Bürokratie und technische Zwänge

Inhaberin von Grünwalder Institution gibt nach 13 Jahren auf: „Ich liebe meinen Beruf, aber ...“

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Bücher sind ihr Leben: Silvia Horn fällt es schwer, sich von ihrer Buchhandlung verabschieden zu müssen. 

Dieser Jahreswechsel wird für alle Freunde der Buchhandlung Horn in Grünwald traurig: Nach 13 Jahren beendet Silvia Horn (58) ihr Unternehmerdasein und übergibt den Stab an die Buchhandlung Rupprecht. Über die Gründe hat Horn mit dem Münchner Merkur gesprochen.

Grünwald – Viele Grünwalder sind untröstlich, dass sich die Buchhandlung in der Schlosspassage von ihrer guten Seele Silvia Horn verabschieden muss. Die Inhaberin hätte selbst auch nicht gedacht, dass ihr die letzten Tage so nahegehen. Silvia Horn und ihr Team – Irene Held, Sissy Limpert und Claudia Sperling – empfehlen nicht nur Bücher. Sie geben auch immer ein Stück von sich selbst mit hinein: „Wir erzählen nicht einfach den Inhalt, sondern davon, was das Buch mit uns gemacht hat.“ Dadurch lerne man sich auf einer ganz tiefen Ebene kennen und spüre, ob die Botschaft beim Gegenüber ankommt.

Das Team bleibt. Claudia Sperling als Leiterin der Kinderbuchabteilung beispielsweise kennt ihre Pappenheimer seit der Geburt und weiß manchmal mehr als die Eltern über die Lesevorlieben. Silvia Horn ist froh, dass sich daran auch in Zukunft nichts ändert, wenn Rupprecht im Januar die Buchhandlung übernimmt.

Grünwald Buchladen bei einem Brand im Jahr 2010 zerstört

1995 ist Silvia Horn „als junge Mutter hier aufgeschlagen“ – als Angestellte in der Buchhandlung. Und hat sie im Januar 2007 übernommen. In der Zeit sammelten sich viele Erlebnisse an. Eines davon war der Brand im Jahr 2010. Sie saß innerhalb eines Jahres in drei Buchläden – in einem zerstörten, einem Interimsladen und am Schluss im neuen auf größerer Fläche – der Platz wuchs von 110 auf 180 Quadratmeter an.

In Grünwald haben Buchhändler das große Glück, dass die Menschen Kultur mögen, gerne informiert sind. Sie legen Wert auf Bücher und darauf, dass ihre Kinder lesen. Nichtsdestotrotz ist es, das attestiert die Germanistin, ein sehr kritisches Publikum, das wissen will, was in den Büchern steht: „Wenn Sie nicht kompetent sind, gehen Sie unter.“ Aber der Vorteil: Die digitale Konkurrenz, der alle Einzelhändler ausgeliefert sind, sei hier nicht so schlimm. Im Gegensatz zu anderen Gegenden gibt es in Grünwald kein Publikum, das nach der persönlichen Beratung bei Amazon ein Schnäppchen machen will. „So sehr der eine Teil der Menschheit daheim bleibt und online verschwindet, gibt es einen anderen, der bereit ist, für eine gute Beratung Wege zu fahren.“

Arbeitsaufwand war für Buchhändlerin nicht mehr zu stemmen

Aber der Arbeitsaufwand, er war nicht mehr gut zu stemmen. Neues Personal war trotz monatelanger Suche nicht zu finden. Die Zusatzaufgaben wuchsen an. Um die Datenschutzverordnung muss sich gekümmert werden. Ein neues Kassensystem wird nächstes Jahr Pflicht, das nicht nur Geld, sondern auch Nerven kostet. „Ich bin als Buchhändlerin geisteswissenschaftlich orientiert und Germanistin. Meine technischen Kenntnisse sind nicht besonders und die Freude über die neuen Zwänge auch nicht.“ Ein Informatiker sei zu teuer.

Außerdem gebe es eine neue Verpackungsordnung. Am Ende des Jahres muss eine Dokumentation über die Verpackungen erstellt werden. Die Grünwalderin spricht es unverblümt aus: „Ich liebe meinen Beruf, aber das Drumherum macht einen fertig.“ Einzelhändler in dieser Größe haben da bisweilen schlaflose Nächte. Conclusio: „Ich werde gebeutelt, während Amazon einen Anwalt hat.“

In diesen 13 Jahren habe sie Tage erlebt, an denen sie erschöpft war von der vielen Verwaltung tagsüber und dem leidenschaftlichen Lesen in der Nacht. 300 Seiten mussten es schon sein. Morgens kletterte sie dann die Treppe zum Geschäft hinauf mit dem Gedanken: „Eigentlich bräuchte ich ein Sabbatjahr.“

Das wird sich in Grünwalder Institution alles ändern

Für die 58-Jährige ist es jetzt das Wichtigste, dass es weitergeht. „Ich bin ja nur ein Viertel des Ladens. Klar habe ich die Verantwortung, aber ich bin nichts ohne die anderen. Und wenn ich einen Käufer habe wie Rupprecht, der 43 Filialen hat und eine Zentrale, der kann das besser regeln.“ Es gibt einen Computernotdienst, der sich kümmert. Dadurch entstehen Freiheiten und die Buchhändler können sich mehr um die Themen kümmern, die in ihrem Fachgebiet liegen. Zum Team stößt eine Filialleiterin hinzu, die mit Bedacht für Grünwald ausgewählt worden ist. Melanie Eidler hat sich bereits bei einem Bücherabend vorgestellt. Der neue Eigentümer freut sich, eine literarisch wertvolle Buchhandlung mit in sein Netz aufzunehmen.

Silvia Horn wird auch nach der Übergabe weiterlesen. Ein Leben ohne Bücher ist für die Buchhändlerin, die in Grünwald aufgewachsen ist und in Oberhaching lebt, unvorstellbar. Sie hat jetzt mehr Zeit, die Pralinen der Literatur zu entdecken. Neben der Traurigkeit gibt es ein kleines Licht, das sagt Freiheit und: „Schau ma mal, was das Leben noch bringt.“

Abschiedsfest

Unter dem Motto „Abschied und Neubeginn“ sind am Freitag, 27. Dezember, ab 19 Uhr alle Freunde der Buchhandlung Horn zu einer kleinen Feier eingeladen.

Auch im Landkreis Dachau müssen sich die Bürger Abschied nehmen. Ein Kult-Lokal schließt, weil der Betreiber während einer Pilgerreise eine spontane Eingebung hatte.

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