Prozessbeginn in München

Grafinger Mädchen soll 600 Mal vom Lebensgefährten der Mutter missbraucht worden sein

Ein Mädchen aus Grafing soll vom Freund der Mutter hunderte Male sexuell missbraucht und in einigen Fällen auch vergewaltigt worden sein. Am Dienstag begann der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter.

Grafing – Das Martyrium von Steffi M. (alle Namen geändert) begann auf einem schäbigen Lkw-Sitz, irgendwo auf einem abgelegenen Industrieparkplatz. Mit dem Lebensgefährten ihrer Mutter war die damals Neunjährige im Jahr 2002 nach eigener Aussage mit dem Truck mitgefahren. „Er hatte gefragt, ob ich mitkommen will. Ich fand das cool“, sagte sie später einer Richterin. Florian G. habe irgendwann gesagt, dass er ihr etwas zeigen wolle. Dann habe der heute 55-Jährige verlangt, dass sie sich ausziehe. M.: „Er sagte, ich solle mich hinlegen, was ich tat.“ Mehrfach habe er dann seinen Penis an ihr gerieben.

Als am Dienstag die Videoaussage des Opfers am ersten Prozesstag des Verfahrens gegen Florian G. im Münchner Landgericht vorgespielt wird, verfinstern sich die Minen vieler Zuschauer. Rund 600-mal soll Florian G. laut Staatsanwaltschaft an Steffi M. sexuelle Handlungen vorgenommen haben, als diese jünger als 14 Jahre alt war – in viele Fällen soll er mit dem Kind geschlafen haben. Auch als sie zwischen 14 und 15 Jahre alt war, hatte er laut Anklage in gut 300 weiteren Fällen Sex mit dem Mädchen.

Im Frühjahr 2008 war das Mädchen als 15-Jährige mit ihrer Mutter und dem mutmaßlichen Täter von Ostdeutschland nach Grafing gezogen. Dort sollen die Übergriffe bis 2010 oder 2011 weitergegangen sein. Doch erst Jahre später fand das heute 25-jährige mutmaßliche Opfer den Mut, seine schrecklichen Erlebnisse bei der Polizei anzuzeigen.

Sie sei damals „versteinert“ gewesen, sagte sie der Richterin auf die Frage, ob sie sich bei den ersten mutmaßlichen Übergriffen gewehrt habe. Weil sie einfach gemacht habe, was Florian G. ihr befohlen hat, habe sie sich „jahrelang selbst die Schuld gegeben“. Florian G. habe aber auch nicht von ihr abgelassen, wenn sie geweint habe und darum gebeten habe, er solle aufhören.

Der Lkw-Fahrer, der zuletzt im Landkreis Rosenheim lebte, habe ihr verboten, mit irgendjemandem über das Geschehene zu sprechen. „Er sagte, er würde meiner Schwester wehtun.“ Die Staatsanwaltschaft wirft Florian G. nun unter anderem sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen in 600 Fällen, in vielen Fällen auch schweren sexuellem Missbrauch sowie in zwei Fällen eine Vergewaltigung vor. Der Angeklagte bestreitet die ihm zur Last gelegten Taten.

Oft scheuen Frauen, die nach eigener Aussage Opfer sexueller Gewalt wurden, die Öffentlichkeit des Gerichtsverfahrens. Steffi M. sitzt jedoch als Nebenklägerin dem mutmaßlichen Täter schräg gegenüber. Als die Richterin das Video mit ihrer Aussage vorspielen lässt, muss sie den Gerichtssaal verlassen. Doch die junge Frau wirkt selbstbewusst, will offensichtlich dabei sein, wenn ihrem mutmaßlichen Peiniger der Prozess gemacht wird. Auf dem bereits Ende 2015 von einer Richterin aufgezeichneten Video ist dagegen noch eine in sich zusammengesunkene schwarz gekleidete Frau zu sehen. Manche ihrer Aussagen wirken verstörend. Ihre Mutter habe sie teils für die Schule krankgeschrieben, damit sie mit dem Lkw mitfahren könne. „Und das, obwohl ich sagte, ich will das nicht.“ Mehrfach unterbricht sie ihre Antworten auf die Fragen der Richterin, weint immer wieder. „Irgendwann habe ich Albträume bekommen“, berichtet sie.

Nun müssen Gericht und mehrere Gutachter klären, ob die Vorwürfe gegen Florian G. zutreffen. Das Gericht hat zunächst zehn Verhandlungstage festgesetzt.

Tobias Lill

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa / Inga Kjer

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