Münchens skurrilster Prozess: Herzschrittmacher stört bei Jagd

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Wolfgang Hartmann (65) in seinem Freisinger Jagdzimmer. Er hat gegen die Ärzte geklagt, die ihm einen Herzschrittmacher eingesetzt haben, weil er deshalb nicht mehr jagen kann

München - Die Operation ist gelungen, die Chirurgen sind zufrieden. Als der Patient Wolfgang Hartmann (65) aber aus der Narkose erwacht, bleibt ihm beinahe erneut das Herz stehen.

Rechts – und nicht links! – klafft eine große Wunde, darunter der Herzschrittmacher. Mit einem Mal sind alle Träume des Freisingers begraben. Nie wieder wird der Jäger an dieser Schulter das Gewehr ansetzen können. „Man hat mich mit diesem Schrittmacher meines Lebensinhalts beraubt“, sagt Hartmann. Deshalb hat er das Münchner Herzzentrum auf 5000 Euro Schmerzensgeld verklagt. Heute um 11 Uhr verkündet der Richter Stephan Mittelsten Scheid am Münchner Landgericht das Urteil in diesem skurrilen Prozess.

Herzinfarkt. Am 5. Oktober kommt der frischgebackene Rentner als Notfall ins Freisinger Kreiskrankenhaus, er bekommt zwei Stents eingesetzt. Als sich sein Zustand nicht bessert, bringt ihn ein Hubschrauber ins Münchner Herzzentrum zu den Spezialisten. Und nun unterscheiden sich die Darstellungen der beiden Parteien: „Als ich erfahren habe, dass ich einen Herzschrittmacher brauche, habe ich sofort mit meinem Arzt gesprochen und ihm gesagt, dass ich leidenschaftlicher Jäger bin und das Gerät deshalb unbedingt auf die linke Schulterseite eingesetzt werden muss.“ Auch seine Frau Heidemarie (65) habe das bei einer Kollegin noch einmal betont. „Die Ärzte haben verständnisvoll reagiert und mir das zugesichert, auch noch einmal auf dem Weg in den OP.“

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Tatsächlich werden bei Sportlern, etwa Tennis- oder Golfspielern, aber auch Jägern des Öfteren Schrittmacher auf der linken und nicht wie üblich auf der rechten Seite eingesetzt, da andernfalls die empfindlichen Elektroden im Schulterbereich durch die Bewegung mit dem Schläger oder Gewehr geschädigt werden können.

Das Problem: In den Krankenakten ist nichts über den angeblichen Wunsch des Ehepaars Hartmanns vermerkt. Die Gegenseite spricht davon, dass Hartmann außergewöhnlich aggressiv gewesen sei. „In der Verhandlung im Januar haben die Ärzte behauptet, ich hätte sie nicht auf die Besonderheit aufmerksam gemacht“, sagt der Großwildjäger zur tz. Damit er sich nach der Operation nicht beschwere, sei er gleich nach dem Eingriff wieder nach Freising verlegt worden – „obwohl ich um ein Gespräch mit den Ärzten gebeten habe.“

Wer sagt die Wahrheit? Eine schwierige Frage für Richter Mittelsten Scheid, der vorgeschlagen hat, den Streit mit 1000 Euro beizulegen. Das aber ist Hartmann zu wenig. „Mir geht es darum, recht zu bekommen. Ich will nicht als Lügner dargestellt werden. Und vor allem will ich, dass die Ärzte anerkennen, was sie mir da angetan haben.“ Hartmann geht seit 35 Jahren auf die Pirsch, aus „Freude an der Natur und um das Wild zu hegen“, wie er sagt. Er hat in Ober- und Niederbayern gejagt, in Ungarn, Tschechien, auch in Südafrika und Namibia. In seinem Einfamilienhaus am Freisinger Stadtrand hängen Bilder von erlegten Warzenschweinen, Antilopen und Hirschen an der Wand. Über 500 Geweihe prangen im Wohnzimmer, der Küche und im Jagdzimmer, an einem Hirschkopf baumelt eine Medaille. Hartmann war Schriftführer beim Jägerverein Freising. Schon seit Jahren habe er sich auf die Zeit nach seiner Beamtenlaufbahn bei der AOK gefreut. „Ich habe mir das so schön ausgemalt, wie ich in der Pension endlich viel Zeit für das Jagen haben kann.“

Stattdessen sitzt der Freisinger nun oft am Fenster und blickt stundenlang hinaus. Seine Jagdfreunde ziehen ohne ihn los. „Ich habe ja nichts mehr.“ Vom Urteil erwartet sich der Rentner nicht sehr viel. „Ich habe ja schon in der Verhandlung gemerkt, dass ich kaum Chancen habe.“ Ein Trost sei, dass der Schrittmacher in sechs bis acht Jahren routinemäßig ausgetauscht werde. „Vielleicht könnte man da wieder etwas richten.“ Nach einer Pause fügt der diabeteskranke Mann hinzu: „Aber wer weiß, ob ich da überhaupt noch in der Lage bin, zu jagen.“

Seine Frau leidet mit. „Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich vor 35 Jahren dagegen war, dass er den Jagdschein macht. Eigentlich könnte ich mich jetzt freuen, dass er nun viel Zeit hat. Stattdessen bricht es mir das Herz, ihn so leiden zu sehen.“

Nina Bautz

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