januar 2020 bis Oktober 2021
Im Innenraum sorgt ein ausgeklügeltes Lüftungskonzept für freie Luftzirkulation: Motorisierte Fensterklappen stellen eine ausreichende Frischluftzufuhr sicher und an mittig im Gebäude angeordneten Wandscheiben wurden zudem Überstromelemente aus Holz eingebaut. Diese erlauben trotz Abtrennung der Büroräume eine dauerhafte Querlüftung. © Nabholz/Heiko Stahl

Tagsüber heizt sich das Gebäude auf, nachts öffnen sich im Sommer die Klappen zum Abkühlen der Raumtemperatur. Und wenn man morgens in das Büro kommt, ist es angenehm, erzählt Gerhard. Im Wohnbau seien sogenannte Passivhäuser, die dank hoher Wärmedämmung ohne Gebäudeheizung auskommen, schon länger verbreitet, im Bürobau sei ein derartiges Konzept eher unüblich. „In Deutschland nimmt der zukunftsorientierte, innovative und nachhaltige Neubau eine Vorreiterrolle ein“.

Mieter sind von dem nachhaltigen Bürogebäude der Heinrich Nabholz KG begeistert

Alleine bewohnt Nabholz seinen Neubau mit 3500 m2 Geschossfläche nicht. Die 22 Nabholz-Mitarbeiter arbeiten auf 1000 m2 Bürofläche, die übrigen 2500 m2 vermietet das Unternehmen an andere Nutzer wie eine Energieoptimierungsfirma. Demnächst wird auch ein Elektroauto-Hersteller in das Gebäude einziehen. Gerhard: „Die Mieter waren bisher allesamt begeistert von dem nachhaltigen Konzept.“

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