Grünwald: So ein Schmarrn!

Blindenampel mit Erklärungstafel in Normalschrift

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Wo drücken? Selbst das Landratsamt spricht vom „Nichtnutzen“ dieses Schildes für Blinde.

Grünwald - Ein Pflaster für Starkicker, Showgrößen und Medienprominenz: Grünwald ist etwas ganz Besonderes. Aber so besonders, dass sogar seine blinden Bürger lesen können? Ganz ohne die altbekannte Tastschrift?

Wer an der Ampel in der Emil-Geis-Straße steht, muss davon ausgehen. Da prangt doch am Mast über dem Auslösekästchen fürs Akustiksignal ein Schild, auf dem bildlich und schriftlich dargestellt ist, wo Sehbehinderte den versteckten Auslöseknopf finden können - nämlich nicht sichtbar auf der Unterseite des Kastens.

Dass die vorübergehenden Passanten diese vermeintliche Orientierungshilfe einhellig als „Schmarrn“, „Geldverschwendung“ oder „Witz“ bezeichnen, kann der Ordnungsamtsleiter von Grünwald, Hans Seel, nicht verstehen: „Das Schild ist nicht etwa für Blinde gedacht. Die wissen nämlich genau, wo sich der Auslöseknopf befindet. Die Abbildung richtet sich vielmehr an sehbehinderte Menschen, die noch schemenartig sehen können.“

Wer hören will, muss wie ein Wilder tasten.

Anne Sokol-Kiesling (85) gehört zu dieser Gruppe. Sie wohnt nur 100 Meter von der Ampel entfernt im Senioren- und Pflegeheim Römerschanz. Ihre Sehkraft habe in den vergangenen Jahren so nachgelassen, dass sie heute nur noch Umrisse erkennen könne. „Trotzdem bin ich noch in der näheren Umgebung unterwegs, gehe zum Einkaufen oder Kaffeetrinken. Und da bin ich nicht die Einzige.“

Mit dem Ampelschild - nicht das einzige seiner Art in Grünwald - hat die rüstige Seniorin ihre ganz eigenen Erfahrungen gemacht: Sie konnte die Beschreibung schlicht nicht lesen. Und so wendet sie sich meist an andere Fußgänger, wenn sie die Straße überqueren möchte. „Zum Lesen bräuchte ich eine Lupe“, sagt sie und schüttelt den Kopf.

Im Landratsamt ist das Grünwalder Schilderphänomen für Blinde längst bekannt - vor allem, weil Grünwald die einzige Gemeinde ist, die über solche Anleitungen an ihren Blindenampeln verfügt. „Als wir davon erfahren haben, haben wir uns an die verantwortlichen Personen gewandt und sie auf den offensichtlichen Nichtnutzen hingewiesen. Der Bürgermeister hat jedoch auf die Anbringung bestanden. Sie tun ja auch niemandem weh. Falls sie abfallen, werden sie aber nicht ersetzt“, sagt Herbert Haffner, zuständig fürs Verkehrsrecht im Landkreis. sda

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