„Das Ganze ist ein Massenproblem geworden“

Lebensbedrohlicher Leichtsinn: Die gefährlichen Bootstouren auf der Isar

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Einsatzkräfte retten gekenterte Bootsfahrer aus der Isar.

Früher zählte es eher zu den harmloseren Familienausflügen, mit dem Schlauchboot die Isar hinunter zu schippern. So ist es aber schon länger nicht mehr. Heute ist die Isartour zum Event geworden. Zum Leidwesen der Rettungskräfte, die an schönen Tagen bis zu dreimal  ausrücken müssen, um havarierte Ausflügler aus dem Wasser zu fischen. 

Grünwald – Erst kürzlich wieder hat Andreas Aigner, Chef der Grünwalder Polizei, als er im Dienst über die Grünwalder Brücke fuhr, nicht nur das blaue Band des Flusses gesehen. Sondern eben auch: viele bunte Tupfer auf dem Blau, 20 bis 30 mindestens. Die Boote der Ausflügler. Hunderte, meint er, dürften allein an diesem Tag wieder unterwegs gewesen sein zwischen Wolfratshausen und München. „Das Ganze ist ein Massenproblem geworden.“

Dabei ist freilich nicht das Schlimme, dass die Leute Gefallen gefunden haben an Spritztouren auf dem Wasser. Sondern das Fatale ist, dass sie sich dabei oft grob fahrlässig verhalten. Und so wie die Pullacher, die am Isarhang wohnen, die teils schreckliche Musik ertragen müssen, die von den Flößen Wochenende für Wochenende zu ihnen hinauf schallt – so muss die Grünwalder Polizei alle Jahre wieder im Sommer gut 50 Mal ausrücken, weil Bootsfahrer Stromschnellen unterschätzt oder vor einem der Wehre die Kurve nicht mehr gekriegt haben und gekentert sind.

Zweimal sind vergangenes Jahr beim Georgenstein in Baierbrunn Gruppen aus ihren Schlauchbooten gekippt, auch bei Schäftlarn hat einmal eine Gruppe Jugendlicher den fahrbaren Untersatz unfreiwillig verlassen. Und musste dann aus dem Wasser gerettet werden. Aigner sagt: „Gefahrlos ist eine Isartour nie, weil ich mich in der freien Natur bewege.“ Nur leider würden diese Gefahren nicht nur schlicht unterschätzt – sondern in vielen Fällen überhaupt nicht wahrgenommen.

Man bekommt es ja selber ab und an mit, dass gut angeheiterte junge Männer sich während der Fahrt an überhängenden Ästen hochziehen und ins Wasser springen. Dass sich Heranwachsende im Schlauchboot, das ohnehin den Namen nicht mehr verdient, weil längst die Luft entwichen ist, einen Spaß daraus machen, an Baumstämmen entlang zu schrammen. Dass die Kids neben dem Boot herschwimmen auch an Stellen, die gefährlich aussehen. Andreas Aigner aber hat genauso schon Familienväter erlebt, die zwar nicht vergessen haben, das Tragl Bier an Bord zu hieven – aber ihren Kindern haben sie keine Schwimmwesten angelegt. „Dann ist es heiß, man trinkt das erste Bier, man passt nicht mehr so auf.“ Aber: Paddeln sei anstrengend und kräfteraubender als man denkt.

Diese sieben Münchner Brücken sind einen Besuch wert

Dazu kommt, dass es ja nicht nur die Münchner sind, die auf Bootstour gehen – und die unter Umständen in der Früh noch schnell den Wasserstand der Isar checken könnten. Aigner und seine Leute haben auch schon Teilnehmer eines Junggesellenabschieds aus dem Fluss gefischt, die kamen aus dem Rheinland – und hatten das Abenteuer ein Jahr im voraus geplant. „Die ziehen das dann auch auf Gedeih und Verderb durch.“ Auch wenn die Isar an dem Tag nur so rauscht vor lauter Hochwasser.

So sehr man sich darüber freuen könnte, dass gerade junge Leute, die sonst doch den ganzen Tag nur aufs Handy starren, wieder Erlebnisse suchen in der Natur – so sehr wird der bloße Spaßcharakter der Isartouren zum Problem. Als lustig gilt offenbar, wenn das Schlauchboot mehr einer Plane gleicht als einem Boot. Wenn unterwegs rumgeblödelt wird auf Teufel komm raus und gern auch mal der eine oder andere unfreiwillig über Bord geht. Wer zur Vorsicht mahnt, gilt da schnell als Spielverderber. „Die Kombination Billigschlauchboot und Alkohol ist fatal“, mahnt entsprechend auch Andreas Aigner. Sehr unerfreulich sei auch, wenn Boote, die komplett den Geist aufgegeben haben während der Fahrt, dann einfach irgendwo zurückgelassen werden. „Wenn wir die dann sehen, heißt es, dass wir nach potenziell verunglückten Leuten suchen müssen, da sind schnell mal 30, 40 Helfer gebunden.“

Ohnehin ist es ein ziemlicher Aufwand, havarierten Ausflüglern, die Hilfe brauchen, diese Hilfe auch zukommen zu lassen. Die Isar ist an vielen Stellen schwer zugänglich, man muss die Betroffenen, die oftmals keine Ahnung haben, auf welcher Höhe sie sich ungefähr befinden (auch wenn ab und an die Flusskilometer ausgeschildert sind), erst einmal ausmachen. „Wir sind vor zwei Stunden in Wolfratshausen losgefahren“ – anhand solcher Mitteilungen müssen sich die Rettungsmannschaften dann orientieren. Und hin und wieder kommt es auch vor, dass die Sicherheitskräfte bei diesen schwierigen, zeitraubenden Einsätzen, an denen manchmal sogar Rettungshubschrauber beteiligt sind, selbst ihr Leben riskieren. Wie in dem Fall, in dem ein Rettungstaucher, nur mit einem Seil gesichert, in eine Wasserwalze bei einem der Wehr springen musste.

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