Katastrophe östlich von München

Zugunglück von Aßling mit über 100 Opfern: Der tragische Tod der Kriegsheimkehrer im Jahr 1945

Ein Steinkreuz für die Toten: Bäckermeister Franz Bauer, 85, steht oberhalb der Bahnstrecke München–Rosenheim. Hier hat sich 1945 das Unglück ereignet
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Ein Steinkreuz für die Toten: Bäckermeister Franz Bauer, 85, steht oberhalb der Bahnstrecke München–Rosenheim. Hier hat sich 1945 das Unglück ereignet.

Vor 75 Jahren, im Sommer nach Kriegsende, rast ein Panzertransporter in einen Zug mit deutschen Kriegsheimkehrern. Mehr als 100 von ihnen sterben an dem Tag, an dem esfür sie Richtung Heimat geht.

  • Nach dem Zweiten Weltkrieg fährt ein Gefangenentransport von Rosenheim nach München.
  • Auf dem Weg nach Westdeutschland kommen über 100 Menschen ums Leben.
  • Ein tragisches Missgeschick kostet viele Todesopfer - ein Zeuge erinnert sich.
  • Das Zugunglück von Aßling jährt sich am 16. Juli zum 75. Mal.

Aßling/Grafing– Am Abend des 16. Juli 1945 liegt Franz Bauer, zehn Jahre alt, daheim im Bett und fürchtet sich. Draußen blitzt und donnert es. Für den Buben aus Grafing im Kreis Ebersberg, der gerade einen Weltkrieg überlebt hat, hört sich der Krach an wie das Echo der Bomben. Noch in den letzten Kriegswochen sind sie keine 100 Meter von seinem Elternhaus entfernt eingeschlagen. „Ich habe mir die Decke über den Kopf gezogen“, sagt er.

Zugunglück von Aßling: Eine der schlimmsten Bahnkatastrophen nach dem Krieg

Noch heute erinnert er sich an diese Nacht – wegen des Unwetters. Aber vor allem wegen des Zugunglücks, das gerade knapp fünf Kilometer entfernt geschieht. Es ist bis heute eine der schlimmsten Bahnkatastrophen der Nachkriegsgeschichte. Der zehnjährige Bäckerssohn weiß davon noch nichts, aber schon bald wird er das Grauen mit eigenen Augen sehen.

Ein Gefangenentransport mit 1200 deutschen Soldaten, die aus dem Rheinland und Westfalen stammen, ist kurz hinter Aßling, einer Nachbargemeinde von Grafing, in einer lang gezogenen Linkskurve liegen geblieben. Wegen des Gewitters schwankt der Strom in den Oberleitungen, und der Ölschalter der Lokomotive setzt aus. Die Männer in den 30 gedeckten Güterwaggons sind Schlimmeres gewöhnt. Sie haben den Krieg überlebt. Sie kommen endlich heim. Der Zug bringt sie vom Kriegsgefangenenlager der Amerikaner in Bad Aibling (Kreis Rosenheim - wo Jahrzehnte später ein Zugunglück ebenfalls Todesopfer kostete) Richtung Hannover, wo sie in die Freiheit entlassen werden sollen. Je 40 in einem Waggon. Die einen schlafen, die anderen spielen Karten oder überstimmen mit Heimatliedern das Gewitter. Sie hoffen, dass es bald wieder vorwärts geht.

Doch der Aßlinger Fahrdienstleister begeht einen tödlichen Fehler – wohl wegen eines Missverständnisses bei einem Telefonat mit seinem Grafinger Kollegen. Er hat nicht mitbekommen, dass der Zug liegen geblieben ist, und gibt den Streckenabschnitt frei. Um 21.40 Uhr rast ein nachfolgender Güterzug, schwer beladen mit 50 amerikanischen Sherman-Panzern, quasi ungebremst in den Gefangenentransport.

Ungebremst ineinander gerast: Helfer versuchen, Überlebende in dem Zugwrack zu finden. Aber für viele kommt jede Hilfe zu spät.

Franz Bauer hat doch noch ein paar Stunden geschlafen und das Gewitter überstanden. Am Morgen des 17. Juli steht der Zehnjährige zeitig auf und trägt wie jeden Tag die frischen Semmeln, die der Vater gebacken hat, zum Grafinger Bahnhofskiosk. Dort schnappt er auf, was abends zuvor bei Aßling passiert ist. Er schwingt sich, wie Buben halt so sind, aufs Rad und fährt hin.

Schon 200 Meter vom Gleis entfernt, als er den Hang zum Bahndamm hinuntersaust, schlägt ihm der Leichengeruch entgegen. So erzählt er es heute. Da sieht er noch nicht die zermalmten hölzernen Güterwaggons, genauso wenig die wie achtlos hingeworfenes Spielzeug verstreuten Panzer an der Unglücksstelle. Zuerst riecht er das Unglück. Bis heute hat er das nicht vergessen.

Tödliche Zugkatastrophe im Osten von München: Genaue Opferzahl unklar

75 Jahre später ist Bauer 85 Jahre alt. Im Karohemd, das Käppi einer örtlichen Brauerei auf dem Kopf, stapft er den waldgesäumten Feldweg am Bahndamm entlang, setzt mit federndem Schritt über ein Rinnsal hinweg und biegt auf eine Lichtung ab. Mitten im Gestrüpp, ein paar Meter oberhalb der Bahnstrecke München–Rosenheim: eine Ruhebank aus Holz und ein Steinkreuz. „Hier starben am 16. 7. 1945 bei einem Zugunglück 96 deutsche Soldaten“, steht auf dem Sockel.“ Die Quellen sind sich über die Zahl der Toten nicht ganz einig, der Volksbund für Kriegsgräberfürsorge geht davon aus, dass zwischen 102 und 110 Menschen direkt oder an den Folgen des Unglücks starben, darunter auch ein GI von der Wachmannschaft des Transports.

Bauer lässt sich auf die im Gebüsch versunkene Bank fallen, ächzt und schimpft über den Wildwuchs um ihn herum. „Wie es da jetzt ausschaut!“ Dann deutet er vom Gleis weg zum Waldrand. Dort hat er sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vor 75 Jahren hinter einem Baum versteckt und zugeschaut: Die herbeigeeilten Ärzte, meist noch in Alltagskleidung, versorgen die Schwerverletzten auf eilig herbeigekarrten Biertischen, an der Bahnböschung oder auf dem Küchentisch im Bahnwärterhäusl. Ein Arzt, der unter den Gefangenen war und Erste Hilfe leistete, operierte in der Not mit dem Taschenmesser.

Für die Toten gibt es nicht genug Särge. Der zehnjährige Franz sieht, wie die Helfer die teils zerfetzten Leichen zum Abtransport in schlichte Säcke stopfen müssen. „Das waren nur noch Fleischberge“, sagt Bauer und zuckt hilflos mit den Schultern. Während die einen ihren Kameraden helfen, sollen andere Unverletzte, vom Krieg abgestumpft, in den vorderen Waggons weiter Karten gespielt haben. Das erfährt der Bub später.

Südlich der größeren Städte Ebersberg und Wasserburg geschah 1945 das verheerende Zugunglück von Aßling.

Die Schubraupe, mit der die Amerikaner versuchen, ihre Panzer wieder aufzuladen, ächzt unter einer Last, der sie kaum gewachsen ist. Sonst ist es still. Kaum jemand spricht oder schreit, während die Helfer den Hang auf und ab kraxeln und versuchen, der Katastrophe an der schwer zugänglichen Stelle Herr zu werden.

Bahnstrecke Rosenheim-München: Denkmal erinnert heute an Unglücksstelle

Was Bauer damals als Bub sieht, das lässt ihn bis heute nicht los. Dieser Zug, dieses Unglück hat den Bäckermeister verändert. Der 85-Jährige hat sich wieder ins Auto gesetzt und ist nach Elkofen gefahren. Dort, ungefähr auf halber Strecke zwischen seinem Elternhaus und der Unglücksstelle, waren in einer Scheune die Toten aufgebahrt. Noch so ein Anblick, an den sich Bauer erinnert, als wäre es gestern gewesen.

„Eine würdige Sache“, sagt Bauer. Er ist von der Erinnerung in die Gegenwart gewechselt und lässt den Blick über die von Baumkronen beschattete Wiese neben der Scheune in Elkofen, heute Ortsteil von Grafing, schweifen. Wie das Denkmal an der Unglücksstelle ist sie nur einen Steinwurf von den viel befahrenen Bahngleisen entfernt. Dort, unter zwei wuchtigen Ahornbäumen, sind 95 Opfer begraben. Die meisten gestandene Mannsbilder in ihren Dreißigern oder Vierzigern, das verraten die aufgereihten Gedenksteine mit Namen, Geburtstag und dem immer gleichen Todestag.

Jahrzehntelang hat sich Franz Bauer um diesen Ort gekümmert, Dreck abgeschrubbt, Blumen gegossen. Bis heute korrespondiert er noch mit Angehörigen, immer wieder kommen Nachfahren, um des tragischen Todes der Kriegsheimkehrer zu gedenken. Bauer nickt und sagt noch einmal: „Eine würdige Sache.“ Bis auf das Vogelzwitschern ist es für einen Moment still auf dem Soldatenfriedhof. Dann rattert wieder ein Zug vorbei.

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