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Aus für den Forstwirt: Familienbetrieb macht nach 158 Jahren dicht – „Tut schon unheimlich weh“

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Von: Bert Brosch

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Ein Stück Ortsgeschichte: Der Fortstwirt schließt nach 158 Jahren seine Türen für immer.
Ein Stück Ortsgeschichte: Der Fortstwirt schließt nach 158 Jahren seine Türen für immer. © Bert Brosch

Die Personalprobleme sind schuld: Der Forstwirt in Grasbrunn sperrt übermorgen zu. „Es tut unheimlich weh“, sagt der Chef.

Harthausen – „Hoffentlich wird es am 17. nicht zu emotional – aber weh tut es schon unheimlich“, sagt Lukas Zellermayr (37), der Chef vom Forstwirt in Grasbrunn. Die Rede ist vom 17. Dezember, übermorgen also. An diesem Tag öffnen Lokal und Hotel nach 158 Jahren zum letzten Mal. Zur Auflockerung, „damit es ein bisschen festlich wird“, hat Zellermayr zwei Musikanten, Ziach und Gitarre, engagiert. Es wird ein Abschied mit Musik von der Familientradition.

Gebaut haben das Anwesen südlich vom Grasbrunner Ortsteil Harthausen 1862 Georg und Theresia Zellermayr. Sohn Dominikus betrieb eine Forst- und Dampfsäge und erhielt 1864 die Konzession zum Bierausschank und für den Betrieb der Tafernwirtschaft. Heute ist mit Lukas Zellermayr und Schwester Hanna die sechste Generation der Familie im Forstwirt tätig, der seit 1992 ein Hotel mit 35 Betten beheimatet.

Grasbrunn: Forstwirt sperrt für immer zu – Familienbetrieb nach 158 Jahren zur Aufgabe gezwungen

Lukas Zellermayr arbeitet selbst seit 15 Jahren im elterlichen Betrieb, seit 13 ist er für die Küche verantwortlich, seit sechs Jahren Geschäftsführer des Betriebs. „Vor Corona ging es uns wirklich gut, die Auslastung der Hotelbetten war immer sehr hoch, das Restaurant jeden Abend voll“, erzählt Zellermayr. er beschäftigte damals zwölf bis 15 Mitarbeiter. Dann kam die Pandemie, neun Monate war alles dicht, viele weitere nur teilweise Publikumsverkehr möglich.

Das letzte Mahl kocht Lukas Zellermayr am 17. Dezember.
Das letzte Mahl kocht Lukas Zellermayr am 17. Dezember. © Bert Brosch

„Wir haben keinen unserer Leute entlassen, aber 70 Prozent Kurzarbeitergeld ist in einer Branche, wo viele Einnahmen aus den Trinkgeldern kommen, einfach zu wenig“, sagt Zellermayr. Der Forstwirt bekam zwar Geld vom Staat zur Überbrückung und Deckung der Kosten, „doch das Geld kam entgegen den Versprechungen der Politiker erst nach sechs Monaten. In der Zeit mussten wir alles komplett aus der eigenen Kasse vorstrecken.“

Weil nicht absehbar war, wie lange die Krise andauern würde, ging einer nach dem anderen von Zellermayrs Leuten. „Die merkten rasch, dass sie im Einzelhandel genauso viel oder gar mehr verdienten als in der Gastronomie – aber eben nicht spät abends, am Wochenende oder an Feiertagen. Von denen wollte keiner mehr zurück“, bedauert Zellermayr. Er habe dafür aber volles Verständnis.

Forstwirt in Grasbrunn macht dicht – Mitarbeitersuche nach Corona-Pause erfolglos

Jetzt sind sie nur noch zu fünft, inklusive ihm und seiner Schwester Hanna. Als die Lokale wieder öffnen durften und die Gäste wieder in Scharen bei ihm zum Essen oder für Veranstaltungen buchen wollten, machte er sich noch wenig Gedanken. Hat er doch ein gutes Netzwerk in der Region, in Bayern und auch im Ausland, kennt jede Menge Köche und Servicekräfte, die er zum Teil selbst ausgebildet hat. „Aber das war einfach unglaublich! Ich fand weder Fachkräfte, noch Azubis oder Quereinsteiger – ich konnte das gar nicht glauben“, sagt Zellermayr.

Traditionshaus: Das linke Bild zeigt den Forstwirtshof von der Straße aus gesehen anno 1937. Auf dem rechten
Traditionshaus: Das linke Bild zeigt den Forstwirtshof von der Straße aus gesehen anno 1937. © Bert Brosch

Er schaltete Anzeigen in Tageszeitungen und Fachmagazinen, ließ sämtliche Kontakte spielen, telefonierte kreuz und quer in der Gegend herum. Vergeblich. Es folgten mehrere Anrufe beim Arbeitsamt, schließlich gibt es auch im Landkreis Menschen ohne Job, doch die ließen ihn noch mehr verzweifeln. „Zwei Mal haben sie uns belächelt, wir wären nicht die einzigen, die Mitarbeiter suchen. Beim dritten Mal wurde mir sehr deutlich mitgeteilt, dass es niemanden gibt für die Küche, den Service oder das Hotel.“

Zellermayrs nächster Versuch: der Helferkreis Asyl in Grasbrunn. Er bot den Ukraine-Flüchtlingen Kost und Logis an, dazu einen Job. Die Antwort: Es sei kein „keine Beschäftigung für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine. Ich verstand das nicht.“ Hatte er 2015 doch positive Erfahrungen mit Flüchtlingen aus Syrien gemacht. Seine letzte Chance sah Zellermayr im Ausland, nach Rumänien und Bulgarien hat er gute Kontakte. Es kamen tatsächlich fünf Rumänen. „Drei von ihnen waren nach dem ersten Gehalt verschwunden, zwei sind noch da – doch jetzt geht es nicht mehr.“

Forstwirt-Chef und seine Schwester „haben niemand für die Rezeption“

Er und seine Schwester arbeiten sich seit Monaten auf. Sie könnten Hotel und Restaurant voll ausbuchen, die Nachfrage ist da, vor allem die Wild-Gerichte sind im Umkreis bekannt und beliebt. „Wir müssen fast alles absagen, denn wir haben niemand für die Rezeption, keinen, der sich ums Frühstück kümmert, wir bräuchten jemand, der das Büro schmeißt, dazu Service- und Putzkräfte und natürlich erfahrene Leute in der Küche.“ War das alle noch nicht genug, brechen ihm jetzt die exorbitanten Kosten für Strom und Gas endgültig das Genick. Und so traf er die „sehr schwere Entscheidung“, den Forstwirt zu zu sperren.

Seine Eltern seien natürlich „irre enttäuscht“ über das Ende der 158-jährigen Familientradition, aber sie hätten volles Verständnis. Am 17. Dezember hat das Restaurant zum letzten Mal geöffnet, bis Jahresende wird aufgeräumt und geputzt – „wie es danach weitergeht mit mir und dem Haus: keine Ahnung“, sagt Zellermayr ganz leise. Seine Schwester hat schon einen guten Job gefunden, sein Koch auch. Was er selbst macht, das entscheidet er erst im Januar.

Eines steht für ihn aber fest: „Verkaufen werde ich das Haus auf keinen Fall, das ist die Zukunft für meinen Sohn.“ Es sei frustrierend, wie machtlos er als einzelner sei. Er wisse von zahlreichen Kollegen aus der Gastronomie, auch aus der Region, die in den kommenden Wochen ebenfalls die Reißleine ziehen. „Aber das ist kein Trost, dass es anderen genauso geht.“

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